Das kurze Intermezzo der “ I. Brandenburgischen VP-Bereitschaft“ in Küstrin-Kietz

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Die frühere Artilleriekaserne diente für fünf Monate der I.VP-Bereitschaft Brandenburg, als Quartier

Die Stadt Küstrin diente nicht nur jahrhundertelang als Garnisonsstadt, sie galt darüber hinaus auch als „ Wiege des brandenburgisch-preußischen Militärs“. Nach 1945, Angesichts der immensen Folgen des Zweiten Weltkriegs, unter anderem auch für Küstrin selbst, sollte nun alles anders werden. Militarismus und Krieg sollten im Bewusstsein der Völker fortan keine Rolle mehr spielen.

Leider hielten die guten Vorsätze nicht lange an. Bald schon standen sich die Sowjetunion und die USA, vor kurzem noch Verbündete und Sieger gegen Hitlerdeutschland, als Feinde gegenüber. Europa, vor allem Deutschland, erlebte die Teilung in verschiedene Machtblöcke. Das kurzzeitig in Misskredit geratene Militär feierte seine Wiederkehr. Wenn auch nicht immer unter den Augen der Öffentlichkeit. Schon gar nicht in der deutschen Ostzone bzw. der späteren DDR. Die bekanntlich für sich den Anspruch erhob ein „ Hort des Friedens“ zu sein.

Wie weit Anspruch und Wirklichkeit auch in dieser Hinsicht auseinander klafften, zeigt das nachfolgend geschilderte Beispiel von Küstrin-Kietz:

Die Geschichte nahm ihren Anfang im September 1949 in dem beschaulichen Städtchen Großenhain. Dem Standort der III. Volkspolizeibereitschaft Sachsen. Einer in erster Linie militärisch ausgerichteten Formation.

Zu den Angehörigen dieser Truppe gehörte auch der damals Neunzehnjährige, aus Leipzig stammende Heini Fritsche. Der junge Mann hatte sich dem Rat seines Onkels, eines altgedienten Polizisten, folgend, freiwillig zur Volkspolizei gemeldet. Vordergründig, um eine Arbeitsverpflichtung bei der Wismut im Erzgebirge zu entgehen. In Wahrheit faszinierte der Polizeiberuf Heini Fritsche schon sehr früh. Weitaus weniger begeisterte ihn dagegen die Politik in der damaligen Ostzone. „ Man kann auch in einer Diktatur ein guter Polizist sein“, zerstreute der Onkel seine Zweifel bezüglich eines Eintritts in die Reihen der Volkspolizei.

Ob der in der NS-Zeit als Polizeibeamter aktive Onkel mit diesem Ratschlag nur sein eigenes Gewissen beruhigen wollte, ist nicht überliefert . Denn ein Polizist hat es gewöhnlich nicht immer in der Hand, zu welchen Zwecken er während seiner Dienstzeit eingesetzt wird.

Für die erste Ernüchterung sorgte der Kasernenalltag in Großenhain. Der so gar nichts mit dem spannenden und abwechslungsreichen Leben eines Polizisten zu tun hatte. Immerhin konnte Fritsche dem stupiden Drill bereits nach einer dreiwöchigen Ausbildung entrinnen. Den Offizieren war seine Fähigkeit sich in Wort und Schrift sehr gut ausdrücken zu können, aufgefallen. Statt im Gelände oder auf dem Kasernenhof, fand sich Fritsche in der Personalstelle, im Stab der Bereitschaft wieder.

Die Idylle sollte jedoch nicht lange anhalten. Gerüchte um eine Verlagerung des Standortes an einen fernen Ort, machten die Runde. Es dauerte nicht lange, bis aus den Gerüchten Gewissheit wurde Abgesandte Vorauseinheiten sollten den neuen Standort erkunden und die Einquartierung vorbereiten helfen. Mit Ausnahme dieser Vorauseinheiten erfuhr noch niemand wohin die Reise gehen sollten. Obwohl zu strengsten Stillschweigen verpflichtet, sorgten Angehörige der Vorauseinheiten bei der Rückkehr von den Einsätzen immer wieder für Unruhe unter den übrigen Volkspolizisten: „ Der neue Standort liegt weit im Nordosten. Direkt an der neuen polnischen Grenze. In einem vom Krieg fast völlig zerstörten Ort. Dort steht kein Stein mehr auf den anderen. Das Wasser in den Brunnen ist ungenießbar, weil dort noch immer die Reste toter Soldaten schwimmen.“

Am 30.09. 1949, wenige Tage vor dem Gründungstag der DDR, erfuhren die Angehörigen der III. Volkspolizeibereitschaft Sachsen, im Rahmen eines feierlichen Appells, offiziell von der unmittelbar bevor stehenden Verlegung der gesamten Einheit an einen anderen, noch immer namentlich nicht genannten Standort. Und der nunmehrigen Unterstellung unter die im Ostteil Berlins angesiedelte „ Hauptverwaltung Ausbildung“. Für die Zukunft der zumeist jungen Volkspolizisten eine wichtige Mitteilung, deren Bedeutung sich die meisten von ihnen in jenem Moment nicht im klaren sein konnten.

Die Geheimniskrämerei um den neuen Standort erscheint aus heutiger Sicht verwunderlich. An Hand freigegebener Akten der CIA lässt sich belegen, dass der amerikanische Geheimdienst von Anfang an über die Verlegung der VP-bereitschaft Bescheid wusste. Anders als das Gros der Polizisten, kannte die CIA auch den Namen des künftigen Standortes: Küstrin-Kietz. Konkret die eigentlich im früheren Stadtteil „Altstadt“ befindliche, ehemalige Artilleriekaserne. Die in Folge der Westverschiebung Polens und des damit verbundenen Verlustes der östlich der Oder gelegenen Stadtteile, nun zu Küstrin-Kietz gehörte. Wie sich später herausstellen sollte, besaßen sowohl die CIA als auch der Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes, der „ Organisation Gehlen“, in Küstrin-Kietz ein beachtliches Netz an Informanten. Das erst Mitte der Fünfziger Jahre von der Staatssicherheit gesprengt werden konnte.

Wirklich geheim konnte die baldige Neubelegung der Artilleriekaserne ohnehin nicht bleiben. Waren doch vor der Ankunft der Truppe umfangreiche Reparatur und Instandsetzungsarbeiten an den im Krieg schwer beschädigten Gebäuden notwendig. Für deren Ausführung zeichnete sich die „Märkische Bauunion“ verantwortlich. Die Bauarbeiten blieben natürlich der Bevölkerung, die zumeist noch in Ställen, Ruinen und selbst in Erdlöchern hauste, nicht verborgen. Bei dem daraus entstehenden Unmut erscheint es kaum verwunderlich, dass es den westlichen Geheimdienste nicht sonderlich schwer fiel unter Bevölkerung Agenten zu rekrutieren.

Am späten Abend des 01. Oktober 1949 setzte sich die aus einem grauen Band von Lastwagen bestehende Fahrzeugkolonne von Großenhain aus in Bewegung. Immer in Richtung Norden. Müllrose ist der erste an der damaligen Fahrstrecke liegende Ort, an den sich Heini Fritsche heute nach so vielen Jahren noch erinnern kann.

Irgendwann, in den frühen Morgenstunden des 02. Oktober 1949, dem 20.Geburtstag von Heini Fritsche, erreichte der Konvoi das Eingangstor der Artilleriekaserne.

Ein übernächtigter Posten in VP-Uniform öffnete das Tor. Nachdem die Kolonne den Kasernenhof erreicht hatte, begann ein wohl jedem ehemaligen Wehrpflichtigen bekannt vorkommendes Prozedere:

Begleitet von lauten Kommandorufen, todmüde und frierend, quälten sich die Männer von den Fahrzeugen. Verhalten sondierten sie ihre alles anderem als einladend wirkende „ neue Heimat. In den kommenden Stunden wurden die Ankömmlinge auf die jeweiligen, überwiegend aus Baracken bestehenden Unterkünfte aufgeteilt.

Zur selben Zeit trafen auch die Arbeiter der „ Märkischen Bauunion“ an ihrer Arbeitsstelle ein. Die Polizisten erlebten hautnah das Wiedererstehen der alten kaiserlichen Kaserne, die bis 1945 den Namen eines Generals von Lotterer trug, mit. Noch glaubte die Mehrheit der Arbeiter, dass sie es mit einer normalen Polizeitruppe zu tun hatten. Deren zahlenmäßig hohe Anzahl mit der Staatsgrenze erklärt wurde. Bald sollte jedoch ein unvorhergesehenes  Ereignis diese Illusion brutal zerstören.

 

Währenddessen versuchten die Neuankömmlinge aus Großenhain sich an ihrem neuen Standort zurecht zu finden. Erst jetzt erfuhren die Männer den Namen des Ortes, der Ihnen für die nächste Zeit die Heimat ersetzen sollte. Trüb und träge floss der Oderstrom unweit der Kaserne vorbei. Am anderen Ufer, wo sich die Wälle der ehemaligen Festung Küstrin wie ein Relikt aus vergangenen Tagen erhoben, patrouillierten polnische Grenzsoldaten. Kontakte zur anderen Seite gab es nicht. Die vielbeschworene Völkerfreundschaft bestand auch hier lediglich auf dem Papier.

Angesicht der beklemmenden Zustände fiel es den Polizisten schwer, sich mit ihrem neuen Standort anzufreunden. Küstrin-Kietz lag bekanntlich noch in Trümmern. Dafür entwickelte sich eine Gaststätte im benachbarten Manschnow zum Hauptziel der Uniformierten. Vor allem Samstags. Wenn im Saal Gaststätte, bei der es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um die an der B 1 gelegenen Gaststätte „ Zur Linde“ handelte, zum Tanz aufgespielt wurde. Einer der Polizisten, der spätere langjährige Bürgermeister von Gorgast ,Hans Babatz, lernte dabei übrigens seine Ehefrau kennen. Ansonsten verhielt sich die einheimische Bevölkerung gegenüber den Fremden in Uniform eher zurückhaltend. Anders als früher, genoß das Militär in Küstrin-Kietz und Umgebung kein hohes Ansehen mehr. Während überall in den Dörfern viele Menschen noch immer in Ruinen oder notdürftig zusammengeflickten Häusern lebten, wurden die vorhandenen Baukapazitäten eigens für die neue Garnison auf der Oderinsel eingesetzt. Kohle und anderes Brennmaterial, anderswo absolute Mangelware, stand den Volkspolizisten in ausreichender Menge zur Verfügung. Diese Ungleichbehandlung schürte zusätzlich den Unmut gegen die Volkspolizei. Deren Angehörige ohnehin als Repräsentanten des ungeliebten Sowjetregimes galten.

Die vormalige III. Sächsische VP-Bereitschaft firmierte nach ihrer Ankunft in Küstrin-Kietz fortan unter der Bezeichnung 1. VP-Bereitschaft Brandenburg, „ Kategorie B“. Hinter den einzelnen Kategorien verbargen sich die jeweiligen Waffengattungen. Der Buchstabe B stand in diesem Fall für Artillerie.

An der Spitze der in Küstrin-Kietz stationierten Einheit standen VP-Oberrat Heinz Steuer, VP-Rat Gomoll, VP-Rat Kung und VP-Oberrat Gewod. Zumindest offiziell. Denn im Hintergrund hielt in der Artilleriekaserne jemand anderes die Fäden in der Hand : der Verbindungsoffizier zum sowjetischen Militärgeheimdienst „GRU“. Ein ungefähr fünfundzwanzigjähriger, 1, 65 m großer, dunkelhaarige Oberleutnant, der sich Michailow nannte. Ob er tatsächlich Michailow hieß, ist nicht überliefert. Möglicherweise handelte es sich dabei lediglich, wie in Geheimdienstkreisen üblich, um einen Decknamen.

Wie dem auch sei- Oberleutnant Michailow avancierte bald schon zum Schrecken der gesamten Kaserne. Zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehörte es, in den Nächten, verborgen hinter Trümmerbergen oder in einem Gebüsch, die Wachposten zu belauern. Immer wieder geschah es, dass Michailow einen vor sich hin dösenden unaufmerksamen Posten hinterrücks überwältigte. Anschließend fand sich der überrumpelte Polizist für einige Tage im Arrest wieder. Gefahr drohte den Wachposten jedoch noch von einer ganz anderen Seite. Mehr als einmal kam es vor, dass die in Odernähe patrouillierenden VP-Angehörigen vom gegenüberliegenden Oderufer aus, von polnischen Grenzsoldaten beschossen wurden. Über die Motive für die Handlungsweise der Polen ist nichts bekannt. Man kann jedoch davon ausgehen, dass auch später noch in der Propaganda oft beschworene Völkerfreundschaft ebenso oft nur auf dem Papier bestand. Allzu frisch waren noch die gerade von Deutschen dem polnischen Volk geschlagenen Wunden. Nach solchen Vorkommnissen eilte Oberleutnant Michailow jedes Mal wutentbrannt über die Oderbrücke zur polnischen Militärkommandantur nach Kostrzyn, um die dortigen Offiziere lautstark an ihre Pflichten zu erinnern. Zähneknirschend gehorchten die Polen dem cholerischen Oberleutnant in der erdbraunen Uniform. Wohl wissend, das auf beiden Seiten der Oder in erster Linie die Sowjets, nicht jedoch Polen oder Deutsche, das Sagen hatten.

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Die Festung Küstrin-Von hier aus nahmen polnische Grenzposten zuweilen die am hiesigen Oderufer patrouillierenden Volkspolizisten unter Beschuss. Ein verschwiegenes Kapitel der Geschichte der “ Oder-Neiße-Friedensgrenze“.

Die Anwesenheit der zukünftigen Artillerieeinheit in Küstrin-Kietz stand von vornherein unter keinem guten Stern. Ende Oktober 1949 sollten aus dem Zentralen Versorgungslager Minenwerfer aus sowjetischer und Feldhaubitzen aus deutscher Produktion in die Kaserne gebracht werden. Um den Transport vor der Bevölkerung und nicht zuletzt den Arbeitern der „ Märkischen Bauunion“ gegenüber geheim zu halten, sollte der Transport in den Nachtstunden erfolgen. Unterwegs erlitt eines der Fahrzeuge eine Panne. Notdürftig repariert, traf der LKW zusammen mit den anderen Fahrzeugen erst am Vormittag in Küstrin-Kietz ein. Der Anblick der Kriegswaffen löste unter den Arbeitern sofort heftige Proteste aus. „ Ihr wollt hier also schon wieder Krieg spielen?“ Diese und andere wütende Fragen schlugen den Polizisten entgegen. Dabei fühlten sich zumindest die Mannschaften selbst betrogen. Auf diese Art und Weise erfuhren sie zum ersten Mal von ihrem künftigen Verwendungszweck als Artilleristen. So unglaublich das auch klingen mag!

Noch am selben Tag setzten unbekannt gebliebene Täter im Keller eines der Kasernengebäude einen dort befindlichen Kohlenstapel in Brand. Zu den mit der Aufklärung des Brandanschlag beauftragten Offizieren gehörte auch der spätere MfS-Generals und Büro-Leiter Erich Mielkes, Hans Carlsson.

Die Ermittler stießen jedoch auf eine Mauer des Schweigens. Nach einigen Wochen mussten sie ihre Untersuchungen ergebnislos einstellen. Eine in jeder Hinsicht herbe Niederlage für die „Hauptverwaltung Ausbildung“. Nicht allein eines nicht aufgeklärten Verbrechens wegen. Viel schlimmer wog der Umstand, dass die Tarnung als „ einfache Polizeitruppe“ gegenüber der Bevölkerung und dem „ Westen“ nun nicht mehr länger aufrecht erhalten werden konnte. Zudem löste der Vorfall tiefes Mißtrauen aus. Theoretisch konnten die Täter sowohl aus den Reihen der Kietzer Bevölkerung, der Arbeiter der „ Märkischen Bauunion“ und den in der Kaserne stationierten Volkspolizisten stammen. Der „ Generalverdacht“ verstärkte das ohnhein vorhandene Mißtrauen der Führung noch zusätzlich.

Auch sonst stand die Anwesenheit der „ Volkspolizei-Artillerie“ in Küstrin-Kietz unter keinem guten Stern. Die Einheit verfügte nun zwar über geeignete Bewaffnung. Aber was nutzt die beste Bewaffnung, wenn die dazu vorgesehenen Bedienungen damit nicht trainieren dürfen? Beinahe täglich ereigneten sich in und um Küstrin-Kietz schwere, ja sogar tödliche Unfälle durch im Boden verborgene Fundmunition. Selbst das südlich der Kaserne gelegene, bereits von den Truppen Kaiser Wilhelms genutzte Übungsareal, erwies sich in jeder Hinsicht buchstäblich als „ vermintes Gelände“. Kurz um-die Kanonen blieben in den Garagen!

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ehemalige Fahrzeughallen auf dem Gelände der Artilleriekaserne

Ausbildung fand zunächst lediglich auf dem Kasernenhof statt. Wie nun mittlerweile seit fast einem halben Jahrhundert, hallte das Getrappel unzähliger Stiefel von den Gebäuden der Artilleriekaserne wieder. Marschgesänge wurden immer und immer wieder geprobt. Statt vom schönen Westerwald und dem Mädchen Lore, sangen die Rekruten nun Lieder der kommunistischen „ Agit-Prop-Bewegung“. Angestimmt von zumeist aus der Wehrmacht übernommenen Ausbildern. Ein als „ Spieß“ eingesetzer VP-Meister hatte die selbe Funktion bis 1945 hier in der Artilleriekaserne ausgeübt. Ja, auch die DDR konnte und wollte beim Aufbau ihrer Streitkräfte nicht völlig auf die Erfahrungen früherer Wehrmachtskader verzichten!

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Der ehemalige Kasernenhof. Hier fand die provisorische Ausbildung der Volkspolizisten statt.

Ungeachtet der ungünstigen Bedingungen erfolgte noch 1949 eine Aufstockung des Personals von zunächst 250 Mann auf eine Ist-stärkt von 781. Laut Heini Fritsche stammte ein Großteil der neuen Mannschaften aus den nun zu Polen gehörenden früheren Deutschen Ostgebieten. Viele von ihnen wiesen erschreckende intellektuelle Defizite auf.

Folgenlos blieben diese Defizite jedoch nicht. In Küstrin-Kietz musste zwar notgedrungen auf die praktische, nicht jedoch auf die theoretische Artillerieausbildung verzichtet werden. Diese betrug 16 Stunden, in denen Menschen mit wenigen Jahren Volksschulbildung, unter anderem durch „ qualifiziertes Rechnen“, zu Richtkanonieren ausgebildet werden sollten.

Als Folge der ständigen Überforderung traten gehäuft regelrechte Nervenzusammenbrüche unter den Polizisten auf. Andere suchten ihr Heil in der Flucht. Statt die Ausbildung dem individuellen Können der Mannschaften anzupassen, oder Defizite durch geeignete Maßnahmen abzustellen, reagierte die militärische Führung mit unangemessener Härte und politischen Worthülsen.

Die politische Indoktrination spielte in jenen Tagen in der Artilleriekaserne von Küstrin-Kietz auch sonst eine große Rolle. So erschien eines Tages ein Abgesandter der Hauptverwaltung Ausbildung“, aus Berlin um vor den angetretenen Volkspolizisten eine in jeder Hinsicht „ merkwürdige“ Rede zu halten.

Dem Offizier ging es darum die Anwesenden in „ flammenden Worten“ auf vermeintlich bevorstehende künftige bewaffnete Auseinandersetzungen vorzubereiten. Seine Stimme überschlug sich beinahe, als er von der Bedrohung durch das „ Adenauerregime“ sprach. Die Tiraden gipfelten in der Ankündigung, „dass die Zuhörer in wenigen Monaten in Köln, Stuttgart oder Hamburg stehen würden, um die dortigen Arbeiterklasse zu befreien.“

Stand den Deutschen 1949 /50 ein Bruderkrieg bevor? Einige gingen offenbar fest davon aus. Bemerkenswert, dass ausgerechnet die DDR entgegen späteren Behauptungen, intern eine durchaus aggressive Rhetorik pflegte.

Eine Rhetorik, die durchaus nicht bei jedem die gewünschte Wirkung erzielte. Heini Fritsche ging mehr und mehr auf Distanz zum herrschenden Regime. Um nicht selbst tatenlos in einen deutsch -deutschen Bruderkrieg hineingezogen zu werden, fasste er den Entschluss, bei der nächsten Fahrt in den Heimaturlaub, in Berlin einen Zwischenstopp einzulegen. Dort wollten er dann den im Westteil der Stadt gelegenen Sender „ RIAS“ aufsuchen und über die bedenkliche Entwicklung in der DDR berichten. Dabei verdrängten sie das buchstäblich tödliche Risiko, dass dieser mehr als gewagten Aktion anhing. Auf den Verrat militärischer Geheimnisse standen viele Jahre Zuchthaus.

Fritsche ging Wagnis dennoch ein. Zielstrebig begab sich der junge Mann zum Sendehaus des RIAS. Um nicht als Volkspolizist erkennbar zu sein, trug er einen Kradmeldermantel aus den Beständen der Wehrmacht. Damals ein durchaus modernes Bekleidungsstück. Die Rangabzeichen hatte er zuvor entfernt und die Mütze in der Tasche versteckt.

Hans-Peter Herz empfing den Besucher aus der „Zone“ gemeinsam mit seinem ebenfalls als Moderator tätigen Vater. Fritsche machte aus seinem Herzen keine Mördergrube. Haarklein berichtete er den Radiomännern von den Zuständen in Küstrin-Kietz, dem Propagandarummel und der getarnten Aufrüstung. Jeder einzelne Satz erfüllte den Tatbestand des „ Militärischen Geheimnisverrates“. Fritsche betonte jedoch gegenüber den Moderatoren, dass er für diese Informantionen keinerlei Belohnungen verlangt. Er wolle auch nicht mit einem westlichen Geheimdienst in Kontakt treten. Ihm ginge es einzig und allein darum, dass diese Umstände den verantwortlichen Stellen in Westberlin und der Bundesrepublik, ohne Quellenangabe, zur Einleitung entsprechender Maßnahmen bekannt werden.

Herz vereinbarte zum Abschied mit den Polizisten weitere Treffen. Er entließ sie nicht ohne an ihre Vorsicht zu appellieren. Die Männer hatten ihm wervolle, zum Teil brisante Informationen geliefert. Dessen war sich der Radio-Moderator sehr wohl bewusst. Er wollte die beiden noch blutjungen Männer auch keinen unnötigen Gefahren aussetzen. Schließlich war das von ihnen eingegange Risiko bereits hoch genug.

Nach dem zweiten Besuch beim RIAS bestellte Oberleutnant Michailow Heini Fritsche zu sich. Mit vor Schreck weichen Knien begab sich der junge Polizist in das normalerweise von allen gemiedene Dienstzimmer des sowjetischen Offiziers. Waren er und sein Freund Pohl aufgeflogen?

Michailow erwartete ihn mit lächelndem Gesicht. Die zur Schau getragene Freundlichkeit trog jedoch. Als gelernter Geheimdienstler konnte der selbst noch junge Oberleutnant seine wahren Gefühle für andere unsichtbar, verbergen.

Danke, dass du so schnell gekommen bist. Setzt dich doch, Genosse Fritsche“, empfing er den Volkspolizisten. Zu seinem Erstaunen hörte dieser aus dem Mund des Oberleutnants, regelrechte Lobeshymnen auf seine Person. Fritsche, der über während der Schulzeit erworbene Russischkenntnisse verfügte, hatte den Offizier nach entsprechender Anforderung in der Vergangenenheit einige Male bei Schreibarbeiten gute Dienste geleistet. Wollte ihm Michailow lediglich seinen Dank aussprechen?

Nein. Ehe er „ die Katze aus dem Sack ließ“, kam der Offizier auf die „ politische Weltlage“ zu sprechen. Die er in den „ schwärzesten Farben malte“. Die „ notwendigen Abwehrmaßnahmen des Sozialismus“ ansprechend, näherte sich Michailow endgültig dem eigentlichen Ziel. „ Genosse Fritsche, dir wird sicher nicht entgangen sein, dass es um die Stimmung in der Truppe nicht zum besten bestellt ist. Unter den Mannschaften gibt es einige Unruhestifter und Hetzer. Wir müssen sie im Auge behalten. Und du wirst mir dabei helfen, in dem du regelmäßig detaillierte Stimmungsberichte verfasst.“

Mit diesem „ unmoralischen Angebot“ hatte Fritsche nicht gerechnet. Standhaft weigerte er sich dem Ansinnen Folge zu leisten. „ Der größte Lump im ganzen Land, dass ist der Denunziant“, erwiderte er mit zitternder Stimme.

Michailows aufgesetzte Freundlichkeit verschwand auf einen Schlag: „ Das ist eine bourgeoise Haltung“, brüllte er den Wachtmeister, hochrot vor Zorn an. „ Du wirst diesen Auftrag ausführen. Keine Widerrede! Ich werde dir jetzt eine Verpflichtungserklärung diktieren. Diesen Auftrag kannst du nicht ablehnen. Dazu weißt du bereits zu viel! Im Fall einer Weigerung wird das nicht ohne Konsequenzen bleiben. Weder für dich, noch für deine Familie daheim in Leipzig. Dir sind mindestens zehn Jahre Zuchthaus sicher. Für deine Familie werden wir dann auch entsprechende Maßnahmen ergreifen.“

Die wütenden Drohungen verfehlten ihre Wirkung nicht. Eingeschüchtert unterzeichnete Fritsche die geforderte Verpflichtungserklärung. „ Du kannst jetzt gehen“, sagte Oberleutnant Michailow, nun wieder um einiges freundlicher. „ In Kürze erwarte ich einen allgemeinen Bericht über die Stimmung in der Kaserne, auf meinem Schreibtisch.“

Vor Wut und Verzweiflung heulend, schloss sich Fritsche in seinem Dienstraum ein. Langsam kehrte die Fassung zurück. Nach einer Lösung aus dem Dilemma suchend, lief er im Zimmer auf und ab. Den Gedanken zu desertieren, verwarf er sofort wieder. Den Auftrag wie von Michailow gefordert auszuführen, widerstrebte ihm noch mehr.

Fritsch fand in Franz Pohl erneut einen guten Kameraden und Zuhörer. Dieser riet ihm, einen tatsächlich völlig allgemein gehaltenen Bericht zu verfassen. Als Ursache der vorherrschenden Mißstimmungen sollte die schlechte Unterbringung, Probleme bei der Ausbildung und die Unzufriedenheit über die zum Teil aus der faschistischen Wehrmacht stammenden Offiziere herhalten. Was ja genaugenommen auch der Wahrheit entsprach. Allerdings sollte in dem Bericht kein einziger Name auftauchen. Michailow durfte keine Handhabe bekommen, gegen irgend jemanden vorzugehen.

Ein gut gemeinter, letztendlich jedoch sehr naiver Ratschlag. Zunächst wartete Fritsche Michailows weiteres Verhalten ab. Aber schon nach wenigen Tagen mahnte der Oberleutnant in unmißverständlichem Tonfall den Erhalt des Berichtes an.

Zunächst folgte Fritsche beim Verfassen der Niederschrift dem Rat seines Kameraden. Dann fasste er einen sehr mutigen Entschluss: der Volkspolizist wollte sich selbst „ dekonspirieren“. Den gefertigten Bericht unterzeichnete er nicht wie in solchen Fällen üblich, mit einem Decknamen. Fritsche setzte zum Abschluss unter die Zeilen, für jedermann lesbar, seinen kompletten Klarnamen. Statt das Papier bei Michailow abzugeben, lies er es, wie zufällig, im Gedränge des Speiseraums, wie zufällig, auf den Boden fallen. Wer das Blatt fand, aufhob und las, der wusste sofort das Heini Fritsche als Informant für Michailow arbeitete. Da ein enttarnter Informant keinen Nutzen mehr darstellt, würde ihn Michailow künftig in Ruhe lassen.

Heini Fritsches Plan glich einer Rechnung mit vielen Unbekannten. Wer weiß, ob den zusammengeknüllten Zettel überhaupt jemand las. Zudem musste er damit rechnen, als „Spitzel“ und „ Kameradenschwein“, womöglich Schikanen anderer Mannschaftsdienstgrade ausgesetzt zu sein. All das erschien ihm jedoch weit weniger schlimm, als der Auftrag die eigenen „Genossen“ auszukundschaften.

Zu seiner Überraschung ging der Plan auf: Zunächst landete der Bericht eine Stunde später auf dem Schreibtisch des Leiters der Bereitschaft, VP-Rat Kunz. Der „Autor“ konnte mühelos festgestellt werden. „ Schickt mir sofort den Genossen Fritsche zu mir“, brüllte der Offizier über den Flur. Kurz darauf stand der Wachtmeister mit zerknirschter Mine vor seinem Kommandeur. „ Was hat dieser Wisch zu bedeuten? Sind Sie von allen guten Geistern verlassen?“ „ Nein“, antwortete Fritsche. „ Ich habe lediglich einen Auftrag von Oberleutnant Michailow ausgeführt. Daraufhin warf ihm der VP-Rat einen starren Blick zu. „ Der Bericht ist für den Genossen Michailow bestimmt?“ „ Jawohl, Genosse VP-Rat.“ „ Ist gut. Hauen Sie ab, Genosse.“

Das Dienstzimmer des Kommandeurs befand sich in einem Barackenbau. Durch die dünnen Wände war das Gebrüll des VP-Rates bis in die anderen Dienstzimmer gedrungen. VP-Oberrat Steuer, der Politoffizier der Bereitschaft, steckte neugierig seinen Kopf aus der Tür. „ Was war denn los?“, erkundigte er sich bei Fritsche, als dieser aus dem Dienstzimmer des Leiters trat. „ Kann ich bitte mit ihnen reden, Genosse Steuer?“ „ Natürlich. Kaum rein Junge.“

Fritsche, instinktiv eine große Chance witternd, vertraute sich dem Politoffizier an. Unmissverständlich schilderte er die „Anwerbung“ als Informant in Michailows Diensten. VP-Oberrat Steuer hörte aufmerksam zu. Dann sagte er laut: „ Sind wir schon wieder soweit, dass sie so etwas mit unserer Jugend machen?“ Heinz Steuer, ein früherer Gewerkschafter und bis 1945 Mitglied der SPD, zeigte sich fassungslos. „ Du kannst jetzt gehen. Mach dir keine Sorgen mehr. Für dich ist diese Angelegenheit erledigt.“ Dann griff er zum Telefonhörer um Michailow seinen Unmut zu verkünden. Wenige Tage später erhielt Fritsche einen Anruf. „ Was hast du getan? Wir dürfen uns nun nicht mehr treffen“, klagte Michailow am anderen Ende der Leitung. Damit endete tatsächlich Heini Fritsches kurze „Informantenkarriere“. Die zuvor angedrohten Folgen blieben aus.

 

Im Winter 1949 / 50 erkrankte ein großer Teil der Offiziere, Unterführer und Mannschaften an verschiedenen Infektionskrankheiten. Zeitweilig befanden sich bis zu 65 % des Ist-Bestandes zur Behandlung im Lazarett. Das raue Oderbruchklima erwies sich neben den sonstigen ungünstigen Gegebenheiten vor Ort, als weiterer Negativfaktor.

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ehemaliges Stabsgebäude

Anfang Februar 1950 traf VP-Chefinspekteur Heinrich Heitsch, der während des Krieges als Oberstleutnant an der Spitze der 170. Infanteriedivision der Wehrmacht stand, zur Inspektion in Küstrin-Kietz ein. Heintsch befand die Zustände in der Artilleriekaserne als menschenunwürdig. Vor seiner Abreise versprach er den Männern „ baldige Abhilfe“. Wie diese konkret aussehen sollte, ließ er offen.

Zunächst nahm der Trott seinen gewohnten Verlauf. Für ein wenig Abwechslung sorgte lediglich der Besuch einer Operettengruppe aus Frankfurt (Oder). Die Aufführung, in Mitten von Trümmern, auf dem abgeschotteten Kasernengelände, weckte bei den älteren Angehörigen der VP-Bereitschaft sofort Erinnerungen an die so genannten „ Fronttheater“ während des Weltkrieges.

Anfang März machte das Gerücht die Runde, dass die Einheit demnächst ihren Standort in Küstrin-Kietz aufgeben würde. Bald schon erfolgte die offizielle Bestätigung seitens der Führung. Am 15. März zog die 1. Brandenburgische VP-Bereitschaft wieder aus dem Tor der Artilleriekaserne hinaus. Ganze fünf Monate hatte ihr „ Gastspiel“ auf der Oderinsel gedauert. Tags darauf bezogen die Männer ihr neues Quartier in der früheren Kaserne der Leibgardehusaren in Potsdam. Heini Fritsche blieb weiter im Dienst, leistete dem SED-Regime jedoch weiter Widerstand. Von einem Kameraden denunziert, wurde er schließlich mit anderen verhaftet, vor Gericht gestellt und zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt. Nach seiner Freilassung ging er in die Bundesrepublik. Dort konnte er sich endlich seinen Traum erfüllen und als richtiger Polizist tätig sein. Zuletzt arbeitete er bis zu seiner Pensionierung bei der Kriminalpolizei in Bonn.

Die Artilleriekaserne in Küstrin-Kietz blieb nicht lange leer. Wenige Monate nach dem Abzug der VP-Bereitschaft, zogen sowjetische Soldaten in die Gebäude ein. Seit dem Mai 1991 steht die Kaserne jedoch endgültig leer. Trotz ihrer geschichtlichen Bedeutung ist sie dem allmählichen Verfall preisgegeben. Es ist eine Schande, wie hier mit einem „steinernen Zeugen der Vergangenenheit“ umgegangen wird.

Uwe Bräuning

Küstrin-Kietz

Weitere Auskünfte zu diesem oder anderen Themen bezüglich der Nachkriegsgeschichte von Küstrin-Kietz, erteilt der Geschichts und-Kulturverein “ Kietz-Bahnhof / Doworzec Chyca“.  E-Mail: Verein-Kietz-Bahnhof@gmx.de , per Telefon oder Whatsapp : 0172 5133721, Website: http://www.verein-kietz-bahnhof.de

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Das verhängnisvolle „Küstrin-Bild“ der Nazis und die Umbenennung von Küstrin-Kietz im Jahr 1954 – Der Versuch einer Erklärung.

Zur Verstümmelung des Ortsnamens Küstrin-Kietz in, zunächst Friedensfelde, und später in Kietz, ist bereits einiges geschrieben worden. Auf Grund der spärlichen Quellenlage und dem “ mangelnden Erinnerungsvermögen“ einiger Zeitzeugen, musste bislang vieles im Unklaren bleiben. Einig sind sich die Forscher zu Recht in der Feststellung, dass die damalige Namensänderung jeglichen  demokratischen Spielregeln zuwider lief. Die Umbenennung und die damit verbundene „Tilgung“ des Namens Küstrin basierte auf ideologisch begründeten Vorbehalten.

Umbenennung in Friedensfelde 031954
eines der wenigen erhalten gebliebenen Dokumente zur Umbenennung von Küstrin-Kietz, im März 1954

Alles richtig! Wer aber die Geschichte sachlich und vernünftig, ohne „Schaum vor dem Mund“ aufarbeiten möchte, kommt nicht daran beide Seiten der Medaille zu betrachten. Dazu  gehört jedoch mehr, als ständig Metaphern wie “ kommunistischer Willkür“, “ Hass auf alles preußische“, oder “ Geschichtslose Gesellen“ nachzuplappern. Denn, wie so vieles im Leben, hat auch der für viele Einwohner unseres Ortes so schmerzliche Märztag des Jahres 1954 eine Vorgeschichte. Die, bei oberflächlicher Betrachtung, heute so unverständliche Abneigung gegen den Namen Küstrin kam durchaus nicht von ungefähr.  Vor kurzem fand ich durch Zufall im Internet einen von Hermann Körner verfassten, 1942 im Königsberger Kreiskalender unter dem Titel “ Vergangenheit weist in die Zukunft“  veröffentlichen Aufsatz.

Zum besseren Verständnis- Der aus dem Herzogtum Lauenburg stammende Körner agierte von 1939 bis 1945 als Bürgermeister im Küstriner Rathaus. Darüber hinaus stand Körner auch zeitweise der NSDAP-Kreisleitung des damaligen Kreises Königsberg ( Neumark) vor. Vorhandene Zeitzeugenberichte zeichnen von dem Mann des Bild eines „Nazis reinsten Wassers“. Wobei ihm mit einer anderen politischen Haltung in der NS-Zeit wohl kaum das Amt eines Bürgermeisters zur Verfügung gestanden hätte.

Bekanntlich hatten Typen wie Körner zwischen 1933 und 1945 so manchen haarsträubenden Unsinn von sich gegeben.  Fatal jedoch, dass dieser Unsinn damals von allzu vielen geglaubt und bejubelt wurde. Schauen wir uns doch einmal den seinerzeit von ihm verfassten Aufsatz über „seine“ Stadt Küstrin an. Körner ließ sich darin über die nationalsozialistische Verwaltungsarbeit aus.  Dabei ging er immer wieder auf die Vergangenheit Küstrins ein. Dabei zog er immer wieder Parallelen zur Gegenwart des Jahres 1942.  So als stellte diese gewissermaßen den idealen Abschluss einer über die Jahrhunderte andauernden Entwicklung dar.

Die nachfolgenden Zitate aus dem Aufsatz dürften das Küstrin-Bild nach dem Zweiten Weltkrieg bei einigen durchaus negativ beeinflusst und zu solchen Entscheidungen wie 1954 geschehen, geführt haben:

– Es ist heiliger deutscher Boden, auf dem Küstrin steht. Aber auch Ereignisse späterer Jahrhunderte haben den Namen dieser Stadt für Deutschland einen Begriff werden lassen.  In Küstrin war der Anfang des Weges, der in Potsdam endete. Potsdam war die Vollendung, aber in Küstrin liegt der Ursprung. –    

1954 hatten die Menschen, nicht nur aber besonders in unserer Heimat, noch deutlich vor Augen, wo dieser Weg, der laut Körner seinen Ursprung in Küstrin nahm, tatsächlich endete-in Elend, Tod und Zerstörung.

Hermann Körner lieferte noch weitere, bezeichnende „Stilblüten“:

–  Diesem Geist ist Küstrin immer treu geblieben. Auch aus späteren Generationen sind aus Küstrin große Soldaten hervorgegangen. Die Geburtshäuser des Großadmirals von Tirpitz , des Schöpfers der deutschen Flotte, und des im jetzigen Krieg bekannt gewordenen Generalfeldmarschall von Bock stehen in Küstrin. Der Geist all dieser großen Männer ist hier in Küstrin erhalten geblieben und hat sich verpflichtend den Küstriner Menschen auferlegt.  In dieser Stadt lebt heute noch der Geist der als unzerstörbares Erbe unsere Nation trägt: Der heilige Begriff des Preußentums-

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Küstrin-Altstadt im Sommer 2017-Vom Glanz vergangener Tage sind nur Trümmer geblieben. „Dank des preußischen Geistes“!

–  Küstrin war der Ausgangspunkt der Mark Brandenburg. Der preußische Geist, der in dieser Stadt seinen Ausgang nahm, ließ das Preußen Friedrich des Großen erstehen. Aus Preußen erwuchs der Staat Bismarcks, und heute sind wir dankbar, dass wir, als die Nachkommen des preußischen Volkes eines Friedrich des Großen, unter Führung Adolf Hitlers mithelfen dürfen, das Werk zu vollenden. – 

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Küstrin-Altstadt im Sommer 2017-Bilder wie diese sagen mehr als tausend Worte!

Abgesehen davon, dass sich Friedrich der Große wahrscheinlich bei dem Gedanken an die Art und Weise wie die Nazis ausgerechnet sein Werk vollenden wollten, im Grab umgedreht hätte, werfen die Ergüsse des damaligen Bürgermeisters von Küstrin einen fatalen Eindruck von dem Selbstbildnis der Stadt Küstrin während der NS-Zeit.  Ich befürchte, dass dieses von Körner und anderen überzeugten Nazis entworfene „Küstrin-Bild“  in der Bevölkerung durchaus Anklang fand. Bis zum bitteren Ende. Für die Stadt Küstrin. Nicht jedoch für Hermann Körner. Dieser durfte von 1951 bis 1971 in Reinbek bei Hamburg seine Karriere als Bürgermeister unbeschadet fortsetzen. Ehe er in den „verdienten“ Ruhestand ging.  Mir ist nicht bekannt, dass sich darüber bisher jemand aufgeregt hat.  Aber das nur nebenbei.

In eine ähnlich pathetische Kerbe wie Körner schlug ein gewisser Emil Diehl, seinerzeit Kulturreferent der Stadt Küstrin. Diehl sah in Küstrin einen Vorposten “ zur Sicherung des deutschen Ostens“.  Gegen, O-Ton Diehl , “ destruktive Völker aus dem Osten“.

Auch in anderen Ausgaben der “ Königsberger Kreiskalender“ finden sich vermehrt Hinweise auf die Vereinnahmung  der Geschichte der Stadt Küstrin durch die Nazis. Neben schriftlichen Beiträgen auch jede Menge Fotos von regelrechten Heeren von Hakenkreuzfahnen, begeistert den rechten Arm in die Höhe reckenden Menschen und Paraden. Immer wieder wurden die Verantwortlichen nicht müde, dass “ traditionell gute Verhältnis“ zwischen Bevölkerung und Wehrmacht zu bemühen. Ähnliche Bestrebungen und Fotos dürfte es auch vielen anderen deutschen Städten gegeben haben. Aber kaum eine andere Stadt überhöhte sich derart oft als “ Keimzelle des Preußentums“ und damit der “ Nationalsozialistischen Bewegung“ als Küstrin.

Auch wenn diese Überhöhungen keiner seriösen historischen Betrachtung standhalten, hatten sie letztendlich dazu geführt, dass der Name der Stadt Küstrin in der DDR bis zuletzt kaum genannt werden durfte.  Und das es zu solchen Geschehnissen wie der Umbenennung von Küstrin-Kietz, im März 1954, gekommen ist. Faire Geschichtsbetrachtung und  blinder ideologischer Eifer schließen einander aus. Damals wie heute!

Uwe Bräuning

 

 

 

 

 

DDR-Freilichtmuseum Küstrin-Kietz

Es gibt Orte, die über ein Museum verfügen. Weiterhin gibt es Orte, denen ein Museum gut zu Gesicht stehen würde.  Und es gibt Orte, die quasi ein riesiges Museum sind.

Unser Küstrin-Kietz gehört zu der letzten Kategorie. Nirgends, zumindest nicht im Oderbruch, trifft man auf derart viele, ich nenne sie mal so, Exponate der DDR-Geschichte. Ich denke da nur an den ehemaligen Grenzbahnhof und dessen nähere Umgebung: An das Lehrlingswohnheim, das BASA-Gebäude, die Baracke in der vor vielen Jahren Zöllner und als Grenztruppen getarnte Passkontrolleure Dienst taten und natürlich an das Bahnhofsgebäude selbst.

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ehemalige Zoll und PKE-Baracke am Bahnhof Kietz

Ok, in den Augen manch anderer sind “ meine Exponate“ nichts weiter als Schandflecke oder Ruinen. Die ganz einfach “ platt gemacht“ und vom Erdboden getilgt gehören.

Ich gebe ja zu, dass der momentane Zustand der meisten originalen Ausstellungsstücke alles andere als vorzeigbar ist. Nichts desto Trotz stellen Sie für Küstrin-Kietz einen ungeheuren geschichtlichen und damit nicht zuletzt touristischen Wert dar.

 

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Das seit vielen Jahrzehnten stillgelegte Schrankenposten  an der früheren Strecke Kietz-Frankfurt (Oder). Ein wenig Farbe und eine Hinweistafel würden das nutzlose Bauwerk an der Karl-Marx-Straße  in ein technisches Denkmal verwandeln.
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Gerhard Brunn -ein ehemaliger Kietzer Eisenbahner

Jahr für Jahr kommen viele Touristen durch Küstrin-Kietz. Die wenigstens legen hier jedoch einen Zwischenstopp ein. Was sollte hier auch einen Touristen zum Anhalten animieren? Oder anders ausgedrückt: Woher sollen sich die Touristen auch für die spannende Geschichte unseres Ortes interessieren, wenn darüber kaum etwas bekannt ist?

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Der ehemalige Grenzbahnhof Kietz-einst Schauplatz unzähliger Aktionen verschiedener östlicher und westlicher Geheimdienste. Noch immer findet sich hier kein einziger Hinweis auf die historische Bedeutung dieses Bahnhofs während der Zeit des “ Kalten Krieges“. Aber auf diesem Bahnhof wurde nicht nur spioniert, sondern auch hart gearbeitet. Gehörte er doch zu den bedeutendsten  seiner Art an der Ostgrenze der DDR. Unzählige Waren und Militärtransporte aus oder in die Sowjetunion und andere Staaten passierten diese Grenzstation. Die Erinnerung daran verblasst jedoch immer mehr. Schämen wir uns unserer Geschichte?

 

Das am westlichen Ortseingang gelegene Armaturenwerk gehörte bis 1989 zu den Vorzeigebetrieben der ehemaligen DDR.  So verging kaum ein Monat, in dem im “ Neuen Tag“, der lokalen Gazette des Bezirkes Frankfurt (Oder), nicht über neue Erfolge und Initiativen des Armaturenwerkes Kietz berichtet wurde.

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Bildquelle: Neuer Tag vom 18. Februar 1984
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Bildquelle: Neuer Tag , Juli 1982

Spätestens Anfang 1990 brachen die Lügengebilde brutal ein. Die Belegschaft des Armaturenwerkes wusste ohnehin längst, dass sie über einen langen Zeitraum für die Erschaffung “ Potemkinscher Dörfer made in GDR“, missbraucht worden ist.

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Heute herrscht Tristesse, wo vor Jahrzehnten viele Einwohner unseres Ortes unter schwierigen Bedingungen, jenseits jeder Propaganda,  fleißige Arbeit leisteten. Bis zum bitteren Ende des Betriebes.  Auch hier kein einziger Hinweis auf die besondere Geschichte des Areals.
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Der “ gute alte Kietzer KONSUM“. Auch er ein Stück originaler DDR-Vergangenheit, dass manche Erinnerung auslöst.
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Die sich in privaten Händen befindliche einstige Kietzer Dorfschule gehört zu den wohltuenden Ausnahmen. Sicher, man sieht dem Gebäude den einstigen Zweck an. Dennoch könnten auch hier Hinweise auf die Geschichte des Hauses nicht schaden. Haben doch hier ganze Generationen das notwendige Rüstzeug für ihr späteres Leben erhalten.
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Eine Kietzer Schulklasse bei einem Ausflug vor einem Landschulheim ( Mitte der Sechziger Jahre)
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Die komplette Geschichte des ehemaligen Kulturhauses der Eisenbahner harrt ebenfalls noch  der Aufarbeitung.  Auch wenn das Gebäude zu den wenigen „Hinguckern“ in Küstrin-Kietz gehört.  Wäre es nach dem Willen der SED-Führung gegangen, dann hätte das Kulturhaus einzig und allein dem Ziel gedient, die Einwohner von (Küstrin)-Kietz zu sozialistischen Mustermenschen zu erziehen. Diese Versuche sind jedoch fehlgeschlagen. Dennoch identifizierten sich die Kietzer im Verlauf der Jahre  mit ihrem Kulturhaus. Auch zu DDR-Zeiten gab es in diesem Haus nicht nur  DDR-typische Pflichtveranstaltungen, , sondern viele bis heute unvergessliche, gemütliche Veranstaltungen und Feiern.

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Längst verwaist jedoch noch gut erhalten, ist auch dieses Gebäude. Zunächst residierte hier eine Kompanie der “ Deutschen Grenzpolizei“, später NVA-Grenze. Nach deren Auflösung diente der Komplex zu dem noch ein weiteres Kasernengebäude gehörte, der NVA als “ Bezirksversorgungslager“, Tarnname “ Festtag“.  Hinweistafel etc.-Fehlanzeige! Die Aufarbeitung der Geschichte der Grenzpolizei-Einheit und deren einstigen Rolle und Bedeutung in unserem Ort, steht noch ganz am Anfang.
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Diese Plattenbauten an der Oldenburger Straße wurden in den Fünfziger Jahren eigens für die auf dem Grenzbahnhof arbeitenden Eisenbahner und deren Familien erbaut. Nach der Wiedervereinigung standen diese Blöcke lange Zeit leer. Dank des Zuzugs polnischer Familien ist hier nun wieder Leben eingekehrt.
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Auf Wohnungen wie diese in der Kietzer Friedensstraße mussten Familien bis 1990 einige Jahre warten. Wer einzog, durfte sich glücklich schätzen. Gehörten doch Wohnungen zum Besten, was die DDR auf dem Lande ihrer Bevölkerung bieten konnten. Kaum jemand wusste oder ahnte, dass das Ministerium für Staatssicherheit die Mieter dieser Häuser argwöhnisch überwachte. Wegen der Nähe zur sowjetischen Kaserne und der damit verbundenen “ Spionagegefahr“.  Das MfS entschied sogar, wer hier einziehen durfte. So gesehen, sind auch diese zumeist leerstehenden Plattenbauten Exponate der DDR-Geschichte.

Das sind nur einige „Exponate“, die ich an dieser Stelle vorstellen wollte. Diese Aufzählung kann noch beliebig ergänzt werden. Küstrin-Kietz ist, ohne zu Übertreiben, ein El Dorado für Historiker. Egal ob Profis oder „Geschichtsfreunde ehrenhalber“. Die Geschichte und Geschichten rund um unseren Ort haben die hier lebenden Menschen geschrieben. Sie sind es wert, dass diese Geschichte und Geschichten der Nachwelt erhalten. Vielleicht kommt ja einmal die Zeit, in der diese Erinnerungen an einem zentralen Ort aufbewahrt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden? Egal ob diese Einrichtung dann Museum oder “ nur“ Heimatstube genannt wird-verdient hätten die Kietzer die Bewahrung ihrer besonderen Geschichte auf jeden Fall!

Uwe Bräuning

Die Entnazifizierung in Küstrin-Kietz von 1945-1950

Die Entnazifizierung

Die so genannte Entnazifizierung stellt wohl überall in der ehemaligen DDR, ein besonderes, noch immer kaum aufgearbeitetes Kapitel der Geschichtsschreibung dar. Allgemein wird davon ausgegangen, dass es der DDR, im Gegensatz zur Bundesrepublik , gelungen war ehemalige Nazis aus allen wichtigen Funktionen in Staat und Gesellschaft zu entfernen, bzw. herauszuhalten.

War das wirklich so? Verlief dieses umfangreiche, für die Betroffenen konsequenzenreiche Prozedere stets unter voller Einhaltung der Gesetze, ohne persönliche Ungerechtigkeiten, ab? Wurden hier zuweilen “ alte Rechnungen beglichen” oder bei Verwicklungen besonders wichtig erscheinender Personen “ weniger genau hingesehen”?  Frei nach dem Motto “ Wer Nazi ist, bestimmen wir!”

Diese Fragen bedürfen dringend einer Beantwortung.

Kehren wir aber wieder nach Küstrin-Kietz zurück. Wie ging die Entnazifizierung in unserem Dorf über die Bühne?

Eine auf den 22. September 1945 datierte Liste wies in Küstrin-Kietz folgende zur Enteignung anstehende “ Nazi und Kriegsverbrecher” aus:

Schulze, Reinhardt

Künkel, Johannes

Wilke, Günter

Hamann, Bernhard

Beyer, Johann

Kunert, Karl

Engel, Reinhold

Mann, Anna

Busch, Edmund

Folgende Einwohner von Küstrin-Kietz gehören der für die Maßnahmen zuständigen Gemeindekommission an:

Alfred Engel

Reinhold Binder

Karl Schwietzke

Interessant ist, dass der als gesetzliche Grundlage für die Enteignung geltende Befehl Nr. 124 des Obersten Chefs der Sowjetischen Militärverwaltung und Oberbefehlshabers der Gruppe der sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland, erst am 30. Oktober 1945, also  über einen Monat nach Erstellung dieser Liste, in Kraft trat. Zudem sollten die Enteignungen lediglich führende Mitglieder der NSDAP und anderer Organisationen, sowie Personen die konkrete Schuld auf sich geladen hatten, treffen. Von “ Mitläufern”, ohne konkrete persönliche Schuld, war, zumindest formell, nicht die Rede.

Haben wir es bei den oben aufgeführten ehemaligen Einwohnern unseres Ortes tatsächlich mit “ bösen, fiesen Nazis” zu tun?

Auf dem ersten Blick, vielleicht. Beim genaueren Hinsehen stellt sich die Sachlage ein wenig differenzierter dar.

Fest steht, dass es sich bei allen um die Besitzer von Bauernhöfen handelt. Jeder einzelne von ihnen gehörte zwischen 1933 -1945, einige auch davor, einer NS-Organisation an. Das Gros der angeblichen “Kriegsverbrecher”  bildeten jedoch einfache Mitglieder der ehemaligen NSDAP.  Denen keine persönliche Schuld nachgewiesen werden konnte, dennoch jedoch mit dem Verlust ihres Eigentums für Verbrechen büßen mussten, von denen sie zumeist nicht die leiseste Ahnung hatten.

Nicht immer blieb es “nur” beim Verlust des Besitzes. So wurde zum Beispiel der Bauer Karl Kunert, Mitglied einer alten Kietzer Familie, dessen Hof sich in der Friedensstraße 08 befand, am 26.06. 1945 von einem unter dem Kommando eines Kapitän Koslo stehendem Kommando der “ Roten Armee” verhaftet. Das einzige was die

“ Rote Armee” Karl Kunert hätte vorwerfen können, war eine langjährige Mitgliedschaft in der NSDAP.  Ob Karl Kunert die Haft überlebte, schließlich wieder zu seiner Familie zurückkehren durfte, darüber geben die Unterlagen im Landesarchiv Potsdam leider keine Auskunft.

Später wurde die “ Schwarze Liste”  um weitere Namen ergänzt. Zum Beispiel Johann Hamann, NSDAP-Anhänger seit 1933 und “Sonderbeauftragter im  Reichsnährstand und Georg Beyer, ebenfalls NSDAP-Mitglied seit 1933 und “ Leiter für Sonderaufgaben im Reichsnährstand”.

In beiden Fällen agierte ein gewisser Alfred Engel, Mitglied der Gemeindekommission und Bauer in Kietz,  als Belastungszeuge. Seinen Angaben zufolge, sollen Hamann und Beyer “ Ausländer und Kriegsgefangene schlecht behandelt haben.”  Eine mehr als pauschale Aussage, die, bei einem rechtsstaatlichen Verfahren, wertlos gewesen wäre.  Damals gab man sich offenbar damit zufrieden. Johann Hamann und Georg Beyer waren jedoch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr nach Küstrin-Kietz zurückgekehrt. Laut den vorgefundenen Unterlagen hielten sich beide seit 1945 in der “ Britischen Zone” Deutschlands auf. Sie brauchten sich also wegen ihrer Funktionen während der NS-Zeit nicht vor der Gemeindekommission verantworten.

An dieser Stelle sei mir eine kurze Erläuterung zum “ Reichsnährstand” erlaubt: Dieser diente, wie es der Name vermuten lässt, der Bereitstellung von Nahrungsmitteln für die Bevölkerung. Anders als viele andere Organisationen des “vorfristig” untergegangenen “ Tausendjährigen Reiches”, wurde der Reichsnährstand nach 1945 von den Siegern eben nicht als “ Verbrecherische Organisation” eingestuft. Die Organisation durfte ihre Tätigkeit sogar noch einige Zeit nach dem Zusammenbruch fortführen, da die Alliierten die Versorgung der ohnehin notleidenden Bevölkerung nicht anders hätten bewerkstelligen können.

In den Archiven finden sich noch weitere Hinweise, dass es bei der “ Entnazifizierung” in Küstrin-Kietz seinerzeit alles andere als gerecht zugegangen ist.  Was ich an den folgenden, ausgewählten Beispielen verdeutlichen möchte:

  • Bernhard Hamann

Der einer weitverzweigten, seit Jahrhunderten im Raum ansässigen Küstrin  Familie entstammende Bernhard Hamann betrieb bis 1945 einen Bauernhof in der Friedensstraße. Auf dem ersten Blick weist seine Vita tatsächlich einige unverkennbare “ braune Flecken” auf. Bereits vor 1933 gehörte der Kietzer Bauer sowohl der NSDAP als auch der SS an. Dabei nahm er des Öfteren an handfesten Auseinandersetzungen mit Sozialdemokraten und Kommunisten teil.

Von dem Ende 2002 verstorbenen Günther Budack, einem ehemaligen SPD-Mitglied, stammt folgende Erinnerung: “ Wir hatten uns mit den Brauen öfter mal geprügelt. Da ging es hart zur Sache. Einmal stand ich bei einer Schlägerei Bernhard Hamann, den ich bereits aus frühen Jugendtagen kannte, gegenüber. Mir wäre es dabei beinahe an den Kragen gegangen. Als mich Bernhard erkannte, zischte er mir zu : “ Mensch Günther, mach bloß dass du Land gewinnst”. Bernhard sorgte dafür, dass mir an diesem Tag nichts geschah. Obwohl er ein Nazi war.”

Aber war Bernhard Hamann wirklich der überzeugte Nazi, für den ihn seine Umwelt damals hielt?

Noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verliebte er sich in die aus dem fünfundzwanzig Kilometer entfernten Dorf Wilhelmsaue stammende Bauerntochter Gertrud Wallach. Deren Nachname die jüdischen Wurzeln bereits verriet. Laut den kruden Rassegesetzen der Nazis handelte es sich bei der Familie Wallach um so genannte “ Vierteljuden”.  In den Augen der damaligen Machthaber “ Menschen Dritter Klasse”. Für ein NSDAP und SS-Mitglied ein absolutes “ No go”. Eine Ehe zwischen einem SS-Mann und einer “ Vierteljüdin” wäre absolut unvorstellbar gewesen. Normalerweise.

Bernhard Hamann hielt die Verbindung zum Fräulein Wallach aus Wilhelmsaue jedoch, allen gegenteiligen Versuchen der NSDAP-Kreisleitung Königsberg (Neumark) zum Trotz, weiter aufrecht. Auch dann noch, als man ihn vor die Wahl stellte, sich entweder von dem Fräulein Wallach zu trennen, oder aus Partei und SS ausgeschlossen zu werden.

Bernhard Hamann entschied sich für die Liebe und gegen die weitere Mitgliedschaft in den NS-Organisationen. Wenig später heiratete er Fräulein Wallach. Aus der Verbindung gingen mehrere Kinder hervor.  Ein wohl mehr als deutlicher Beweis für die Abkehr Bernhard Hamanns von der Naziideologie! Trotzdem wiesen ihn die Unterlagen 1945 als “ NS und Kriegsverbrecher” aus.

So ungewöhnlich wie eheliche Verbindung selbst, erscheint auch das weitere Schicksal von Bernhard und Gertrud Hamann in den letzten Jahren der NS-Herrschaft. Während andere für ähnliche “ Verfehlungen” längst im KZ gelandet wären, passierte der jungen Familie nichts. Über die Gründe für die ungewöhnliche “Milde” kann man nur spekulieren. Sehr wahrscheinlich erscheint, dass Bernhards Bruder Alfred, ebenfalls ein NSDAP und SS-Mitglied “ der ersten Stunde”, dabei eine nicht unwesentliche Rolle spielte.

Wie dem auch sei-die Entnazifizierungskommission in Küstrin-Kietz sah in dem mutigen, unter anderen Umständen lebensgefährlichen Bekenntnis des Bernhard Hamann zu seiner späterer Ehefrau, keinerlei Entlastungsgründe. Hier interessierte nur dessen frühere Verstrickungen in den NS-Staat. Nicht jedoch die ehrenvolle Abkehr.

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Enteignungsurkunde Bernhard Hamann

Wie in anderen Fällen auch, drängt sich förmlich der Verdacht auf, dass die Entnazifizierungen in einigen Fällen der Gemeinde die Möglichkeit eröffneten, sich den Besitz der Betroffenen “ legal” anzueignen.

Wofür auch dieses Schicksal eines einstmals hoch angesehenen Arztes aus Küstrin-Kietz zeugt:

  1. Dr. Hans Kube

Wie Bernhard Hamann, verfiel auch Dr. Hans Kube frühzeitig den Verlockungen der Nazi-Ideologie und trat bereits vor Hitlers Machtantritt in die NSDAP ein. Die blutigen Ereignisse um den “ Röhm-Putsch” ließen den jungen Arzt jedoch innerlich auf Distanz gehen. Bei einem Prozeß gegen den Küstriner Bürgermeister und NSDAP-Kreisleiter Körner, trat er als Zeuge gegen diesen auf. Worauf sich Kube dessen Feindschaft zuzog.

Dr. Kube blieb zwar Mitglied der NSDAP, verhielt sich jedoch bis zum Ende politisch inaktiv. Seine Tätigkeit als Arzt bot ihm gewissermaßen eine Nische, um sich in unmenschlicher Zeit die Menschlichkeit zu bewahren. Seine Patienten in Küstrin-Kietz lobten die unterschiedslos zuvorkommende Behandlung in höchsten Tönen. Soziale Herkunft oder politische Ansichten der zu Behandelnden interessierten den Arzt nicht. Zwischen 1933 und 1945 nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit, wie sich mit unzähligen Beispielen belegen lässt.

Aber auch im Fall des Dr. Kube zeigte die Entnazifizierungskommission keinerlei Absicht, die Vergangenheit fair, sachlich und gerecht aufzuarbeiten.

Im Gegenteil- Um den Arzt zu diffamieren, wurde im Dorf verbreitet, dass Dr. Hans Kube ein Verwandter des berüchtigten, einstigen NSDAP-Kreisleiters von Königsberg, Wilhelm Kube, sei. Dabei bestanden keinerlei verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen dem aus einer angesehenen Küstriner Familie und dem ehemaligen NS-Funktionär.

Weiterhin lastete man dem Arzt im Widerspruchsverfahren gegen die ausgesprochene Enteignung einen Vorfall aus dem Jahr 1948 an:

Demnach soll Dr. Kube von Umsiedlern welche eine Zeitlang in seiner bei den Kämpfen 1945 relativ unzerstört gebliebenen Villa eine Unterkunft gefunden hatten, die Herausgabe von Möbeln gefordert haben. Diese Möbel hätten die Umsiedler zuvor aus der Villa entnommen und in Ordnung gebracht, wie es in dem vorliegenden Schriftstück heißt.

Not kennt kein Gebot! Kein Mensch bezweifelt, dass die heimatlos gewordenen Umsiedler große Not litten.

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Am Ende nutzen dem beliebten Arzt weder die Fürsprache der Kollegen noch der dankbaren Kietzer Bevölkerung.

Dennoch-hier handelt es sich nun einmal um einen klassischen Diebstahl! Dr. Hans Kube besaß alles Recht der Welt, die Herausgabe seines Eigentums zu fordern. Bezeichnenderweise wertete man das Verhalten Kubes, der nichts weiter tat als seine Grundrechte wahrzunehmen, in dem sich bis Anfang 1950 andauernden Enteignungsverfahren, als weiteres Indiz für dessen noch immer bestehende “ nationalsozialistische Überzeugung”. Einmal Nazi, immer Nazi?

Am Ende nutzen dem Arzt weder sein zahlreich bestätigter guter Leumund, noch ein an die Landesregierung Brandenburg gerichteter Widerspruch: Dr. Kube verlor seine in der Lindenstraße befindliche Villa an die Gemeinde Kietz. Wie um das absurde Theater durch eine weitere Absurdität krönen zu wollen, ließ Karl Schimmeyer, der 1950 als Bürgermeister agierte, das gut erhaltene Haus abreißen! Obwohl noch immer ringsherum ganze Familien in den Kellern der Ruinen hausten.

Blinder Hass kennt nun einmal keine Logik!

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Der patzige Ton spricht Bände-Stellungnahme der Gemeinde Küstrin-Kietz zur Enteignung des Dr. Hans Kube.

Die Entnazifizierung sollte nicht nur “ Kleine” und “ Große” Nazis durch den Verlust ihres Besitzes für tatsächlich oder vermeintlich begangenes Unrecht bestrafen, sondern auch den “ Öffentlichen Dienst säubern”.  Ein ebenso alternativloses, wie schwieriges Unterfangen. Schließlich sollte, konnte und durfte die neue Ordnung nicht mit belasteten Personal aufgebaut werden. Zumal bekanntlich bei nicht wenigen Staatsbediensteten tatsächlich buchstäblich Blut an den Händen klebte. Kaum jemand der etwas zu verbergen hatte, füllte den von den Besatzern ausgegebenen Fragebogen zu seiner Vergangenheit, wahrheitsgemäß aus. Wer belastete sich schon gern selbst?

Für einen früheren Eisenbahnbeamten  aus Küstrin-Kietz endete die Entnazifizierung Ende 1947 zunächst “ nur” mit dem beruflichen Aus wegen einer im Fragebogen angegebenen NSDAP und SS-Mitgliedschaft. Bis dann nach einigen Wochen offenbar neue Hinweise auftauchten:

  1. Karl Rapsch

Am 25. 12. 1947 fällte die Entnazifizierungskommission des Kreises Lebus den Beschluss, den bis dato unter anderem als Hilfsweichensteller auf dem Bahnhof Küstrin-Kietz tätigen, in Küstrin-Kietz, August-Bebel-Straße 15 wohnhaften, am 05. 12. 1905 in Landsberg an der Warthe ( heute Gorzow Wlkp) geborenen Karl Rapsch fristlos zu entlassen. Der Beschluss wurde umgehend seinem Arbeitgeber, zur Kenntnisnahme und Veranlassung, zugestellt. Für den Familienvater Karl Rapsch dürfte die Entscheidung der Kommission nicht ohne schwerwiegende Folgen geblieben sein.

Welche Verfehlungen hatte sich aber dieser Karl Rapsch in der NS-Zeit zu Schulden kommen lassen, dass er nach dem Zweiten Weltkrieg nicht einmal mehr als Hilfsweichensteller tätig sein durfte?

Ein Blick in seine komplett vorliegende Akte gewährt einen Einblick eines typischen “Mitläufers”. Rapsch trat bereits 1932 der NSDAP bei. Ebenso der SS, aus der er jedoch bereits nach zwei Jahren wieder ausschied.  Funktionen bekleidete Karl Rapsch weder in der NSDAP noch in der SS.  1939 trat er dem Reichsbund der Deutschen Beamten bei. Des Weiteren der “ Deutschen Arbeitsfront” und der “ Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt”, einer Art Krankenversicherung. Wie viele Millionen Deutsche damals auch.

Vor der Kommission trat ein gewisser Placzek als Entlastungszeuge auf. Dieser gab an, dass Rapsch lediglich aus “ wirtschaftlicher Not” der NSDAP beigetreten war.

Obwohl die Kommission den Inhalt der Aussage als “ Entlastend” wertete, reichte die bloße Mitgliedschaft in NS-Organisationen bereits aus, um Karl Rapsch aus dem “ Öffentlichen Dienst” zu entfernen.

Handfeste Beweise für eine Beteiligung an Verbrechen habe ich auch in dieser Akte vergeblich gesucht.

Oder vielleicht doch? Immerhin findet sich ein auf den 08.04. 1948 datiertes Schreiben der Entnazifizierungskommission des Kreises Lebus an die Kriminalpolizei Potsdam, Abteilung “ K 5”, wonach bei Karl Rapsch der Verdacht besteht, dass dieser unter die Kontrollratsdirektive des Alliierten Kontrollrates über die „Verhaftung und Bestrafung von Kriegsverbrechern, Nationalsozialisten und Militaristen und Internierung, Kontrolle und Überwachung von möglicherweise gefährlichen Deutschen“ fällt.

War Karl Rapsch am Ende doch ein Kriegsverbrecher? Hatte er wichtige Umstände, möglicherweise um sich vor einer Strafverfolgung zu schützen, verschwiegen?

Hinter dem Kürzel “ K 5” verbarg sich die politische Polizei der damaligen Sowjetunion. Aus dem “ K 5” ging wenige Jahre später das Ministerium für Staatssicherheit hervor. Der Verlust seiner beruflichen Tätigkeit dürfte in jenen das geringste Problem des Karl Rapsch gewesen sein. Leider gibt das aufgefundene Schriftgut keinerlei Auskunft darüber, was dem ehemaligen Eisenbahner aus Küstrin-Kietz von den Behörden zur Last gelegt wurde. Sein weiteres Schicksal ist mir bislang nicht bekannt, bedarf also noch weiterer Aufklärung.

Die in der “ SBZ” / DDR zunächst an den Tag gelegte rigorose Praxis jeden der in irgendeiner Form einer früheren NS-Organisation angehörte aus dem “ Öffentlichen Dienst” zu entfernen, oder derart belasteten Leuten den Zugang zum Staatsdienst zu verwehren, provozierte etwaige “ Schummeleien” beim Ausfüllen der obligatorischen Fragebögen geradezu. Kamen diese Unwahrheiten jedoch ans Tageslicht, dann drohte dem oder derjenigen, neben der sofortigen Entlassung, zumeist noch erhebliche strafrechtliche Konsequenzen.

Hin und wieder nutzte das noch junge Ministerium für Staatssicherheit solche menschlichen Schwächen als Druckmittel, um den ertappten Lügner zur “inoffiziellen Mitarbeit zu überreden.”  Im Erfolgsfall zeigte sich das MfS durchaus großzügig. Etwaige politische Belastungen stellten plötzlich keinen Hinderungsgrund für die Weiterbeschäftigung mehr dar. Manch einer damals vor der schweren Entscheidung, entweder die Konsequenzen zu tragen, oder sich die künftige berufliche Karriere durch eine unfreiwillige Mitarbeit im MfS zu erkaufen:

  1. Karl-Heinz Henschel

Der im Frühjahr 1926 in Küstrin geborene Karl-Heinz Henschel, wuchs als Sohn eines Bahnbeamten in Küstrin-Kietz auf. Die Liebe des jungen Karl-Heinz Henschel galt zunächst der Landwirtschaft. So oft es nur ging, verbrachte er viel Zeit auf dem Hof seines Onkels im “ Kietzer Busch”, östlich der Oder.

Der Zweite Weltkrieg sollte, wie bei vielen anderen seiner Generation, die bisherige Lebensplanung völlig auf den Kopf stellen. Noch als siebzehnjähriger unfertiger junger Mann, in der Endphase des Krieges, musste auch Karl-Heinz Henschel noch in die Uniform eines Soldaten schlüpfen.

Jedoch nicht in die feldgraue der Wehrmacht, sondern in den schwarzen Rock der “ Waffen-SS”.  Gefragt hatte ihn damals niemand. Den Bedarf an neuen Rekruten legte die dafür verantwortlichen Militärbehörden fest. Angesichts des Umstandes dass an den Fronten beinahe täglich tausende deutsche Soldaten sinnlos verreckten, muss der entsprechende Bedarf an neuem Kanonenfutter unendlich gewesen sein.

Selbst ein “ Eliteverband” wie die Waffen-SS konnte längst nicht mehr nur auf echte Freiwillige zurückgreifen. So kam auch der Eisenbahnersohn aus Küstrin-Kietz noch “ kurz vor Toresschluss” zu der mehr als zweifelhaften Ehre, Angehöriger der Waffen-SS zu werden.

Henschel, der unter anderem an der berühmten Schlacht um die Brücke von Arnheim teilnahm, überlebte die schweren Kämpfe. 1945 geriet er in Schleswig-Holstein in englische Gefangenschaft, aus der er nach einem Jahr entlassen wurde. Das Heimweh trieb ihn zurück nach Küstrin-Kietz. Sein Heimatort lag jedoch in der “ Sowjetisch besetzten Zone” ( SBZ). Karl-Heinz Henschel besaß keine Genehmigung, um von der “ Britischen Zone” in die “ SBZ” einreisen zu dürfen.

Er tat es trotzdem! Bei Nacht und Nebel schlich sich Karl-Heinz Henschel über die 1946 noch sporadisch bewachte “ Grüne Grenze”.

Glücklich Zuhause angekommen, beteiligte sich der junge Mann sofort am Wiederaufbau seines schwer zerstörten Heimatortes. Eine erste Anstellung fand Henschel zunächst beim Zoll in Küstrin-Kietz. Bis man ihn Anfang der Fünfzigerjahre die Frage stellte, ob er nicht als Lehrer arbeiten wolle.  Und ob er wollte! Karl-Heinz Henschel schien für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wie geboren.

Spätestens jetzt dürfte sich der Leser wundern , dass ein ehemaliges, wenn auch unfreiwilliges Mitglied der  berüchtigten Waffen-SS, damals Zöllner, ja sogar Lehrer werden durfte.

Selbstverständlich musste Karl-Heinz Henschel vor dem Eintritt in den Staatsdienst den obligatorischen Fragebogen, der Aufschluss über seine Vergangenheit gegen sollte, ausfüllen. Sofern ein Mann von Anfang Zwanzig bereits eine Vergangenheit besitzt!

Von Anfang an war sich Karl-Heinz Henschel bewusst, dass er eigentlich keine reale Chance besaß, in den “ Öffentlichen Dienst” zu gelangen. Der Job beim Zoll, vielmehr noch sein späterer Traumberuf als Lehrer, wären bei einer Wahrheitsgemäßen Beantwortung aller Fragen für ihn von vornherein nicht in Frage gekommen.

Leichtsinnigerweise vertraute er jedoch darauf, dass diese kurze Episode seines Lebens den Behörden nicht bekannt wird. Das verräterische Kainsmal der SS, die unter die Achselhöhle tätowierte jeweilige Blutgruppe,  bekamen die Neuzugänge in Henschels früheren Regiment nicht mehr verpasst. Demnach konnte er die Mitgliedschaft jederzeit abstreiten, meinte Henschel. Bei der Frage wo er den Wehrdienst abgeleistet hatte, nannte Karl-Heinz Henschel ein Panzerregiment. Bei der Beantwortung “ verzichtete” er einfach auf den Zusatz “SS”, so dass der Eindruck entstand, Henschel wäre “ ganz normal” bei der Wehrmacht gewesen.

Anfang 1953 flog der Schwindel auf brutale Art und Weise auf.  Karl-Heinz Henschel, der gerade auf einem Weiterbildungslehrgang in Leipzig weilte, wurde plötzlich unversehens zum Direktor gerufen. Dort erwarteten ihn bereits typische Ledermäntel tragende Männer.  Kurz und knapp eröffneten sie den völlig geschockten Lehrer, dass er unter Spionageverdacht steht und vorläufig festgenommen ist.

Nach einer mehrstündigen Fahrt landete Henschel zunächst in einer Zelle der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Frankfurt (Oder).

Bald darauf fand die erste  Vernehmung statt. Stundenlang auf einem unbequemen Hocker kauernd, vom grellen Licht einer ihm direkt ins Gesicht strahlenden Lampe gepeinigt, sollte er zu seiner angeblichen Spionagetätigkeit Stellung nehmen, Hintermänner und Auftraggeber benennen.

Karl-Heinz Henschel, der sich keiner Schuld bewusst war, wies sämtliche Vorwürfe von sich. Drei Wochen lang, Tag und Nacht, wiederholte sich die anstrengende Prozedur.

Dann aber änderte der Vernehmer plötzlich die eingeschlagene barsche Tonart: “ Herr Henschel, ich freue mich ihnen mitteilen zu können, dass sich der Spionageverdacht nicht bestätigt hat”, teilte der Stasi-Offizier leutselig mit.  Auch der zweite, während der Vernehmungen ständig anwesende MfS-Mitarbeiter begann zu lächeln.

“ Das habe ich ihnen doch gleich gesagt”, erwiderte Karl-Heinz Henschel, dem vor Erleichterung ein Stein von der Seele rollte. “ Dann kann ich also jetzt zurück zu meiner Familie, nach Küstrin-Kietz.”

“ Langsam, langsam” , bremste, noch immer lächelnd, der Vernehmer Henschels aufkommende Freude. Ein Schriftstück aus einer Mappe ziehend, schaute er dem Lehrer fest ins Gesicht. “ Eine Kleinigkeit wäre da schon noch zu klären. Uns liegen Informationen vor, dass Sie im Krieg bei der Waffen-SS waren. Außerdem haben Sie sich nach ihrer Entlassung aus der Gefangenschaft bei den Tommys, illegal zu uns über die damalige Demarkationslinie geschlichen.”

Henschel erbleichte erneut. Mühsam versuchte er das Zittern seiner Hände vor den Stasi-Männern zu verbergen.

Der Vernehmer blätterte in den Schriftstücken. Verdammt, das ist mein Fragebogen, schoss es dem Lehrer durch den Kopf. Unwillkürlich eilten seine Gedanken zurück nach Küstrin-Kietz, wo seine Frau sicher voller Sorge auf ihn wartete.

“ Menschenskind Henschel, das haben Sie aber in ihren Fragebogen gar nicht angegeben. 54. Panzerdivision lese ich hier. Aber waren Sie nicht bei der 54. SS-Panzerdivision?”

Henschel nickte entgeistert.  Gespielt entrüstet schüttelte der Vernehmer den Kopf.

“ Sie haben ja gleich zweimal gelogen. Bei der Einstellung in den Zolldienst. Und als Sie Lehrer werden wollten, ebenfalls. Das nennt man Anstellungsbetrug. Wir haben die verdammte Pflicht ihren Arbeitgeber darüber zu informieren. Was ihnen dann blüht, brauche ich ihnen wohl nicht zu sagen.”

Aufmerksam, jedes Zucken in Henschels Gesicht registrierend, beobachtete der MfS-Vernehmer den völlig konsternierten, kurz vor einem Nervenzusammenbruch stehenden Lehrer.

Jetzt schaltete sich der zweite Stasi-Mann ein: “ Die sowjetischen Genossen dürften sich wohl auch brennend interessieren, dass ein SS-Mann bei Nacht und Nebel von den Engländern zu uns herüber gekommen ist. Sind Sie also doch ein Spion, Henschel? Na ja, die Freunde haben ihre eigenen Methoden zur Wahrheitsfindung. Die sind nicht so human wie wir. Entlassung aus dem Schuldienst, Anklage wegen Anstellungsbetrug, womöglich sogar ein paar Jahre Sibirien, ich möchte nicht in ihrer Haut stecken”, säuselte der Stasi-Mann unter geheuchelten Mitleid.

Zusammengesunken, völlig verzweifelt, voll diffuser Ängste, klammerte sich Karl-Heinz Henschel an die Sitzfläche des harten Stuhls.

Dann ergriff der Vernehmer wieder das Wort. Freundschaftlich legte er dem jungen Mann den Arm auf die Schulter: “ Andererseits wollen wir ihnen natürlich nicht die Zukunft verbauen. Sie sind ein junger fähiger Kader. Wir brauchen solche Leute dringend zum weiteren Aufbau des Sozialismus in unserer Republik. Ich mache ihnen Vorschlag: Wir geben ihnen die Chance, ihre Fehler wieder gutzumachen.”

“ Wie denn?” “ Ganz einfach: in dem Sie uns aktiv beim Kampf gegen die Feinde der Republik unterstützen. Wenn Sie sich bewähren, dann sind die kleinen Sünden der Vergangenheit bald vergessen. Sie können natürlich unser Angebot ablehnen. Sie sollten sich jedoch über die Konsequenzen im Klaren sein. Mensch Henschel, denken Sie doch mal nach- daheim sitzt ihre schwangere Frau allein. Soll ihr Kind ohne Vater aufwachsen?”

Karl-Heinz Henschel unterschrieb die von dem Vernehmer diktierte Verpflichtungserklärung als “ Geheimer Informator” des MfS.

Nach der Vernehmung kehrte er in den Schoß seiner Familie zurück. Er verblieb weiter im Schuldienst, bis zu seiner Berentung Anfang der Neunziger Jahre.

Darüber hinaus wirkte der  beliebte Lehrer aktiv im Gemeinderat von Kietz mit.  Damals ahnte niemand, dass über seinem Kopf jahrzehntelang ein “ Damoklesschwert” schwebte.

Obwohl er sich immer wieder bemühte den gestellten Aufträgen des MfS  nach Möglichkeit zu entziehen, endete seine IM-Tätigkeit erst im Dezember 1989.

Das letzte Beispiel zeigt, dass es auch eine Entlassung nicht unbedingt das Ende bedeuten musste.

Man musste später nur in die “ richtige Partei” eintreten:

  1. Karl Rehfeld

Karl Rehfeld bekleidete bereits früh, Anfang der Fünfziger Jahre, leitende Posten in der Gemeinde. Unter anderem als Bürgermeister und LPG-Vorsitzender. Rehfeld gehörte zu den ersten Mitgliedern der SED in Küstrin-Kietz. Dabei gehörte der aus dem  zehn Kilometer gelegenen Städtchen Göritz ( heute Gorzyca) 1945 als Umsiedler nach Küstrin-Kietz gekommene Rehfeld zu jenen, deren Vergangenheit vor der Entnazifizierungskommission keine Gnade fand. Stand er doch, vor dem Militärdienst, an der Spitze der Göritzer Hitler-Jugend. Der Vorwurf wog er derart schwer, dass Rehfeld seinen Posten als Bote in der Gemeinde Küstrin-Kietz aufgeben musste.

Nach einem Intermezzo bei der Bahn, kehrte der nunmehr zum Kommunisten

“ mutierte”  frühere HJ-Führer bald wieder in den Rat der Gemeinde Küstrin-Kietz zurück. Aber nicht mehr als subalterner Bote, sondern als Bürgermeister.

Anschließend setzte sich der Aufstieg des Karl Rehfeld in der Verwaltungshierarchie weiter fort. Im Anschluss an einem Verwaltungslehrgang stieg er sogar zum Instrukteur der Bezirksleitung Frankfurt (Oder) der SED auf.

Danach kehrte Rehfeld wieder nach Küstrin-Kietz zurück. Seine Vergangenheit während der NS-Zeit spielte, zumindest offiziell, keine Rolle mehr. Einzig sein Hang zum Alkohol, der zu einem einsamen frühen Tod führte, beendete die Karriere des Karl Rehfeld.

( Auszug aus der Dorfchronik von Küstrin-Kietz)

Autor: Uwe Bräuning

Da wurden Erinnerungen wach-das Kietzer Bahnhofsfestvom 01.Oktober 2016

Bahnhofsfeste gehörten in unserem Dorf einst zu den am besten besuchten jährlichen Höhepunkten. Im August 1989 fanden achttausend Besucher den Weg zum Kietzer Bahnhof.

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Bahnhofsfest in den späten Achtzigerjahren

Von derartigen Zahlen kann man gegenwärtig nur noch träumen. Trotzdem kann wohl mit Fug und Recht gesagt werden, dass dem unter Vorsitz des Ortstvorstehers Gerhard Schwagerick stehendem Festkomitee, dem Vertreter von verschiedenen lokalen Vereinen und engagierte Bürger angehörten, erfolgreich gelungen ist an vergangene Zeiten anzuknüpfen.

 

Das diesjährige Bahnhofsfest fand anlässlich des  150. Jahrestages der Eröffnung des Abschnittes Gusow-Küstrin der früheren Ostbahn statt. Für Küstrin-Kietz bedeutete dieser Anlass eine willkommene Chance, auf die Bedeutung unseres Bahnhofes, sowohl als auch in der Gegenwart und nicht zuletzt für die Zukunft, nachdrücklich hinzuweisen.

Auf die Festbesucher wartete ein regelrechtes Feuerwerk interessanter Impressionen. Historische Fotos, Zeitungsberichte und Dokumente erweckten besonders bei den älteren Besuchern manche vergessen geglaubte Erinnerung. Marianne Gryzik die ehemals die Geschicke des “ Kulturhauses der Eisenbahner leitete, erntete für ihren Vortrag buchstäblich stehenden Applaus von den begeisterten Zuhörern.

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Angeregte Gespräche am Rand der Ausstellung im Kulturhaus

 

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Bei der Ausstellung des Letschiner Eisenbahnvereins kamen nicht nur ehemalige oder gegenwärtige Bahner, sondern auch die kleinen Besucher des Bahnhofsfestes auf ihreKosten.

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Mitglieder des Letschiner Eisenbahnervereins in Aktion
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Selbst die jüngsten Besucher mussten sich nicht langweilen.

 

 

Am Gelingen des Festes haben auch die Verantwortlichen und Besucher des Küstrin-Kietzer Jugendclubs, die eigens für diesen besonderen Anlass einen “ Tag der offenen Tür“ inklusive eines Flohmarktes auf die Beine stellten, großen Anteil.

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Der Jugendclub Küstrin-Kietz präsentierte sich den Besuchern des Bahnhofsfestes.
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Für Schnäppchenjäger ein Muss-der Flohmarkt im Jugendklub

Auf großen Anklang stieß auch die im Bahnhofsgebäude durchgeführte Ausstellung “ Der Grenzbahnhof Kietz im Fadenkreuz der Spionage“ und dem sich seit kurzem im wohlverdienten Ruhestand befindlichen Eisenbahner Dieter Kirstein moderierte Ausstellung zum früheren “ Grenzbahnhof Kietz“.

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Der Platz reichte zeitweilig für die Besucher der Ausstellung “ Der Grenzbahnhof Kietz im Fokus der Spioange“ kaum für die vielen Interessierten aus.

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Dieter Kirstein, der dreizehn Jahre auf dem Bahnhof Kietz als stellvertretender Leiter tätig war, beantworte fachkundig die Fragen der Besucher

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Eine kurze wohlverdiente Pause am Rand des Geschehens
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Und schon nahen die nächsten Besucher

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Was nutzt jedoch das schönste Fest, wenn die Versorgung nicht stimmt? Um die Fourage brauchte sich heute, Dank des Vereins “ Schöner Leben“, der die Besucher mit Grillfleisch, Würsten und Getränken versorgte, niemand zu sorgen.

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Für die Verpflegung war stets gesorgt

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Gedankt sei an dieser Stelle allen Helfern und all jenen, welche  die Ausstellungen mit persönlichen Gegenständen, Fotos und Dokumenten unterstützt haben.

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Stellvertretend genannt seien: Harald Engel aus Bleyen sowie die Familien Gryzik, Spieckermann und Arndt.

Schon im kommenden Jahr wird es anlässlich des 150. Jahrestages der Eröffnung der Bahnstrecke Berlin-Küstrin, wieder eine Neuauflage des Bahnhofsfestes geben.

Küstrin-Kietz freut sich schon darauf!

 

Uwe Bräuning

Küstrin-Kietz

 

 

 

 

Wieviel Küstrin steckt eigentlich noch in Kietz?

Am 03. Oktober 2016 jährt sich die Rückenennung von Kietz in Küstrin-Kietz zum nun mehr fünfundzwanzigsten Mal. Höchste Zeit, diesem Ereignis einen Beitrag zu widmen. Ich gehörte an diesem Tag zu den mit der Absicherung der Veranstaltung beauftragten Polizisten der damaligen Polizeiwache Seelow.  Nie zuvor und auch später nicht, habe ich so viele Menschen in diesem Ort gesehen. Aus ganz Deutschland strömten die Besucher herbei. Viele von ihnen stammten aus Küstrin oder der näheren Umgebung. Nicht zu erwähnen brauche ich wohl an dieser Stelle, dass natürlich auch die jetzigen Einwohner von (Küstrin)-Kietz auf den Beinen waren.

Damals herrschte eine ungeheure, heute nur noch schwer vorstellbare Euphorie unter den Leuten. Niemand, mich eingeschlossen, zweifelte daran das unsere Heimatregion vor einem bislang ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung stand. Suggerierten doch die unmittelbare Nähe zu Polen und zur nun wieder von der Oder bis nach Aachen reichenden Bundesstraße 1, einen enormen Standortvorteil. Goldgräberstimmung im Oderbruch?!

 

Der Änderung des Ortsnamens war eine  demokratisch legitimierte Einwohnerbefragung  vorangegangen. Zur Auswahl standen Kietz, Küstrin-Kietz und Küstrin. Das sich letztendlich nur eine knappe Mehrheit für den Ortsnamen Küstrin-Kietz entschied, Küstrin dagegen kaum Anklang fand, dürfte die Initiatoren der Umbenennung kaum begeistert haben.  Verbanden sie doch damit die unglaublich naive Vorstellung, dass der Name Küstrin allein gewissermaßen ein Garant für eine Rückkehr in die “ gute alte Vorkriegszeit“ sei.

1991 erlebte unser Ort übrigens die vierte Umbenennung innerhalb von nur sechs Jahrzehnten. 1930 wurde aus der “ Langen Vorstadt“ und dem bis dahin selbstständigen Dorf Kietz der Küstriner Vorort Küstrin-Kietz. 1954 fanden gleich zwei Umbennungen statt: einmal von Küstrin-Kietz in Friedensfelde und dann „endgültig“ in Kietz.  Dieser von ideologischem Eifer getragene Vorgang verdient einen eigenen Beitrag, darum möchte ich an dieser Stelle nicht näher darauf  eingehen, statt dessen lieber auf die Eingangsfrage zurückkommen. Wie viel Küstrin steckt denn nun in Kietz?

Ja, hmmm….. da wäre auf jeden Fall das Ortswappen. Das heutige Küstrin-Kietz trägt das selbe Wappen wie das untergegangene Küstrin. Und, was absolut nicht unwichtig ist, die heutige, auf den Trümmern jener untergegangenen deutschen Stadt erichtete Stadt Kostrzyn.

Gibt es also eine Analogie zwischen Vergangenheit und Gegenwart? Rein “ wappentechnisch“ schon. Gibt es noch andere Gemeinsamkeiten zwischen dem einst und jetzt?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns gedanklich zunächst in die schwere Nachkriegszeit zurück begeben. Das prächtige alte Küstrin, in dem bis 1945 gut zwanzigtausend Einwohner gelebt haben sollen, war beinahe vollständig in Trümmern gefallen. Ein Schicksal das es mit unzähligen Orten in Europa teilte. Während sich die meisten dieser Orte im Laufe der Jahrzehnte quasi wie Phönix aus der Asche erhoben, erlitt Küstrin die nachhaltigste Zäsur der gesamten Stadtgeschichte. Der größte Teil des Stadtgebietes gehörten fortan zu Polen. Küstrin-Kietz, einst ein urbaner Vorort, mit Restaurants, Kaufhäusern, Villen und Straßenbahnverkehr, in dem einige tausend Menschen lebten, wurde damit gewissermaßen von der “ City“ abgetrennt. Der Ort verlor nicht nur seinen Charakter als Stadtteil, damit erlosch auch das Stadtrecht. Aus dem Stadtteil von Küstrin war eine eigene Gemeinde  an einer neuen Staatsgrenze geworden.

Diese neue Staatsgrenze trennte fortan die früheren Stadtteile. Für einen Teil der Bevölkerung, den “ Ureinwohnern“, ergaben sich daraus immense Konflikte. Konflikte die zumeist im verborgenen, im Schutz der eigenen vier Wände ausgetragen wurde. Offen darüber zu reden wagte in jenen Zeiten kaum jemand. Viele kehrten der alten Heimat ganz den Rücken. Andere flüchteten sich in Erinnerungen, oder versuchten sich anderweitig mit den Zuständen abzufinden.

Da gab es aber noch die anderen, die den Status Quo von vor 1945 überhaupt nicht kannten. Menschen, welche der Arbeit wegen hierher kamen. Überwiegend Grenzer, Zöllner und Eisenbahner. Allein oder gemeinsam mit ihren Familien. Während gleichzeitig viele der Alteingessenen ihr Glück lieber im Westen Deutschlands suchten. Auf diese Weise vollzog sich ein längst nicht vollständiger, jedoch nicht unbedeutender Bevölkerungsaustausch.

Im Laufe der Jahre verblasste die Erinnerung an Küstrin, dass in der offiziellen DDR-Lesart ohnehin als ein Pseudonym für “ Militarismus“ galt. Mehr und mehr nahm dieses Kietz eine eigene, im Vergleich zur Vorkriegszeit völlig andere Entwicklung ein.  Der Grenzbahnhof, das Armaturenwerk und die beiden sowjetischen Garnisionen prägten unter anderem, das Bild des zu den größten Dörfern des damaligen Kreises Seelow zählenden Kietz. Ein Bild, dass mit dem alten Küstrin überhaupt nichts mehr zu tun hatte.

Daran konnte auch die Um beziehungsweise Rückbenennung vor fünfundzwanzig Jahren, in Küstrin-Kietz, nichts ändern. Noch immer fühlen sich die allermeisten als „Kietzer“, nicht aber als Küstriner. Heute wäre die Ablehnung des Namens Küstrin für unseren Ort, wohl noch deutlicher zu Tage getreten. Innerlich gebunden fühlen sich an Küstrin wohl nur noch sehr wenige, hochbetagte Einwohner. Wer fühlt sich auch schon einer Stadt verbunden, die er nicht kennt? Einer Stadt, die es darüber längst nicht mehr gibt. Ideologische “ Bedenken“ dürften jedoch keine Rolle mehr spielen.

Dazu kommt noch, dass sich die Bevölkerungsstruktur in Küstrin-Kietz seit einiger Zeit erneut verändert. Neben einem allgemeinem Rückgang der Bevölkerungszahl und einem Abwandern überwiegend junger Menschen, kann ein verstärkter Zuzug von polnischen Familien nach Küstrin-Kietz beobachtet werden.

Das heutige Küstrin-Kietz hat nicht nur nichts mehr  mit dem alten Küstrin zu tun. Sondern auch nichts mit der Gemeinde Kietz, Kreis Seelow.

Spuren des untergegangenen Küstrin findet man absurderweise nur noch im Nachbarland Polen. Dort werden sie, unter anderem, in einem liebevoll und kompetent geführten Museum für die Nachwelt in Form von Originalgegenständen, Fotos und Filmen, der Nachwelt bewahrt.

Aber eigentlich ist es doch völlig egal, ob sich ein Einwohner als Küstrin-Kietzer, Kietzer, Küstriner, Küstriner Vorländer oder Bewohner von “ Kostrzyn-West“ fühlt. Wir leben und meinen doch ein und den selben Ort. In dem man sich wohlfühlen kann. Ein Ort der eine Zukunft hat, solange wir es nur wollen!

 

Uwe Bräuning

 

 

 

 

Kietz Kreis Seelow-Ein Dorf unter Spionageverdacht

Zu DDR-Zeiten gehörte das damalige Kietz mit immerhin 1300 Einwohnern zu größten Dörfern des Kreises Seelow. Wer von Kietz sprach, dachte zu allererst an den Bahnhof, das Armaturenwerk und natürlich an die “ Russen“. Von denen es bekanntlich gleich zwei Regimenter am Ostrand des Ortes “ ihre Zelte aufgeschlagen hatten“. Kietz wirkte immer schon ein wenig betulich. Ein eher ruhiges Nest, in dem jeder jeden kannte. Und wo eigentlich nicht viel passierte.

Kaum jemand ahnte jedoch, dass sich dieses kleine Dorf, Entschuldigung große Dorf, jahrzehntelang im Fadenkreuz des Ministeriums für Staatssicherheit stand.

Wo hört ein normales, jedem Staat eigenes Sicherheitsgefühl auf. Wo fängt die Paranoia an?

Das BND , CIA, Mi 5 und so weiter für Militärtransporte und Kasernen interessiert hatten, liegt auf der Hand. Diese Zeitepoche wird nicht grundlos “ Kalter Krieg“ genannt. Bis 1955 sollen, laut Unterlagen des MfS, neun “ Stützpunkte westlicher Geheimdienste“ in Kietz enttarnt worden sein. Was sich wahrscheinlich martialischer anhört, als es in Wirklichkeit war.  Dennoch, geschlafen haben die “ Unsichtbaren“ von der anderen Seite des “ Eisernen Vorhangs“ ganz sicher auch nicht.

Aber rechtfertigen solche Aktionen einen Generalverdacht gegen ein ganzes Dorf?

Aus heutiger Sicht erscheinen die „präventiven Abwehrmaßnahmen“ der Staatssicherheit in Kietz, wie aus einem Roman von George Orwell entliehen. Jeder, aber auch jeder Bereich des täglichen Lebens wurde von mit speziellen Aufträgen versehenen “ Inoffiziellen Mitarbeitern“ überwacht.  Als Schwerpunkte galten unter anderem die Gaststätten. Dort wurde auf ortsfremde Personen geachtet, die besonderes Interesse für Militärtransporte zeigten, oder Kontakt zu Angehörigen “ Bewaffneter Organe“ suchten.

Die Hauptabteilung I ( Militärabwehr) zeichnete sich für die Kontrolle aller in der Nähe der Brücken aufhältigen ortsfremden Personen, sowie der Erfassung von PKW-Kennzeichen in diesem Bereich, verantwortlich.

In der Kietzer Post registrierte IM “ Margarete“ sämtliche aus Westberlin oder der Bundesrepublik eingehenden Briefe und Pakete. Kurioserweise sorgte “ Margarete“ ungewollt 1967 für Aufregung im Gemeindeamt. Wunderte sich doch der damalige Bürgermeister Reimann darüber, dass sich sein Vorgesetzter stets bestens über den Inhalt von Telefonaten aus dem Rat der Gemeinde, informiert zeigte. Reimann vermutete bereits damals, ohne freilich an das MfS zu denken, dass ihm jemand abhören würde. Auf den Mann in der Post fiel kein Verdacht. Den Verdacht abgehört worden zu sein, äußerten damals auch andere Personen. Unter anderem der zuständige Abschnittsbevollmächtigte der Volkspolizei.

Die Inoffiziellen Mitarbeiter innerhalb der DAV-Betriebsgruppe sorgten bei Angelwettkämpfen dezent und unauffällig dafür, dass ortsfremde Angler den sowjetischen Kasernen, im Besondern der direkt am Damm in Richtung Reitwein gelegenen, nicht zu Nahe kamen.

Wer Gleise oder vorbeifahrende Züge beobachtete oder gar fotografierte, wurde von den Stellwerken aus beobachtet und gemeldet. Schließlich könnte sich hinter der Maske des harmlosen Eisenbahnfans ein “ gefährlicher Spion“ verbergen.

Was für ein enormer Aufwand! Oder sollte ich besser sinnloser Aufwand schreiben?

Fakt ist, dass die Überwachungsmaßnahmen den Einwohnern nicht völlig verborgen geblieben und ohne Auswirkungen auf das “ Binnenklima“ in Kietz geblieben sind. Mancher mißtraute manchem. Nicht immer zu Unrecht, wie aus den Dokumenten hervorgeht.

Mancher vetraute aber auch dem Falschen. So vertraute ein Volkspolizist einem VP-Helfer an, “ dass er gerne wissen wolle, wer in Kietz für die Staatssicherheit arbeitet.“  Der Volkspolizist hoffte, dass ihm ein bei der Staatssicherheit in Seelow arbeitender Schulfreund “  in dieser Hinsicht ein paar Tipps geben würde.“

Der ein wenig “ blauäugige“  Kietzer Volkspolizist ahnte nicht, dass sein Gesprächspartner auch das MfS “ nebenbei“ unterstützte. Wenig später fand sich der Inhalt des Gespräches, inklusive der Bemerkung “ dass man in Kietz keinem mehr trauen könne“, in den Akten wieder. Ob dieses Gespräch Auswirkungen auf die Karriere des Polizisten hatte, lässt sich momentan nicht belegen.

Kurz und gut: Es ist höchste Zeit die DDR-Zeit in Kietz aufzuarbeiten. Dabei geht es nicht darum, jemanden “ zu enttarnen“. Namen sind Schall und Rauch. Wobei die meisten Beteiligten ohnehin längst verstorben oder im “ biblischen Alter“ sind.Außerdem steht mir, als ehemaligen Volkspolizisten, welcher der DDR selbst  positiv gegenüberstand, so etwas ohnehin nicht zu. Vor dreißig Jahren hätte ich die beschriebenen Maßnahmen selbst noch für absolut legitim gehalten. Ich verstehe mich heute selbst nicht mehr, aber Irrungen gehören offenbar zur menschlichen Entwicklung wie Dotter zum Ei.

Und heute? Heute möchte an das Vergangene erinnern. Damit sich solch ein Quatsch in Deutschland nie mehr wiederholt.

Ganz ehrlich: Wirklich etwas gebracht haben die auf vielen Seiten niedergeschriebenen, sorgfältig durchdachten Maßnahmepläne ohnehin nichts.

 

Uwe Bräuning

 

 

Blatt 1

 

Dieser, von Oberst Neiber, dem späteren General und stellvertretenden Minister für Staatssicherheit bestätigte Maßnahmeplan sorgt über weite Strecken für Gänsehaut. Dem MfS erschien in Kietz tatsächlich jeder verdächtig ein Spion westlicher Geheimdienste zu sein. Es genügte beispielsweis bereits am Rosendamm oder in der Karl-Marx-Straße, von wo man mühelos aus der Wohnung heraus die sowjetischen Militärtransporte beobachten konnte, zu wohnen, um unter besonderer Kontrolle der Staatssicherheit zu stehen. Das selbe traf auf all jene zu, die in der Nähe der Kasernen wohnten. Oder den alten Kietzer Friedhof besuchten. Höchst verdächtig erschienen des Weiteren Angler und Fischer. Und die Eisenbahner sowieso.

Blatt 2

Blatt 4WWWoBlatt  3

Zerbrechlich wie Glas-als Küstrin-Kietz in den Fokus deutsch-polnischer Beziehungen geriet

Glück und Glas. Wie schnell zerbricht das? Dieser weise, in eine Frage eingebettete Spruch trifft durchaus auch auf das deutsch-polnische Verhältnis. Zuviel ist schließlich  in den vergangenen Jahrhunderten zwischen beiden Völkern geschehen. Friedrich der Große, Bismark, Hitler, Namen auf die mancher Deutscher stolz ist. Die jdoch bei manchen Polen noch heute einen unangenehmen Klang besitzen. Vor allem der letztgenannte.

Allzu lange prägten gegenseitige Klischees das Miteinander, dass bis 1990 in erster Linie ein “ Nebeneinander“ war.  Auch wenn sich das nicht immer leichte Verhältnis in den letzten Jahren deutlich verbessert hat, genügt mitunter ein Funke, um den sprichwörtlichn “ Großen Knall“ auszulösen.

Küstrin-Kietz ist nach der deutschen Wiedervereinigung gleich zweimal beinahe zu einem Synonym für “ deutsche Überheblichkeit“ gegen polnische Bürger geworden.

Beide Vorfälle liegen mittlerweile über zwanzig Jahre zurück. Sie sind längst vergessen, wie so vieles aus der Zeit des “ Wilden Ostens“. Ich habe sie aber trotzdem für euch „hervor gekramt“. Denn ganz vergessen sollten solche Vorfälle nicht werden!

Zum ersten Fall:

Wie in jedem Jahr arbeiten auch im Sommer 1992 mehrere, zumeist Jugendliche Erntehelfer aus dem Nachbarland Polen auf den Feldern des nach der Wiedervereinigung aus der früheren LPG “ Rotes Banner Kietz“ hervorgegangenen “ Cüstriner Landgutes“. Seit 1972 galten die Polen auf den weiten Anbauflächen des Oderbruchs als geradezu unverzichtbar. Für manch einem galt scheinbar das so genannte Gewohnheitsrecht.

Unsicherheiten gab es lediglich unmittelbar nach der Wiedervereinigung, als Polen plötzlich ein Visum für den nun zur Bundesrepublik Deutschland gehörenden Kreis Seelow benötigten. Doch bereits im April 1991 entfiel der Visazwang bereits wieder. Ohne Probleme konnten die polnischen Erntehelfer vom anderen Ufer der Oder, auch im ersten gesamtdeutschen Sommer ihrer schweren Tätigkeit nachgehen. Wobei die Aussicht auf “ harte D-Mark“ verständlicherweise, angesichts der damals noch enormen wirtschaftlichen Unterschiede beider Länder,  einen weiteren Anreiz schuf.

Ein Jahr später, im Sommer 1992, kamen erneut fünfunddreißig polnische Schüler in Begleitung von zwei Lehrern und vier weiteren erwachsenen Personen nach Küstrin-Kietz.

Der Chef des Landgutes nahm die Ankunft der Erntehelfer mit Freude und Erleichterung auf. Trotz allen Bemühens, ungeachtet der hohen Arbeitslosenrate in der Oderregion, war es ihm nicht gelungen ausreichend deutsche Arbeitskräfte für den “ Knochenjob“ zu finden. “ Verirrte“ sich wider Erwarten doch einmal ein vom Arbeitsamt nach Küstrin-Kietz geschickter Arbeitsloser aufs Feld, war er in aller Regel spätestens nach zwei Tagen “ Totsterbenskrank“. Wenig später sah man diese Leute wieder mit einer Büchse Bier in der Hand vor dem “ Konsum“ stehen. “ Für den Job bin ich mir als Deutscher zu schade, dass sollen mal schön die Polacken machen“, lautete allzu oft die Antwort auf entsprechende Nachfragen.  Stimmt nicht? Oh doch, ich habe solchen Unsinn nur allzu oft gehört!

Am 21. Juli 1992 kehrten die polnischen Erntehelfer wie gewohnt in ihre Unterkünfte auf dem Landgut zurück.  Hinter ihnen lag ein schwerer Tag. Die Sommersonne brannte unbarmherzig auf die gebeugten Rücken herab. Schatten suchte man auf den riesigen, baumlosen Feldern des Oderbruchs ohnehin vergeblich.

Hundemüde fielen die meisten kurz nach dem wohlverdienten Feierabend ins Bett. Kaum eingeschlafen, wurden sie jedoch von lauten Motorengeräuschen und dem Getrappel schwerer Schritte geweckt. Auf dem Hof des “ Landgutes“ rollten mehrere Einsatzfahrzeuge von Zoll und Bundesgrenzschutz.

Anfangs glaubten einige noch zu träumen. Doch es handelte sich um keinen Traum! Sondern um eine Razzia wegen “ Schwarzarbeit“ und “ illegalem Aufenthalt in der Bundesrepublik Deutschland“.  Delikten, denen sich die Polen und deren deutsche Auftraggeber, aus Unkenntnis oder auf das so genannte Gewohnheitsrecht vertrauend, tatsächlich schuldig gemacht hatten.

Kein einziger der polnischen Erntehelfer verfügte über eine Arbeitserlaubnis, wie sich bei der Kontrolle der Papiere schnell herausstellte. Polen benötigten zwar kein Visa mehr für die Einreise nach Deutschland, sie konnten sich auch drei Monate im Land aufhalten, jedoch lediglich als Touristen. Für die Aufnahme einer Tätigkeit benötigt man allerdings sowohl ein Visa als auch eine spezielle Erlaubnis. Im Fall einer unerlaubten Arbeitsaufnahme erlosch das Aufenthaltsrecht sofort. Dem Delinquenten drohte, neben den strafrechtlichen Konsequenzen,  die Abschiebung aus Deutschland.  Eine Katastrophe, sowohl für die Erntehelfer, als auch für das “ Cüstriner Landgut“.

Noch in der selben Nacht wurden die  Polen in die Grenzschutzstelle Neuhardenberg verbracht.  Diese befand sich in einer früheren NVA-Baracke, im südlichen Bereich der Luftwaffenkaserne Neuhardenberg ( ehemals Marxwalde). Dort erfolgten die weiteren Prüfungshandlungen, wie es immer so schön auf Behördendeutsch heißt.

Jedem der sich nur ein wenig in der wechselvollen deutsch-polnischen Geschichte auskennt, dürfte mühelos die politische Brisanz dieser Polizeiaktion erkennen.

Presse und Politik stürzten sich sofort auf den Vorfall. Plötzlich war Küstrin-Kietz in aller Munde. So schrieb zum Beispiel die “ Berliner Zeitung“ in seiner Ausgabe vom 25. Juli 1992 über die Razzia:

In der Nacht vom 21. Juli 1992 auf den 22. Juli 1992 sollen laut Presseberichten von Beamten des Zolls und des Bundesgrenzschutzes ( BGS) 35 polnische Schüler, zwei Lehrer und vier weitere Personen im Kreis Seelow verhaftet worden sein. Die zum größten Teil minderjährigen Schüler waren als Praktikanten in einem landwirtschaftlichen Betrieb tätig. Die Schüler wurden zum Teil in Handschellen und in Begleitung von Kampfhunden abgeführt und mußten die Nacht in einem vergitterten Raum in der Grenzschutzstelle in Neuhardenberg verbringen. Während der Verhaftung sollen die Jugendlichen von Beamten mit den Worten bedroht worden sein : “ Wenn Sie nicht mitkommen wollen, machen wir das Licht aus und nehmen die Knüppel.“

Am selben Tag textete das “ Neue Deutschland“:

Erst um 14 Uhr wurden sie-u.a. nach Intervention der Berliner Außenstelle der polnischen Botschaft-wieder freigelassen. Der polnische Botschafter in der Außenstelle der polnischen Botschaft in Berlin, Janusz Grzyb, übte massive Kritik am bundesdeutschen Grenzschutz.

Und weiter:

Der Ministerpräsident von Brandenburg, Manfred Stolpe, verurteilte das Einschreiten des BGS gegen die Jugendlichen als “ geradezu feindseligen Akt“, der gegen die Verständigung von Deutschen und Polen gerichtet sei. Der Ministerpräsident verlangte, dass sich die Bundesregierung in aller Form für den erschreckenden Vorfall entschuldigen soll.  ( Berliner Zeitung vom 24. Juli 1992)

Auch für Rupert Schröter vom Brandenburgischen Arbeits und Sozialministerium steht fest : “ Es gab einen Einsatz des Bundesgrenzschutzes. Und der sei eindeutig “ unverhältnismäßig“ gewesen.

Noch heute wirkt die Vorverurteilung der beteiligten Bundesgrenzschutzbeamten erschreckend. Abgesehen davon das selbst dem letzten “ Schreiberling“ klar sein sollte das Kampfhunde nicht zur Ausstattung der deutschen Polizei gehören, wäre hier wohl, wie so oft, weniger mehr gewesen.

Was hatte sich in jener Nacht tatsächlich in der Baracke der Grenzschutzstelle Neuhardenberg abgespielt? Anders als von den Medien dargestellt, durften sich die polnischen Erntehelfer während der Überprüfungshandlungen, an der neben Zoll und BGS auch Mitarbeiter des Arbeitsamtes Seelow beteiligt waren, frei bewegen. Und zwar ohne Handschellen!! Nachdem bekannt wurde das Hilfsaktionen polnischer Erntehelfer bereits seit zwanzig Jahren in Küstrin-Kietz stattfinden, verzichteten die deutschen Behörden nicht nur auf die eigentlich obligatorische Abschiebung.  Es wurde sogar die nachträgliche Legalisierung des Aufenthaltes und die damit verbundene Möglichkeit die Tätigkeit wiederaufzunehmen, eingeleitet. Eine bewunderndswert pragmatische Entscheidung! Schon am 22. Juli 1992 bedankte sich der polnische Konsul telefonisch für die korrekte Behandlung seiner Landsleute. All das war den Postillen offenbar keine Erwähnung wert. Das sie durch die unseriöse Darstellung ihrerseits zu Spannungen zwischen Polen und Deutschen beitrugen, liegt wohl auf der Hand.

Drei Jahre später warb in Slubice ein deutscher Unternehmer aus Frankfurt (Oder) per Anzeige für einen Job als Zeitungsausträger in Deutschland.  Zweihundertfünfzig Frauen und Männer aus dem Nachbarland folgten dem Inserat. Am Treffpunkt, einer Halle in Frankfurt, wartete jedoch nicht der neue Arbeitgeber, sondern Bundesgrenzschützer und Mitarbeiter des Arbeitsamtes auf die ahnungslosen Polen. In wie weit damals tatsächlich “ mit Kanonen auf Spatzen geschossen wurde“, Behördenmiteinander ihre Kompetenzen überschritten, kann ich nicht beurteilen. Fakt ist, dass die Aktion, anders als drei Jahre zuvor in Küstrin-Kietz, tatsächlich zu einer handfesten Verstimmung zwischen Berlin und Warschau führte.

Nur wenige Tage später wollten polnische Zigarettenschmuggler in Küstrin-Kietz aus dieser Verstimmung ihren eigenen Nutzen ziehen:

Alles begann mit einer normalen Routinekontrolle auf dem Bahnhof Küstrin-Kietz. Eine Streife des Zollkommissariates beabsichtigte den von Kostrzyn nach Berlin-Lichtenberg verkehrenden, wie üblich vollbesetzten Zug während eines kurzen Zwischenstopps einer Kontrolle zu unterziehen. Zu mehr als ein paar Stichproben würde die Zeit ohnehin nicht ausreichen. Dennoch hatten die Beamten in der Vergangenheit in den aus Polen kommenden Reisezügen  bereits jede Menge “ Konterbande“, vorwiegend unversteuerte Zigaretten sichergestellt. Das Hauptaugenmerk der Zöllner galt jungen Männern, welche auffällig große Taschen mit sich führten.

Beim Einsteigen bemerkten die Douaniers vier junge Männer in einem der Abteile. Einer von ihnen wollte beim Auftauchen der Douaniers sein Gepäck “ unauffällig“ unter dem Sitz verschwinden lassen.  Grund genug das Abteil und die Insassen zu überprüfen. Ehe sich die Zöllner näherten, schoben die verdächtigen Männer ihre Taschen direkt vor die Tür um diese zu blockieren. Zusätzlich hielten sie den Türgriff lautstark schimpfend, von innen fest.

Eine prekäre Situation für die Zöllner. Der Vorfall war den anderen Reisenden nicht unbemerkt geblieben. Spott und Hohn ob der Blamage der unbeliebten “ Filzläuse“ zeichnete sich auf etlichen Gesichtern ab. Ein paar Typen klatschten unverhohlen Beifall, feierten die Insassen des Abteils wie Helden.

Die Zöllner hätten sich nun zurückziehen, auf die weitere Kontrolle verzichten können. Aber um welchen Preis? Für Zigarettenschmuggler und andere Rechtsbrecher wäre das wohl eindeutig das falsche Signal gewesen. Der Zoll lief Gefahr, “ sein Gesicht zu verlieren.“ Andererseits drohte die Situation jederzeit zu eskalieren. Außerdem musste der Zug in drei Minuten abfahren. Hier war guter Rat teuer!

Jeder Versuch die Personen im Abteil zum Aufgeben zu bewegen, lief ins Leere.“ Der Zug fährt nicht eher ab, bis uns die Tür geöffnet und die Kontrolle ermöglicht wird“, machten die Zöllner dem ratlosen Fahrdienstleiter klar. “ Ihr müsst ja wissen, was ihr tut“, murmelte der Eisenbahner gespielt gleichmütig.

Über Funk forderten die Zöllner nun Verstärkung an. Zwei in Bleyen und Reitwein operierende Zollstreifen eilten mit Sondersignal zum Bahnhof Küstrin-Kietz. Das von der Funkbetriebsstelle des Zolls verständigte Bundesgrenzschutzamt Frankfurt (Oder) beorderte seinerseits alle in der Nähe befindlichen Patrouillen an den Ort des Geschehens. Bald füllte sich der Bahnsteig  mit Uniformierten. “ Lasst uns das Abteil stürmen“, schlug ein junger Polizeimeister vor. “ Nichts da“, beschied ein anderer energisch. “ Ich habe keine Lust morgen in der Presse breitgetreten zu werden.“ “ Aber wir sind doch im Recht“, protestierte der junge Polizist. “ Schon mal was von politischem Fingerspitzengefühl gehört?“, donnerte sein älterer Kollege. “ Darauf warten doch die Burschen bloß, dass wir wie John Wayne und seine Kavallerie in das Abteil einreiten. Der Presse ist es Scheißegal wie viele Schmuggelzigaretten oder Drogen wir im Abteil finden. Denen interessiert lediglich, wie grob und böse wir mal wieder waren. So etwas zieht Kreise, von Berlin bis nach Warschau. Da hilft dir hinter kein Schwein.“  “ Aber was sollen wir denn sonst unternehmen?“ “ Ganz einfach: Abwarten und die Nerven behalten. Wer zu erst durchdreht, hat verloren.“

An jenem Abend lag drückende Hitze über dem Oderland. Bei vielen Reisenden lagen die Nerven blank.  Immer heftigere Schimpfkanonaden prasselten auf Zöllner und Grenzschützer nieder. Während dessen sonnten sich die Urheber des Ganzen in ihrem fragwürdigem Erfolg. Noch immer dachten sie nicht im Traum daran ihren Widerstand aufzugeben, obwohl die Luft buchstäblich immer dünner wurde.

Zur selben Zeit saßen sich im polnischen Rzepin ( Reppen), ca. 60 km von Küstrin-Kietz entfernt, die Zollvorsteher Karl-Heinz Dahms und Jerzy Kowalewski gegenüber. Die beiden hohen Zollbeamten berieten über mögliche Formen der deutsch-polnischen Zusammenarbeit an dieser “ heißen Grenze“.  Zu ihrem Verdruß behinderten bürokratisch anmutende rechtliche Hürden noch  allzu oft die Kooperation zwischen den Zöllnern beider Länder. “ Solche Hürden kennen die Kriminellen leider nicht“, bedauerte Kowalewski. “ Stimmt“, pflichtete ihm Dahms bei. “ Wir haben den selben Feind, aber uns sind noch immer die Hände gebunden. Das muss und wird sich ändern, wenn wir nicht die Oberhand verlieren wollen.“

Dahms berichtete seinem Kollegen gerade von einem Durchbruch am Grenzübergang Frankfurt (Oder) / Swiecko, bei denen ein Schmuggler gezielt auf die Zöllner zugefahren war, als das Telefon auf Kowalewskis Schreibtisch verlangte. Er meldete sich kurz, reichte dann jedoch den Hörer an seinen deutschen Kollegen weiter. “ Für dich“, sagte er auf deutsch.

Am anderen Ende meldete sich der Diensthabende des Zollamtes Küstrin-Kietz. In knappen Worten setzte der Mann seinen Chef über die prekäre Situation am Bahnhof Küstrin-Kietz in Kenntnis.  “ Sagen Sie den Kräften vor Ort, dass sie nichts unüberlegtes unternehmen sollen. Ich werde mich ebenfalls nach Kietz bewegen.“  Dann legte er den Hörer auf um seinerseits seinem polnischen Kollegen die Situation am Bahnhof Küstrin-Kietz zu schildern. “ Ich muss unser Gespräch leider vorfristig beenden“, bedauerte Dahms. “ Aber jetzt ist meine Anwesenheit in Küstrin-Kietz gefragt.“  Jerzy Kowalewski überlegte nur kurz. “ Karl-Heinz, haben wir nicht vorhin über die Notwendigkeit einer deutsch-polnischen Zusammenarbeit an dieser Grenze geredet? Lass uns doch gleich heute damit anfangen. Ich werde dich mit ein paar von meinen Leuten begleiten. Ich bin mir sicher, dass die Anwesenheit polnischer Zöllner die Lage entschärfen kann.“

Erleichtert ging Dahms auf den Vorschlag seines “ Amtsbruders“ ein. So schnell wie möglich fuhren die Zöllner in Richtung Küstrin-Kietz. Wo die Lage endgültig außer Kontrolle zu geraten drohte. “ Faschisten, Faschisten“, riefen einige, sehr wahrscheinlich dem kriminellen Milieu angehörende polnische Reisende den auf dem Bahnsteig versammelten  ratlosen deutschen Beamten zu.  Dann schallte es laut auf Deutsch aus dem besagten Abteil : “ Kommt doch, kommt doch. Wir wollen ein Frankfurt.“ Deutlicher konnten die Schmuggler ihr Vorhaben nicht in Worte fassen. “ Wir wollen ein Frankfurt“, wie ein Lauffeuer setzt sich der Ruf durch den Zug fort.

Dennoch solidarisierte sich längst nicht jeder polnische Reisende mit den Schmugglern. Einige schauten betreten, voller Scham über ihre Landsleute,  auf den Boden. Aus naheliegenden Gründen wagte sich aber auch niemand offen von den Krawallmachern auf Distanz zu gehen.

Nach Frankfurt ( Oder) sollte nun Küstrin-Kietz zu einem neuen Symbol für deutsche Polizeigewalt gegen polnische Bürger werden. Zumindest wenn es nach dem Willen einiger Krimineller gegangen wäre.

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Auf diesem Bahnsteig spielte sich im Sommer 1995 ein deutsch-polnischer Nervenkrieg zwischen Schmugglern und Grenzern ab.

Endlich, nach einer guten Stunde Fahrt, traf das “ deutsch-polnische Zollkommando“ ein. Während sich Dahms einen Überblick verschaffte, versuchte Kowalewski sofort mit den widerborstigen Schmugglern zu verhandeln. Der Anblick uniformierter polnischer Zöllner verblüffte die Ganoven nur kurz. “ Haut ab, ihr Deutschenknechte“, hallte es ihnen entgegen.   Und immer wieder: “ Wir wollen ein Frankfurt!“

“ Vergisst es. Wenn die Deutschen den Zug stürmen, werde ich die Rechtmäßigkeit bestätigen. Ihr allein trägt die Schuld, wenn hier etwas passiert“, konterte Kowalewski ungerührt.

Langsam aber sicher ließ die Widerstandskraft der Schmuggler nach. Hitze und Sauerstoffmangel taten ihr übriges. Inzwischen waren mehrere Stunden eines bemerkenswerten deutsch-polnischen Nervenkriegs vergangen. Dahms wußte, dass er den Zug nicht länger aufhalten konnte. Eine schnelle Entscheidung musste her. Eine gewaltsame Lösung des Konflikts lehnte der besonnene Zöllner noch immer entschieden. Schließlich einigte man sich auf einen Kompromiss. Die vier Haupträdelsführer zeigen sich mit der Kontrolle ihres Abteils und der Sicherstellung etwaigen Schmuggelgutes einverstanden. Im Gegenzug verzichtet der deutsche Zoll auf die Strafverfolgung.

Zur Überraschung aller gingen die Schmuggler darauf ein. Grinsend nahmen Sie die Sicherstellung der  prall mit unversteuerten Zigaretten gefüllten Taschen hin. “ Die gehören uns nicht. Irgend jemand hat sie hier reingestellt“, höhnte, noch immer grinsend, einer der Banditen.

“ Dem wird das Grinsen schon vergehen“, versuchte Kowalewski seinen deutschen Kollegen zu trösten. “ Spätestens, wenn er seinem Auftraggeber den Verlust von tausend Stangen Zigaretten erklären muss.“  Dahms nickte versonnen. “ War das nun ein halber Sieg, oder eine ganze Niederlage?“, frage er den polnischen Zollchef. “ Auf jeden Fall war das heute ein Anfang. Gemeinsam sind wir am Ende stärker als alle Kriminellen. Wir haben den Ganoven die Show gestohlen und damit ein Zeichen für die Zukunft gesetzt. Nur das zählt heute Abend.“

Über zwei Jahrzehnte sind nach dem letzten Vorfall vergangen. Heute ist beinahe jeder dritte Einwohner von Küstrin-Kietz polnischer Herkunft. 1995 noch undenkbar, 2016 völlig normal. Der Begriff polnische Nachbarn hat eine völlig neue Bedeutung bekommen. Und doch ist die Gefahr noch nicht gebannt, dass das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen erneut auf die Probe gestellt werden könnte. Achten wir alle darauf, dass es nicht geschieht!

 

Uwe Bräuning