Raus aus dem Schatten der Soldatenstadt Küstrin!

Als ich vor einigen Wochen gemeinsam mit unserem Ortsvorsteher Gerhard Schwagerick im Verwaltungsgebäude des Festungsmuseums Kostrzyn, an der Eröffnung einer weiteren, im übrigen sehr interessanten Ausstellung über die im Zweiten Weltkrieg für immer untergegangenen Stadt Küstrin teilnahm, drängte sich mir spontan die Frag auf, warum solche Ausstellungen nicht bei uns, in Küstrin-Kietz möglich sind?  Die von Museumsdirektor Ryszard Skalba initierte Ausstellung ist übrigens nicht die erste ihrer Art. Vor dem sach und fachkundigen Umgang der Polen mit der deutschen Vergangenheit der Stadt Kostrzyns kann man nur den Hut ziehen!

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Eine Schwäche weisen alle bislang bekannten Ausstellungen und Publikationen zum Thema Küstrin jedoch auf-Unser Küstrin-Kietz findet darin kaum Beachtung.

Diese Behauptung, zum ersten Mal veröffentlicht in der Online-Ausgabe der “ Märkischen Oderzeitung“, hatte mir darauf Kritik seitens des Vorsitzenden des “ Vereins für die Geschichte der Stadt Küstrin“, Herr Martin Rogge, beschert:

Wir halten den Kommentar von Uwe Bräuning für unangemessen.
 Der aufmerksame Interessent der Geschichte Küstrins hat in den letzten Jahren mit Freude feststellen können, daß die Polen den nach 1945 auf deutscher Seite verbliebenen Stadtteil Küstrin-Kietz immer öfter erwähnen. Die eigentlichen historischen Stätten befinden sich nunmehr auf polnischer Seite; sie brauchen Küstrin-Kietz nicht unbedingt. Jedoch betonen gerade die Mitarbeiter des Festungsmuseums Küstrin, daß Küstrin-Kietz Bestandteil der gesamten Stadt war und sie nicht darauf verzichten wollen. Diesen noch deutschen Stadtteil Küstrin-Kietz gebührend zu repräsentieren ist zuallererst die Aufgabe und Pflicht der hiesigen Einwohner.
 Küstrin-Kietz hat seinen Platz im Festungsmuseum der Bastion Philipp, in der jetzt eröffneten Ausstellung Memento Küstrin u.a.m.. Seit wenigen Jahren erklären Mitglieder unseres Vereins den polnischen Interessierten die Geschichte Küstrins auf dem deutschen Oderufer.
 Seit der zweiten Gründung (erste 1901) unseres Vereins 1994 beschäftigen wir uns mir der Geschichte dieser brandenburg-preußischen Festungs- und Garnisonsstadt. Geschichte kann man nur erklären und erforschen in der Gesamtheit einer Stadt in all den Jahrhunderten. Unser Küstriner Museum mit der Präsentation aller Stadtteile wurde 1994 eröffnet, seit 2000 befindet es sich im Kulturhaus.
 Etliche Veranstaltungen sind von uns organisiert worden, so auch mehrmals am historischen Ort in Küstrin-Kietz. Jüngst luden wir, am 2. April, zum alljährlichen Gedenken der Kriegstoten von 1945 zur deutschen und sowjetischen Kriegsgräberstätte ein; übrigens ist die deutsche Kriegsgräberstätte die einzige im gesamten ehemaligen Küstriner Stadtgebiet. Die MOZ berichtete ausführlich darüber; vielen Dank.
 
 Martin Rogge, Verein für die Geschichte Küstrins

Quelle: Online-Ausgabe der “ Märkischen Oderzeitung“

So weit, so gut. Aber in welcher Weise profitiert das heutige Küstrin-Kietz von dem Umstand, vor einem Menschenleben Teil der “ brandenburg-preußischen Soldatenstadt Küstrin“ gewesen zu sein? Einer Stadt, die im Zweiten Weltkrieg ebenso erloschen ist, wie das einstige Stadtrecht von Küstrin-Kietz.

Überhaupt, erscheint mir kaum ein Ort derart vom ständigen Wandel betroffen zu sein, wie Küstrin-Kietz.  Da genügt es bereits, die Entwicklung der letzten zweihundert Jahre zu betrachten: Das einstige, ursprünglich auf der Oderinsel gelegene Fischerdorf Kietz, hatte nichts mit dem durchaus vorzeigbaren Bauerndorf zu tun, zu dem sich Kietz nach dem erzwungenen Umzug bis Ende des 19. Jahrhunderts gemausert hatte. Die ebenfalls von der Oderinsel umgesiedelte “ Lange Vorstadt“, hatte mit der am Westrand des heutigen Ortes entstandenden “ Langen Vorstadt“ nur noch den Namen gemein. 1930 vereinigten sich Kietz und “ Lange Vorstadt“ zu Küstrin-Kietz. Einer heute unvorstellbar prächtigen kleinstädtischen Vorortsiedlung. Deren Bild von Restaurants, Mehrfamilienhäuser, Villen, Geschäften und niedergelassenen Firmen geprägt war. Ich verweise an dieser Stelle an das von Andy Steinhauf herausgebrachte Buch “ Küstrin und sein Kietz“.

Anfang 1945 sanken nicht nur die Alt und Neustadt von Küstrin in Trümmern, sondern auch jenes Küstrin-Kietz.  Hier endet die Geschichte jedoch nicht. An der Stelle der einstigen Neustadt von Küstrin entstand die nun polnische Stadt Küstrin.  Während auf der westlichen Seite der Oder das Dorf Kietz aufgebaut wurde. Von nun gingen die einstigen Stadtteile “ getrennte Wege“.

Das ist nun über siebzig Jahre her. Seitdem ist viel geschehen. Dieses nach 1945 entstandene Kietz besaß nur noch wenig Ähnlichkeit mit der kleinstädtischen Vorstadtsiedlung Küstrin-Kietz.

Der Ort entwickelte sich, im Schatten der neuen polnischen Grenze und zweier hier stationierter sowjetischer Regimenter, zu einem regelrechten “ Eisenbahnerdorf“.  1990 “ drehte sich der politische Wind erneut“- aus Kietz wurde wieder Küstrin-Kietz, verlor jedoch gleichzeitig den Charakter eines “ Eisenbahnerdorfes“, ohne nur im entferntesten an den Glanz vor 1945 anknüpfen zu können.

Küstrin-Kietz verlor in der Folge nicht allein Arbeitsplätze und Einwohner, sondern auch den Status eines selbstständigen Ortes. Heute ist Küstrin-Kietz nur noch Ortsteil der Gemeinde “ Küstriner Vorland“. Noch immer verändert sich das Gesicht des Ortes. Seit einigen Jahren siedeln sich mehr und mehr polnische Familien bei uns ein. Ob der Anteil an der Bevölkerung bereits ein gutes Drittel beträgt, lasse ich mal dahin gestellt. Tatsache ist jedoch, dass ohne diesen Zuzug Küstrin-Kietz in wenigen Jahren entvölkert wäre. Und das sich das Gesicht des Dorfes erneut erheblich verändern wird.

Die Frage ist nur, ob wir uns zum positiven oder zum negativen entwickeln? Unsere Chance besteht einzig und allein im Tourismus. Dazu müssen wir uns aber endlich der eigenen Stärken besinnen. Raus aus dem ewigen Schatten der ohnehin längst nicht mehr existenten Stadt Küstrin!  Unser Dorf ist mehr als der ehemalige Teil einer geschichtsträchtigen Stadt. Sondern ein Ort mit einer eigenen hochinteressanten. wechselvollen Geschichte. Die eben nicht im Jahr 1945 endet.

Ich weiß selbst, dass es viele nicht mehr hören können: aber Vorhaben für die Zukunft gibt es bereits etliche Ideen. Leider hapert es noch immer an der Umsetzung. Was nicht nur dem “ nicht vorhandenen Geld“ geschuldet ist. Wünschenswert wäre es, wenn sich so viele Einwohner, gerne auch die polnischen, zusammenfinden, damit die Ideen endlich in die Tat umgesetzt werden.  Wir sind durchaus in der Lage etwas besonderes auf die Beine zu stellen. Was es eben nur in Küstrin-Kietz zu sehen gibt.

Stichwort “ Grenzbahnhof“: Der einstige Grenzbahnhof Kietz bietet Stoff für mehrere Bücher. Nicht nur weil dieser Bahnhof über viele Jahre im Fokus verschiedener Geheimdienste stand. Sondern wegen der besonderen, eben nicht staatlich verordneten kollegialen Beziehungen deutscher und polnischer Eisenbahner wegen.

Dieses Foto zeigt den langjährig in Kietz wohnenden und arbeitenden ehemaligen Reichsbahner Werner Brunn
Dieses Foto zeigt den langjährig in Kietz wohnenden und arbeitenden ehemaligen Reichsbahner Werner Brunn

 

Stichwort “ Sowjetische Garnision“: Auch hier gibt es eine Menge „Stoff“zum Aufarbeiten.

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von sowjtischen Soldaten hinterlassene Inschriften im Bereich der Oderbrücke.

 

Stichwort “ Grenzsicherung“ insbsondere im Herbst 1989

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Stichwort: “ Das ganz normale Alltagsleben in Kietz bis 1990″.

Diesen Bogen kann man beliebig bis in die Gegenwart weiter schlagen. Wir brauchen also etwaigen Besuchern keine Modelle des Küstriner Stadtschlosss zu präsentieren. Sondern Beispiele aus unserer ganz eigenen, spezifischen Historie.  Wenn uns gelingen sollte das allgemeine Interesse wieder stärker auf Küstrin-Kietz zu lenken und damit Besucher in den Ort zu locken, dann haben wir vielleicht auch wieder eine Zukunft!

Uwe Bräuning

 

 

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Autor:

Ich lebe seit über fünfzig Jahren im Oderbruch. Seitdem ich denken kann, interessiere ich mich für die Geschichte aber auch für die Gegenwart und Zukunft dieser einzigartigen Region, im äußersten Osten Deutschlands. So weit es mir möglich ist, möchte ich die reichhaltige Geschichte erforschen, aufschreiben um diese für die Nachtwelt zu erhalten. Zur Geschichte gehört ausdrücklich, auch das selbst erlebte, unser eigenes Leben. Eine weitere Leidenschaft von mir ist die Erforschung und der Erhalt der Natur meiner Heimat. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, dem können die immer deutlicher zu Tage tretenden Umweltschäden nicht verborgen bleiben. Schäden die wir alle zu verantworten haben. Schäden, die jedoch oftmals verhindert werden könnten. Naturschutz geht uns alle an! Wir alle, vor allem aber unsere Nachkommen werden davon profitieren. Leider ist zurzeit um den Naturschutz, aus verschiedenen Gründen, im Oderbruch nicht gut bestellt. Einige Aspekte werden als "Gängelei" empfunden oder einfach nur falsch verstanden. Gleichgültigkeit und Unkenntnis spielen eine weitere, nicht unerhebliche Rolle. Dazu kommt, dass die im Oderbruch stark vertretene " Bauern-Lobby" offenbar durch den Naturschutz finanzielle Einbussen befürchtet und gegen geplante Naturschutzmaßnahmen polemisiert. Obwohl gerade die Landwirte eigentlich kein gestörtes Verhältnis zur Natur haben sollten. Hier ist Aufklärung gefragt! Damit nicht noch der letzte Rest Natur im Oderbruch in trockenes staubiges Ackerland umgewandelt wird.

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