Er ist wieder da!?-Ostalgie in Küstrin-Kietz?

Lenin

Manch einer der bei Küstrin-Kietz die deutsch-polnische Grenze überquert, dürfte sich kurz vor der Oderbrücke ungläubig die Augen gerieben haben. War das nicht…..? Ist das nicht….? Ach Quatsch, dass kann doch nicht sein! Wer kommt denn im Jahre 26 nach der deutschen Wiedervereinigung auf die Idee, eine Lenin-Büste aufzustellen? Noch dazu quasi an der Eingangspforte der Bundesrepublik Deutschland. Was kommt als nächstes? Etwa die Reaktivierung der SED-Ortsgruppe Kietz? Kehren gar die Russen wieder zurück in ihre Kaserne auf der Oderinsel?

Ach Quatsch! Leute, bleibt doch mal locker. Besagte Lenin-Büste ist nämlich nicht irgend eine Leninbüste. Von denen bekanntlich jede Menge nach 1990 auf den Schrott gelandet sind. Wo sie verdammt noch mal auch bleiben sollen. Diese Büste kann jedoch auf eine eigene, bewegte Geschichte zurückblicken. Für den Lenin-Kopf haben Anfang der Vierziger Jahre, mitten im Zweiten Weltkrieg, sogar zwei wackere Küstrin-Kietzer buchstäblich “ ihren Arsch riskiert“.   Die Lenin-Büste gehörte zum Raubgut der „glorreichen Wehrmacht“, wurde per Waggon nach Küstrin-Kietz geschafft und zusammen mit anderen metallischen Gegenständen von Arbeitern der hiesigen Firma “ Zickelbein“ ausgeladen. Der geklaute Schrott sollte der Waffenproduktion zur Verfügung gestellt werden.

Zwei offenbar “ kommunistisch angehauchte“ Arbeiter der beauftragten Firma konnten den Gedanken das ihr Idol derart zweckentfremdet und möglicherweise gegen die Sowjetunion eingesetzt wird, nicht ertragen. Kurzerhand schnappten sie sich die Büste und vergruben das Ding unweit der heutigen zum Bahnhof führenden Fußgängerbrücke.

Natürlich kann man sich an dieser Stelle fragen, “ wie blöd man eigentlich sein muss, um für eine Büste hohe Haftstrafen, oder sogar das eigene Leben zu riskieren?“ Noch dazu für jemanden wie Lenin.

Man kann sich aber auch vor Augen führen, dass die beiden, leider unbekannten Arbeiter ein schönes Beispiel für den Fakt abgeben, dass damals doch nicht alle Deutschen den Nazis blind folgten. Oder vor Angst erstarrten wie das Karnickel vor der Schlange. Die idealisierte Vorstellung von der Sowjetunion kann man beiden Helden wohl kaum zum Vorwurf machen. Erstens stand ihnen unser heutiges Wissen nicht zur Verfügung und zweitens zeigt es doch nur ihre Abneigung gegenüber dem Hitlerrgime.

Interessant ist auch die spätere Geschichte der Lenin-Büste:

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg wieder ausgegraben, bekam Wladimir Iljitsch vor dem Kulturhaus der Eisenbahner einen Ehrenplatz. Die Lenin-Büste gehörte von nun an gewissermaßen zum Dorfbild. Bis sich der politische Wind 1989 / 90 erneut drehte. Plötzlich wollte das Ding keiner mehr haben. Wieder retteten engagierte Bürger den metallenen Lenin vor dem Einschmelzen. Wenn auch nicht mehr unter Lebensgefahr.

Nach jahrelanger Verbannung in einem Garten, hat Wladimir Iljitsch Lenin nun seinen Platz an der früheren Oderschanze bei Fischer Schneider gefunden. Hier steht er nun, quasi als Symbol vergangener, glücklicherweise überwundener Zeiten, wie eine Hase im Gras und schaut den an ihm vorbeifahrenden Autos hinterher. Denn auch in Küstrin-Kietz heißt es schon lange “ Good bye Lenin“. Selbst oder gerade weil wir uns nicht von allen Denkmälern der  Vergangenheit trennen möchten.

 

Uwe Bräuning

 

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Autor:

Ich lebe seit über fünfzig Jahren im Oderbruch. Seitdem ich denken kann, interessiere ich mich für die Geschichte aber auch für die Gegenwart und Zukunft dieser einzigartigen Region, im äußersten Osten Deutschlands. So weit es mir möglich ist, möchte ich die reichhaltige Geschichte erforschen, aufschreiben um diese für die Nachtwelt zu erhalten. Zur Geschichte gehört ausdrücklich, auch das selbst erlebte, unser eigenes Leben. Eine weitere Leidenschaft von mir ist die Erforschung und der Erhalt der Natur meiner Heimat. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, dem können die immer deutlicher zu Tage tretenden Umweltschäden nicht verborgen bleiben. Schäden die wir alle zu verantworten haben. Schäden, die jedoch oftmals verhindert werden könnten. Naturschutz geht uns alle an! Wir alle, vor allem aber unsere Nachkommen werden davon profitieren. Leider ist zurzeit um den Naturschutz, aus verschiedenen Gründen, im Oderbruch nicht gut bestellt. Einige Aspekte werden als "Gängelei" empfunden oder einfach nur falsch verstanden. Gleichgültigkeit und Unkenntnis spielen eine weitere, nicht unerhebliche Rolle. Dazu kommt, dass die im Oderbruch stark vertretene " Bauern-Lobby" offenbar durch den Naturschutz finanzielle Einbussen befürchtet und gegen geplante Naturschutzmaßnahmen polemisiert. Obwohl gerade die Landwirte eigentlich kein gestörtes Verhältnis zur Natur haben sollten. Hier ist Aufklärung gefragt! Damit nicht noch der letzte Rest Natur im Oderbruch in trockenes staubiges Ackerland umgewandelt wird.

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