Der Tag als der Bundespräsident nach Küstrin-Kietz kam

Hohe Staatsgäste schlagen um Küstrin-Kietz gewöhnlich einen weiten Bogen. Kaiser, Könige, Staatsratsvorsitzende, Bundeskanzler hatten und haben unseren Ort “ nicht auf dem Zettel“.   In dieser Hinsicht war der 01.08. 2012 kein gewöhnlicher Tag. Denn an diesem ein wenig zu kühlen Sommertag fanden gleich zwei hohe Staatsmänner den Weg nach Küstrin-Kietz. Bundespräsident Joachim Gauck und dessen polnischer Amtsbruder Komorowski. Wow, sollte dem kleinen Dorf am östlichen Rand der Bundesrepublik Deutschland endlich die gebührende Aufmerksamkeit zuteil werden?

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Für wenige Stunden weilte die große weite Welt in Küstrin-Kietz

 

Ach was! Wer das glaubt, glaubt auch an Weihnachtsmann oder Klapperstorch. Küstrin-Kietz diente den beiden Repräsentanten lediglich als Treffpunkt. Quasi zum Umstieg vom Hubschrauber in die noble Staatskarosse. Bevor es zum eigentlichen Ziel der Reise, dem alljährlichen Rockfestival “ Haltestelle Woodstock“, ins benachbarte Kostrzyn ging.

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Geil war es trotzdem. Über mangelnde Polizeipräsenz brauchte sich an jenem Tag jedenfalls niemand beschweren. Ringsum das Kulturhaus sorgten bereits lange vor der Ankunft der Staatsgäste uniformierte und zivile Polizisten für ein Höchstmaß an Sicherheit. Auf dem  gewöhnlich öden Innenhof des Neubaublocks Karl-Marx-Straße 34 / 35 standen Übertragungswagen verschiedener Fernsehsender. Landrat und Ortsvorsteherin warteten gespannt darauf den Bundespräsidenten die prominenten Hände zu schütteln. Von Minute zu Minute begann sich der Gehweg gegenüber dem Kulturhaus mit neugierigen Dorfbewohnern zu füllen.

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Für die Sicherheit der hohen Gäste ist gesorgt.

Falls jemand im letzten Satz einen gehässigen Unterton herauszulesen meint, dem sei an gsagt, dass ich mich selbstverständlich mitten unter den besagten Neugierigen befand. Solch eine Gelegenheit lasse ich mir doch nicht entgehen!

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In Erwartung des Bundespräsidenten

Die gespannte Atmosphäre hatte etwas vom berühmten Warten auf das Christkind. Alle starrten gebannt in die Lüfte. Endlich erschien, aus Richtung Berlin kommend, der Hubschrauber des Bundespräsidenten am Himmel. Zur Landung auf dem Sportplatz ansetzend, ratterte die Maschine über die Dächer der “ Deutschlandsiedlung“.

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Der Hubschrauber mit dem Bundespräsidenten setzt zur Landung an

Derweilen pirschte sich das Heer der Pressefotografen, in Erwartung des bald um die Ecke kommenden Bundespräsidenten, näher an die Außentreppe des Kulturhauses heran. Keck mischte ich mich unter die Profis, zückte meine Kompaktkamera und ging in gespannte Erwartungshaltung über. Dabei einen ebenso komischen wie dämlichen Eindruck hinterlassend. Für ein gutes Foto kann man sich schon mal zum Affen machen.

Und dann schritt, umringt von Leibwächtern, live und in Farbe, Joachim Gauck, früherer Pfarrer, Hüter der Stasiakten und aktuell Staatsoberhaupt aller Deutschen, quasi zum Anfassen nah, auf dem Eingang des Kulturhauses zu. Das dieser Weg exakt auf meiner morgendlichen Hunde-Gassi-Route liegt, wird Herr Gauck wohl nie erfahren. Und meinen chronisch unpolitischen Hunde ebenfalls nicht.

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der Bundespräsident wird begrüßt

Ich tat das, was in diesem Moment alle taten: Wie ein Irrer den Auslöser der Kamera betätigen. An mir ist halt ein Paparazzi verloren gegangen.

Im Anschluss an das obligatorische Begrüßung durch sichtlich aufgeregte lokale Verantwortungsträger, sozusagen die kleinen regionalen Gaucks, nahm der Bundespräsident das ebenso obligatorische “ Bad in der Menge“.

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Das Bad in der Menge-Joachim Gauck im Gespräch mit Einwohnern von Küstrin-Kietz

“ Herr Bundespräsident, können Sie mir ein paar Fragen beantworten?“, wurde er von einem Mikrophonbewehrten Reporter angesprochen. “ Ja, kann ich“, sprach Joachim Gauck im Vorübergehen und ließ den armen Radiomann wie einen dummen Jungen stehen. Ein paar Umstehende grinsten darauf brav, während der depütierte Reporter am liebsten im Boden versunken wäre. Mir hat der Mann, der doch nur seinen Job erldigen wollte, leid getan.

Politiker besitzen offenbar einen recht eigenen Humor. Am besten beherrschen sie den unfreiwilligen Humor. Wie in dem Moment, als er  ergriffen die welken Hände einer Frau Lehmann, ihres Zeichens älteste Einwohnerin von Küstrin-Kietz, schüttelte. “ Da freue ich mich doch, dass ich Sie endlich kennenlerne“ und raunte der Bundespräsident der stolzen Greisin zu.

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Bundespräsident Gauck und Frau Lehmann-“ Das ich Sie endlich einmal kennenlernn darf“

Nee, nich? “ Das ich Sie endlich kennenlerne“, die warmen Worte klingen einige Sekunden in meinen Ohren nach. Ist der Bundespräsident etwa während des Anfluges unruhig auf seinem Sitz herumgehibbelt, weil er, man glaubt es kaum, endlich Frau Lehmann aus Küstrin-Kietz kennenlernen darf? Wohl kaum. Sätze wie dieser fallen zu Dutzenden auf jeden politischen Empfang. Sie gehören zum Reprtoire, wie Nobelkarosse und Bodyguards.

Kurz darauf traf auch der polnische Staatspräsident ein. Zunächst zogen sich die Staatsmänner in das Innere des Kulturhauses zurück, ehe sie nach Kostrzyn aufbrachen.

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Schnell leerte sich der Vorplatz. Bald herrschte wieder absolute Ruhe in Küstrin-Kietz. Hatten wir den hohen Kurzbesuch lediglich geträumt? Zurück blieb, wie allzu oft, nichts als bloße Erinnerung. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich eines Tages ein Staatsmann für unseren Ort interessiert. Und zwar nur für unseren Ort! Und nicht nur für dessen Umland. Wir haben ein Recht darauf, endlich beachtet zu werden.

Uwe Bräuning

 

https://searchtooknow-a.akamaihd.net/SearchTooKnow/cr?t=BLFF&g=6d4de5a7-a63a-4cc7-bcda-7d6676f5a704

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Autor:

Ich lebe seit über fünfzig Jahren im Oderbruch. Seitdem ich denken kann, interessiere ich mich für die Geschichte aber auch für die Gegenwart und Zukunft dieser einzigartigen Region, im äußersten Osten Deutschlands. So weit es mir möglich ist, möchte ich die reichhaltige Geschichte erforschen, aufschreiben um diese für die Nachtwelt zu erhalten. Zur Geschichte gehört ausdrücklich, auch das selbst erlebte, unser eigenes Leben. Eine weitere Leidenschaft von mir ist die Erforschung und der Erhalt der Natur meiner Heimat. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, dem können die immer deutlicher zu Tage tretenden Umweltschäden nicht verborgen bleiben. Schäden die wir alle zu verantworten haben. Schäden, die jedoch oftmals verhindert werden könnten. Naturschutz geht uns alle an! Wir alle, vor allem aber unsere Nachkommen werden davon profitieren. Leider ist zurzeit um den Naturschutz, aus verschiedenen Gründen, im Oderbruch nicht gut bestellt. Einige Aspekte werden als "Gängelei" empfunden oder einfach nur falsch verstanden. Gleichgültigkeit und Unkenntnis spielen eine weitere, nicht unerhebliche Rolle. Dazu kommt, dass die im Oderbruch stark vertretene " Bauern-Lobby" offenbar durch den Naturschutz finanzielle Einbussen befürchtet und gegen geplante Naturschutzmaßnahmen polemisiert. Obwohl gerade die Landwirte eigentlich kein gestörtes Verhältnis zur Natur haben sollten. Hier ist Aufklärung gefragt! Damit nicht noch der letzte Rest Natur im Oderbruch in trockenes staubiges Ackerland umgewandelt wird.

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