Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein!

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Karl-Heinz Henschel aus Küstrin-Kietz kann mit seinen mittlerweile neunzig Jahren auf ein wahrhaft bewegtes Leben zurückblicken. Noch in der Endphase des Zweiten Weltkriegs unfreiwillig zur Waffen-SS eingezogen, nimmt er als achtzehnjähriger unfertiger junger Mensch an blutigen Kämpfen in Russland, Frankreich und den Niederlanden teil. Dabei wird er immer wieder mit traumatischen Erlebnissen konfrontiert, die er sein ganzes langes Leben nicht vergessen konnte. 1946 aus englischer Kriegsgefangenschaft nach Küstrin-Kietz heimgekehrt, beteiligte er sich zunächst aktiv beim Wiederaufbau seines in Trümmern liegenden Heimatortes.  Zunächst als Zöllner tätig, wurde er Anfang der Fünfziger Jahre angesprochen, ob er nicht als Lehrer arbeiten wollte. Karl-Heinz Henschel nahm die  neue berufliche Herausforderung begeistert an. Dabei verheimlichte er jedoch, wie bereits bei der Anstellung beim Zoll, seine einstige Zugehörigkeit zur Waffen-SS. Wohlwissend, dass ihm diese wenn auch nur kurze, alles andere als freiwillige Zugehörigkeit, diese und andere berufliche Entwicklungschancen bereits im Ansatz verwehrt hätte.  1955 kam die Bezirksverwaltung hinter das wohlgehütete Geheimnis. Unter dem Vorwand der “ Spionage gegen die DDR“ auf einem Weiterbildungslehrgang in Leipzig von der Staatssicherheit verhaftet, wurde er zunächst in die MfS-Bezirksverwaltung nach Frankfurt ( Oder) verbracht. Nach endlosen zermürbenden Verhören lies die Staatssicherheit den Spionagevorwurf zwar fallen, konfrontierte ihn jedoch gleichzeitig mit dem Wissen über seine SS-Vergangenheit und den zweifachen Anstellungsbetrug. Zum ersten Mal berichtete Karl-Heinz Henschel für die Öffentlichkeit bestimmt, über eine der schwierigsten Phasen seines Lebens.  Die obwohl im Detail nicht bekannt, bereits seit längerem in Küstrin-Kietz die Gerüchteküche brodeln lässt. Möge diese Niederschrift dazu beitragen, Herrn Henschel Gerechtigkeit zukommen zu lassen. Wer leichtfertig über diesen Mann den Stab bricht, sollte sich ehrlich fragen, wie er an seiner Stelle gehandelt hätte!

 

Es war an einem Montag, um den 25. April 1955.  Als es gerade zur großen Pause läutete, als die Klassentür aufging und der Sekretär der Schule in Leipzig, an der ich mich zu diesem Zeitpunkt zur Weiterbildung befand, hereinkam, und „ Kollege Henschel, zum Direktor“ rief.

Ich bekam einen riesigen Schreck, denn meine Frau war gerade im fünften Monat schwanger. Schließlich konnte ihr ja etwas passiert sein. Wir gingen dann zum Direktor, der Sekretär begab sich ins Büro. Als ich ihm hinein folgte, wurde hinter mir die Tür zugeschlagen. Ich drehte mich um, da stand vor der Tür eine männliche Person, welche einen braunen Ledermantel trug.  Eine Hand hielt die Person in der Manteltasche verborgen, wahrscheinlich befand sich dort eine Pistole. Ich drehte mich zum Direktor um. Im selben Moment kam jemand, ebenfalls im braunen Ledermantel, auf mich zu.

Er fragte mich : „ Sind Sie Karl-Heinz Henschel?“ Nach meiner Antwort sagte er „ Staatssicherheit, Sie sind festgenommen!“  Darauf zog er Handschellen aus der Manteltasche hervor und legte sie mir an.

Dann wurde die Pause abgewartet. Es ging hinunter auf die Straße. Dort stand ein schwarzer PKW, Typ EMW. Mir wurde bedeutet auf der Rückbank Platz zu nehmen, während sich links und rechts von mir je ein Mitarbeiter der Staatssicherheit setzten.

Anschließend ging die Fahrt los. Ich versuchte an der Strecke festzustellen, wo man mich hinbringen wollte. Allmählich merkte ich, dass es Richtung Frankfurt (Oder) ging. Angekommen in Frankfurt, brachte man mich in ein großes Gebäude. Die Tore wurden hinter uns geschlossen und ich musste aussteigen.

Blick über die Mauer (FILEminimizer)
Blick in die ehemalige Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Frankfurt (Oder). Hier wurde Karl-Heinz Henschel 1955 für mehrere Wochen inhaftiert.

Ich wurde in die Wache verbracht. Dort nahm man mir die Schnürsenkel, den Hosengürtel, das Portemonnaie und mein Taschenmesser ab.

Dann ging es in einen Nebenraum. Es handelte sich dabei um eine Zelle, in der ich die nächsten acht Tage verbrachte.

Von der Wache aus war ein kleines Sichtfenster, von dem man mich jederzeit beobachten konnte. Außerdem brannte in meiner Zelle die ganze Zeit das Licht.

Am nächsten Tag fand das erste Verhör statt. Dieses dauerte etwa zwei bis drei Stunden.  Zum Verhör ging es die Treppen hinauf. An den Seiten der Treppe befanden sich hohe Gitter, um eventuelles Überspringen und damit Selbstmorde der Gefangenen, zu verhindern.

In der Mitte des Raums stand ein am Fußboden festgeschraubter Eisenhocker, auf dem sich eine Holzplatte befand. Darauf musste ich mich hinsetzen. In einem Abstand von zwei Metern standen auf einem Schreibtisch zwei „ Fünfhundert-Watt-Lampen“.  In dieses grelle Licht musste ich ständig hinein sehen. Dahinter war alles Schwarz, denn das Fenster war zugehängt.

Ich konnte nur beim Verhör hinter den Lampen, zwei Stimmen hören. Alles andere lag für mich im Dunkeln. Ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt nicht, warum man mich festgenommen hatte.

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ehemalige MfS-Bezirkszentrale Frankfurt (Oder) im Februar 2013

Nach den ersten Fragen wusste ich dass es um Verbindungen nach Westberlin, also mit dem „ Westen“, ging.  Was mich anfangs sehr beruhigte, da ich weder Verwandtschaft noch anderweitige Kontakte in Westberlin besaß.

So verliefen die Verhöre Tag für Tag. Mir wurden dabei immer wieder dieselben Fragen gestellt. Dazu wurde immer wieder dieselbe Drohung ausgestoßen: „ Sagen Sie die Wahrheit! Es ist besser für Sie!“

Aber ich hatte ja nichts zu verbergen! Allmählich schienen das auch die Vernehmer erkannt haben. Die Verhöre fanden zu unterschiedlichen Zeiten statt. Mal ganz früh am Morgen, dann wieder Mitten in der Nacht.

Einmal wurden die Vernehmungen völlig ausgesetzt. Da habe ich angestrengt über den Grund der Aussetzung nachgedacht. Für mich war das ein Tag zum Grübeln. Ich befürchtete, dass man mir etwas „ anhängen“ wollte. Oder dass die Staatssicherheit etwas für mich Belastendes gefunden hatte. In mir schwebte ständig der Gedanke, wenn du hier nicht mehr heraus kommst, dann siehst du deine Familie nicht mehr wieder und lernst deine Kinder niemals kennen.

Eines Tages wurde ich erneut zum Verhör geholt. Der Raum war nicht mehr verdunkelt, die Fünfhundert-Watt-Lampen waren nicht mehr da. Nur der Eisenhocker befand sich noch an derselben Stelle.

Dann begann folgende Diskussion: „ Herr Henschel, wir können ihnen nicht nachweisen, dass Sie Spionage für den Westen getrieben haben. Wir sind aber sehr interessiert, dass Sie mit uns zusammenarbeiten.  Da gibt es mehrere Varianten: Wenn Sie Nein sagen, übergeben wir unsere Unterlagen den deutschen Gerichten. Und ihre Berufslaufbahn ist vorbei. Denn Sie haben zweimal beim Ausfüllen der Fragebögen, beim Eintritt beim Zoll und beim Schuldienst, nicht angegeben das Sie im Krieg bei der Waffen-SS waren. Damit haben Sie Urkundenfälschung begangen. Wir können unsere Unterlagen auch dem sowjetischen militärischen Abwehrdienst übergeben, denn Sie sind bereits nach einem Jahr englischer Gefangenschaft, als ehemaliger Angehöriger der Waffen-SS, 1946, illegal in die Sowjetische Besatzungszone eingereist. Das würde dem militärischen Geheimdienst wahrscheinlich sehr interessieren. Herr Henschel und wenn die ihnen nicht Glauben, dann bedeutet das für Sie Sibirien.“

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ehemalige Untersuchungshaftanstalt des MfS in Frankfurt (Oder)

Daraufhin habe ich eine Bereitschaftserklärung unterschrieben. Danach brachte man mich mit einem PKW nach Hause.

Im Jahr 2000 habe ich einen Antrag in Frankfurt (Oder) auf Einsichtnahme in meine Stasi-Akten gestellt. Ich musste 150 DM bezahlen und bekam in einem Leseraum zwei dicke Aktenordner überreicht. Zunächst glaubte ich, dass die Vielzahl von Berichten nicht von mir selbst stammen kann. Als ich zu Lesen begann, stellte ich fest das es sich nicht um von mir abgegebene Berichte, sondern um von anderen über meine Person verfasste Berichte handelte.

Ich habe dann fast vier Stunden in den Unterlagen geblättert und gelesen. Dabei stellte sich heraus, dass ich insgesamt siebenunddreißig Jahre vom MfS überwacht worden bin. In diesen Akten lag auch meine damalige Bereitschaftserklärung, in der rechten unteren Ecke stand, mit handschriftlich, „ Faustpfand“. Das bedeutet aus dem „ Stasi-Jargon“ übersetzt, Erpressung.

Aus einigen Berichten konnte ich erkennen, wer diese Berichte konkret angefertigt hatte.  Weil es sich um Fakten handelte, von denen lediglich bestimmte Personen Kenntnis besaßen. Aus dem Dorf Kietz erkannte ich allein sechs Personen.

Und nun zu meiner eigenen IM-Arbeit:

Ich war ein ganz unzuverlässiger Mitarbeiter! An mir haben sich sechs Führungsofiziere aufgerieben. Keiner von ihnen schaffte es, von mir einen fertigen Bericht zu bekommen. Ich hatte immer eine Ausrede parat.

Dann ist die Stasi mit mir zu folgender Arbeitsweise übergegangen:

Die Führungsoffiziere kamen zu mir nach Hause, haben mich befragt und darüber Protokoll geführt.  Danach musste ich mir das Protokoll durchlesen und anschließend unterschreiben.

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ehemalige Kreisdienststelle für Staatssicherheit in Seelow-Zernikow

Noch einige Einzelheiten aus der Zusammenarbeit:

Die Stasi hatte im Bahnhofsgebäude von Kietz ein Büro. Dort sollte ich mich regelmäßig hinbegeben. Ich weigerte mich jedoch mit dem Argument „ Jeder Eisenbahner weiß das die Stasi im Bahnhof ein Büro hat. Somit wäre im Nu in Kietz bekannt geworden, dass ich für das MfS arbeite.“

Des Weiteren: Ich sollte in der Gaststätte Leute betrunken machen und sie im Anschluss gezielt ausfragen. Mein Argument gegen diese Vorgehensweise lautete: „ Ich bin kein Kneipengänger. Das würde also sofort auffallen.“

In Alt Tucheband war eine Stelle, wahrscheinlich von einem alten Kommunisten. Dort sollte ich mit meinem Motorrad hinkommen. Ich bin jedoch dort zu keinem Zeitpunkt erschienen.

Daraufhin kam der Führungsoffizier zu mir nach Hause, fragte warum ich nicht zum Treffpunkt gekommen bin. Ich sagte, dass mein Motorrad kaputt sei. Zum Beweis führte ich ihm mein Motorrad vor. Das Motorrad sprang tatsächlich nicht an.  Es konnte auch nicht, denn ich hatte zuvor das Zündkabel gelockert.

Leider geschah am selben Tag noch folgendes:  Ich habe natürlich mein Motorrad wieder „ flott gemacht“ und bin anschließend nach Seelow gefahren. In Seelow sah mich der Führungsoffizier herumfahren. Womit meine Lüge fast geplatzt wäre.

Mein Verhalten spiegelt sich auch in der abschließenden Beurteilung der MfS-Kreisdienststelle Seelow, von 1989, wieder.  Darin steht unter anderem, „ Henschel ist unzuverlässig. Er lügt, seine Berichte sind kaum verwertbar. Mit Henschel muss gearbeitet werden.“   Diese Einschätzung wurde von sechs Führungsoffizieren unterschrieben.

Zum Abschluss noch folgendes: Ich bitte alle, die an meiner Stelle eine Zusammenarbeit mit dem MfS abgelehnt hätten, sich bei mir zu melden. Ich bin jederzeit zu einem Gespräch bereit.

Karl-Heinz Henschel

Protokolliert: Uwe  Bräuning

 

Küstrin-Kietz den 04.05. 2016

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Autor:

Ich lebe seit über fünfzig Jahren im Oderbruch. Seitdem ich denken kann, interessiere ich mich für die Geschichte aber auch für die Gegenwart und Zukunft dieser einzigartigen Region, im äußersten Osten Deutschlands. So weit es mir möglich ist, möchte ich die reichhaltige Geschichte erforschen, aufschreiben um diese für die Nachtwelt zu erhalten. Zur Geschichte gehört ausdrücklich, auch das selbst erlebte, unser eigenes Leben. Eine weitere Leidenschaft von mir ist die Erforschung und der Erhalt der Natur meiner Heimat. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, dem können die immer deutlicher zu Tage tretenden Umweltschäden nicht verborgen bleiben. Schäden die wir alle zu verantworten haben. Schäden, die jedoch oftmals verhindert werden könnten. Naturschutz geht uns alle an! Wir alle, vor allem aber unsere Nachkommen werden davon profitieren. Leider ist zurzeit um den Naturschutz, aus verschiedenen Gründen, im Oderbruch nicht gut bestellt. Einige Aspekte werden als "Gängelei" empfunden oder einfach nur falsch verstanden. Gleichgültigkeit und Unkenntnis spielen eine weitere, nicht unerhebliche Rolle. Dazu kommt, dass die im Oderbruch stark vertretene " Bauern-Lobby" offenbar durch den Naturschutz finanzielle Einbussen befürchtet und gegen geplante Naturschutzmaßnahmen polemisiert. Obwohl gerade die Landwirte eigentlich kein gestörtes Verhältnis zur Natur haben sollten. Hier ist Aufklärung gefragt! Damit nicht noch der letzte Rest Natur im Oderbruch in trockenes staubiges Ackerland umgewandelt wird.

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