Happy Birthday Fischlotte-zum hundertsten Geburtstag eines Oderbruch-Originals

Bei den Recherchen zurn Nachkriegsgeschichte von Küstrin-Kietz bin ich durchaus auf eine Vielzahl von Persönlichkeiten gestoßen. An die einen erinnert man sich heute mehr, an die anderen weniger. Andere sind völlig aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwunden. Obwohl sie es eigentlich nicht verdient hätten. Das aber ist der Weltenlauf, wie meine selige Großmutter bei solchen oder ähnlichen Gelegenheiten zu sagen pflegte.

Aber richtige  legendäre Originale, mit Kultstatus, eigener Fan-Gemeinde, einer Vielzahl erdachter, ausgeschmückter oder wahrer Storys und einem Bekanntheitsgrad weit über die Grenzen des Ortes hinaus können wir eigentlich nicht aufweisen.

Können wir doch! Wenn jemand die Bezeichnung “ Original“ verdient hat, dann ist es die bis vor einigen Jahren im Ortsteil Kuhbrücke ansässige, frühere Fischverkäuferin Charlotte Kruse. Einem breiten Kundenstamm besser unter dem Beinamen “ Fischlotte“ bekannt. Und das nicht über die Grenzen von Küstrin-Kietz, sondern sogar weit über die des gesamten Oderbruchs hinaus. Ja, das schafft nicht jede(r)!

Als Charlotte Kruse vor fast genau einem Jahrhundert, am 04. Juni 1916,in Neumühl( heute Namyslin), unweit von Küstrin, das Licht dieser Welt erblickte, war ihr das Verkaufstalent quasi gleich mit in die Wiege gelegt worden. Erste Erfahrungen sammelte sie bereits in jungen Jahren in einem kleinen Geschäft in der Küstriner Altstadt. Schon damals fiel die noch sehr junge Frau sowohl durch ihr Verkaufstalent als auch durch ihre sprichwörtlich “ Große Klappe“ auf. Das eine schließt ja das andere bekanntlich nicht aus!

Die Profession als Fischverkäuferin verdankte sie ihrem späteren Ehemann, dem Fischer Kruse. Mit dem sie sich unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Kuhbrücke ansiedelte.  Betufsfischer hatten noch nie ein leichtes Leben. Schon gar nicht in den ersten Jahren nach 1945. Immerhin sicherte die harte, oben drein von den Witterungsverhältnissen und schwankenden Pegelständen der Oder abhängige Arbeit einigermaßen den Lebensunterhalt der Familie Kruse.

1991 besuchte die Journalistin Regina Benthin, im Rahmen von Recherchen zu einem geplanten, später im Heimatkreiskalender Seelow erschienen Artikel über Charlotte Kruse, die ehemalige Fischverkäuferin in ihrem Haus am Oderdamm.

Eindrucksvoll schilderte “ Fischlotte“ den heute nur noch schwer vorstellbaren, damaligen Alltag. Der Arbeitstag begann für ihren Mann zumeist kurz nach Mitternacht. Aalschnüre und Reusen mussten kontrolliert und der Fang geborgen werden. Wem wundert es, dass Kruse den dringend benötigten Schlaf, ohne den selbst der härteste Fischer auf Dauer nicht auskommt, in den Mittagsstunden nachholte. Dabei durfte er sich jedoch auf keinen Fall von dem unregelmäßig zur Kontrolle in den Dörfern erscheinenden, im benachbarten Manschnow residierenden sowjetischen Kommandanten erwischen lassen. Der steckte nämlich jeden den er nicht bei der Arbeit antraf, unbarmherzig für einen Tag in den Arrest! Das stelle sich man einmal heute vor…… Manche „ABM-Brigade“ würde wohl geschlossen “ im Loch sitzen“. Und zwar täglich!

Fairerweise ballerte der Kommandant, ehe er seine Kontrolltätigkeit aufnahm, mehrfach in die Luft. Wer sich dann noch erwischen ließ, war selbst schuld. Oder taub. Oder besoffen, wobei wir schon wieder bei den Parallelen zur Gegenwart wären. Lotte schafft es jedenfalls immer ihren Gatten rechtzeitig aus dem Schlummer zu reißen.

Überhaupt schien sie in einem außergewöhnlich gutem Verhältnis zur sowjetischen Besatzungsmacht gestanden zu haben. Nach einem Tanzvergnügen in Kietz, an dem Lotte auf Einladung des sowjetischen Kommandanten teilnahm, wurde ihr das Fahrrad gestohlen. Laut Regina Benthin soll Lotte danach laut getobt haben und dem Kommandanten mit der “ Aufkündigung der Freundschaft“ gedroht haben, “ falls das Fahrrad nicht auf schnellstem Weg wieder in ihren Besitz zurückkehrt“.

Nee, nich! Hat da die gute Frau Benthin nicht doch ein wenig “ dick aufgetragen“? Beinahe das gesamte Oderbruch übte sich in Respekt vor der Sowjetmacht. Und Charlotte Kruse wollte gar mit scharfen Worten den “ Obermotz“ die Freundschaft kündigen? Moment: Um jemanden die Freundschaft zu kündigen, muss diese erst erlangt werden. Stimmt.

Auf welche Art und Weise “ Fischlotte“ die Gunst des sowjetischen Offiziers erworben hatte, verrät der Artikel leider nicht. Dennoch besteht kein Zweifel am Wahrheitsgehalt der Aussage. Lottes speziellen Charme konnte selbst der “ härteste Russe“ nicht widerstehen. Das Fahrrad tauchte übrigens rasch wieder auf.  Zur Strafe musste der Dieb vier Stunden den Redeschwall der Kuhbrücker Fischersfrau erdulden.

Ok, der letzte Satz war natürlich ein Scherz. Über die besondere Gunst des sowjetischen Kommandanten hinaus, erfreute sich Lotte auch bei den Genossen der “ Deutschen Grenzpolizei“ steter Beliebtheit. Die Legende berichtet, dass manch wachsamer Streifengang bereits im Fischerhaus zu Kuhbrücke ein jehes Ende fand. Frau Kruse verwickelte die Grenzer regelmäßig in längeres Gespräch, servierte dazu einen “ Guten Tropfen“ und schon blieb die “ Oder-Neiße-Friedensgrenze“ für Stunden unbewacht. Ruchbar wurde das ganze, laut Legende, als ein Grenzpolizist ohne Karabiner, dafür jedoch mit einem “ gehörigen Affen“ in die Kietzer Kompanie zurückkehrte. Der erboste Kompaniechef untersagte darauf seinen Mannen jeglichen Kontakt mit der redseligen Dame.

Richtig berühmt wurde Charlotte Kruse jedoch nicht durch derartige Einlagen, sondern durch ihre jahrzehntelange Tätigkeit als  wortgewandte Fischverkäuferin in der Kreisstadt Seelow.

Im Alltag entdeckt-Fischlotte
So wie in diesem Zeitungsartikel aus dem Jahr 1980 ist Charlotte Kruse noch heute den Oderbrüchern in Erinnrung geblieben.

In schöner Regelmäßigkeit begann ihr Tag gegen 02:30 Uhr. Dann rieb sich “ Fischlotte“ voller Energie den Schlaf aus den Augen, um ihren Mann beim Auslegen der Netze auf der Oder zur Hand zu gehen. Um ein paar Stunden darauf mit dem Bus in die Kreisstadt zu fahren. Der sie dann gegen Abend nach Kuhbrücke zurück brachte.

Manche werden jetzt möglicherweise “ Ach das kann ich aber beim besten Willen nicht glauben“, ausrufen. “ Also, ich kann wirklich nicht glauben, dass es mal eine Busverdingung von Kuhbrücke nach Seelow gegeben haben soll.“

Scherz beiseite! Charlotte Kruse hatte dieses kraftraubende, arbeitsreiche Leben tatsächlich über einen langen Zeitraum durchgehalten. Ihr Auftreten in der Fischverkaufsstelle ist schwer zu beschreiben. Man muss diese Frau einfach erlebt haben. Es ist durchaus keine Übertreibung, wenn behauptet wird das manch einer den Laden in der Absicht betrat lediglich ein oder zwei Fische zu kaufen das Geschäft betrat und Dank Lottes Verkaufsgeschick, dass schon an psychologische Kriegsführung grenzte, die Lokalität anschließend schwer beladen wieder verließ. Widerspruch zwecklos!

Das ihr in Fleisch und Blut übergegangene resolute Auftreten rettete Charlotte Kruse unmittelbar nach der Wiedervereinigung übrigens vor dem Zugriff eines perversen Sextäters. Der sich an der damals über siebzigjährigen Rentnerin vergehen wollte. „Fischlotte“ gelang es den Kerl zu überreden, von seinem Vorhaben, dass er bei einer anderen Rentnerin bereits in die Tat umgesetzt hatte, Abstand zu nehmen.

So wäre „Fischlotte“ den Oderbrüchern wohl für alle Zeiten in bester Erinnerung geblieben. Als schrullig lustige Zeitgenossin mit viel Herz und der Schnauze am rechten Fleck. Wenn, ja wenn nicht eines Tages jemand aus Kuhbrücke Einblick in die einst von der Staatssicherheit über ihn angelegten Unterlagen genommen hätte. Einer der in den Akten immer wieder vorkommenden Informanten entpuppte sich als Charlotte Kruse!

Sicher, die Stasi wäre nicht die Stasi gewesen, wenn  sie den allseits bekannten Mitteilungsbedarf dieser Frau nicht für eigene Zwecke ausgenutzt hätte. Eigentlich kann einem der zuständige Mitarbeiter der MfS-Kreisdienststelle Seelow, der Mutter Krusens verbale Tsunamis anschließend nach verwertbaren Informationen “ abklopfen“ musste, noch im Nachhinein ob des enormen Arbeitsaufwandes leid tun. Aber der gute Ruf von „Fischlotte“ hatte seitdem einen irreparablen Schaden erlitten. Plötzlich erinnerten sich einige auch unter anderem daran, dass Frau Kruse die von Zeit zu Zeit nach Kuhbrücke wegen diverser Tauschgeschäfte kommenden Soldaten aus der Garnision Kietz, bei deren Kommandanten angeschwärzt hätte.

Aus eigenem Erleben weiß ich, dass Charlotte Kruse die “ Operativen Diensthabenden“ des Volkspolizeikreisamtes Seelow regelmäßig mit Telefonanrufen bombardiert hatte. Der Offizier brauchte dann nur die “ Lauthörtaste“ zu drücken, nachdem er die Augen verdreht und “ Fischlotte“ geseufzt hatte, den Hörer daneben legen, es sich in seinem Sessel bequem machen und ab und an “ Ja, ja , ach so“ zu murmeln. Über mehrere Minuten erfuhr die Polizei dann exklusiv die aktuellsten Sündenfälle aus “ Fischlottes“ Nachbarschaft. Gemixt mit Schimpftiraden über den zuständigen Abschnittsbevollmächtigten, Hauptmann Walter Köhler. Substantiell auswertbare Informationen von wirklichem polizeilichen Interesse befanden sich so gut wie  nie darunter. Dafür jede Menge Gemeinheiten. Zu ihrem Schutz könnte man gelten lassen, dass sie zu den in Sachen Ordnung und Sicherheit besonders engagierten Einwohnern zählte. Wo aber hört das wünschenswerte Engagement auf und wo fängt die “ hinterhältige Anscheißerei“ an?  Gute Frage. Die einen sagen so, die anderen so.

Am Schluss bleibt die Frage, wie Charlotte Kruse, einige Jahre nach ihrem Tod, im kollektiven Gedächtnis gespeichert werden wird. Als begnadete Verkäuferin, mit einem goldenen Herzen und der Schnauze am rechten Fleck, oder als wichtigtuerische Denunziantin? Können Licht und Schatten bei einem einzigen Menschen derart nah bei einander liegen?

Ja, durchaus! Niemand ist nur gut, oder schlecht. Edle unfehlbare Helden gibt es nur in kitschigen Märchen. Wer das nicht glaubt, sollte bei nächster Gelegenheit ganz tief in sich gehen. Bei ehrlicher Beantwortung aller dabei aufkommenden Fragen, erwarten einem erschreckend verblüffende Antworten. Mal ehrlich: Wann wart ihr das letzte Mal so richtig hinterhältig, fies und gemein gewesen? Was, das ist noch gar nicht so lange her? Dann ist ja alles in Ordnung.

Charlotte Kruse war ein Mensch mit Vorzügen und charakterlichen Schwächen. Wie Du und ich.  Sie war aber auch ein besonderer Mensch, der es wert ist, dass man sich auch Jahre nach seinem Ableben an ihn erinnert. Eben ein echtes Original!

Uwe Bräuning

 

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Autor:

Ich lebe seit über fünfzig Jahren im Oderbruch. Seitdem ich denken kann, interessiere ich mich für die Geschichte aber auch für die Gegenwart und Zukunft dieser einzigartigen Region, im äußersten Osten Deutschlands. So weit es mir möglich ist, möchte ich die reichhaltige Geschichte erforschen, aufschreiben um diese für die Nachtwelt zu erhalten. Zur Geschichte gehört ausdrücklich, auch das selbst erlebte, unser eigenes Leben. Eine weitere Leidenschaft von mir ist die Erforschung und der Erhalt der Natur meiner Heimat. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, dem können die immer deutlicher zu Tage tretenden Umweltschäden nicht verborgen bleiben. Schäden die wir alle zu verantworten haben. Schäden, die jedoch oftmals verhindert werden könnten. Naturschutz geht uns alle an! Wir alle, vor allem aber unsere Nachkommen werden davon profitieren. Leider ist zurzeit um den Naturschutz, aus verschiedenen Gründen, im Oderbruch nicht gut bestellt. Einige Aspekte werden als "Gängelei" empfunden oder einfach nur falsch verstanden. Gleichgültigkeit und Unkenntnis spielen eine weitere, nicht unerhebliche Rolle. Dazu kommt, dass die im Oderbruch stark vertretene " Bauern-Lobby" offenbar durch den Naturschutz finanzielle Einbussen befürchtet und gegen geplante Naturschutzmaßnahmen polemisiert. Obwohl gerade die Landwirte eigentlich kein gestörtes Verhältnis zur Natur haben sollten. Hier ist Aufklärung gefragt! Damit nicht noch der letzte Rest Natur im Oderbruch in trockenes staubiges Ackerland umgewandelt wird.

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