Zerbrechlich wie Glas-als Küstrin-Kietz in den Fokus deutsch-polnischer Beziehungen geriet

Glück und Glas. Wie schnell zerbricht das? Dieser weise, in eine Frage eingebettete Spruch trifft durchaus auch auf das deutsch-polnische Verhältnis. Zuviel ist schließlich  in den vergangenen Jahrhunderten zwischen beiden Völkern geschehen. Friedrich der Große, Bismark, Hitler, Namen auf die mancher Deutscher stolz ist. Die jdoch bei manchen Polen noch heute einen unangenehmen Klang besitzen. Vor allem der letztgenannte.

Allzu lange prägten gegenseitige Klischees das Miteinander, dass bis 1990 in erster Linie ein “ Nebeneinander“ war.  Auch wenn sich das nicht immer leichte Verhältnis in den letzten Jahren deutlich verbessert hat, genügt mitunter ein Funke, um den sprichwörtlichn “ Großen Knall“ auszulösen.

Küstrin-Kietz ist nach der deutschen Wiedervereinigung gleich zweimal beinahe zu einem Synonym für “ deutsche Überheblichkeit“ gegen polnische Bürger geworden.

Beide Vorfälle liegen mittlerweile über zwanzig Jahre zurück. Sie sind längst vergessen, wie so vieles aus der Zeit des “ Wilden Ostens“. Ich habe sie aber trotzdem für euch „hervor gekramt“. Denn ganz vergessen sollten solche Vorfälle nicht werden!

Zum ersten Fall:

Wie in jedem Jahr arbeiten auch im Sommer 1992 mehrere, zumeist Jugendliche Erntehelfer aus dem Nachbarland Polen auf den Feldern des nach der Wiedervereinigung aus der früheren LPG “ Rotes Banner Kietz“ hervorgegangenen “ Cüstriner Landgutes“. Seit 1972 galten die Polen auf den weiten Anbauflächen des Oderbruchs als geradezu unverzichtbar. Für manch einem galt scheinbar das so genannte Gewohnheitsrecht.

Unsicherheiten gab es lediglich unmittelbar nach der Wiedervereinigung, als Polen plötzlich ein Visum für den nun zur Bundesrepublik Deutschland gehörenden Kreis Seelow benötigten. Doch bereits im April 1991 entfiel der Visazwang bereits wieder. Ohne Probleme konnten die polnischen Erntehelfer vom anderen Ufer der Oder, auch im ersten gesamtdeutschen Sommer ihrer schweren Tätigkeit nachgehen. Wobei die Aussicht auf “ harte D-Mark“ verständlicherweise, angesichts der damals noch enormen wirtschaftlichen Unterschiede beider Länder,  einen weiteren Anreiz schuf.

Ein Jahr später, im Sommer 1992, kamen erneut fünfunddreißig polnische Schüler in Begleitung von zwei Lehrern und vier weiteren erwachsenen Personen nach Küstrin-Kietz.

Der Chef des Landgutes nahm die Ankunft der Erntehelfer mit Freude und Erleichterung auf. Trotz allen Bemühens, ungeachtet der hohen Arbeitslosenrate in der Oderregion, war es ihm nicht gelungen ausreichend deutsche Arbeitskräfte für den “ Knochenjob“ zu finden. “ Verirrte“ sich wider Erwarten doch einmal ein vom Arbeitsamt nach Küstrin-Kietz geschickter Arbeitsloser aufs Feld, war er in aller Regel spätestens nach zwei Tagen “ Totsterbenskrank“. Wenig später sah man diese Leute wieder mit einer Büchse Bier in der Hand vor dem “ Konsum“ stehen. “ Für den Job bin ich mir als Deutscher zu schade, dass sollen mal schön die Polacken machen“, lautete allzu oft die Antwort auf entsprechende Nachfragen.  Stimmt nicht? Oh doch, ich habe solchen Unsinn nur allzu oft gehört!

Am 21. Juli 1992 kehrten die polnischen Erntehelfer wie gewohnt in ihre Unterkünfte auf dem Landgut zurück.  Hinter ihnen lag ein schwerer Tag. Die Sommersonne brannte unbarmherzig auf die gebeugten Rücken herab. Schatten suchte man auf den riesigen, baumlosen Feldern des Oderbruchs ohnehin vergeblich.

Hundemüde fielen die meisten kurz nach dem wohlverdienten Feierabend ins Bett. Kaum eingeschlafen, wurden sie jedoch von lauten Motorengeräuschen und dem Getrappel schwerer Schritte geweckt. Auf dem Hof des “ Landgutes“ rollten mehrere Einsatzfahrzeuge von Zoll und Bundesgrenzschutz.

Anfangs glaubten einige noch zu träumen. Doch es handelte sich um keinen Traum! Sondern um eine Razzia wegen “ Schwarzarbeit“ und “ illegalem Aufenthalt in der Bundesrepublik Deutschland“.  Delikten, denen sich die Polen und deren deutsche Auftraggeber, aus Unkenntnis oder auf das so genannte Gewohnheitsrecht vertrauend, tatsächlich schuldig gemacht hatten.

Kein einziger der polnischen Erntehelfer verfügte über eine Arbeitserlaubnis, wie sich bei der Kontrolle der Papiere schnell herausstellte. Polen benötigten zwar kein Visa mehr für die Einreise nach Deutschland, sie konnten sich auch drei Monate im Land aufhalten, jedoch lediglich als Touristen. Für die Aufnahme einer Tätigkeit benötigt man allerdings sowohl ein Visa als auch eine spezielle Erlaubnis. Im Fall einer unerlaubten Arbeitsaufnahme erlosch das Aufenthaltsrecht sofort. Dem Delinquenten drohte, neben den strafrechtlichen Konsequenzen,  die Abschiebung aus Deutschland.  Eine Katastrophe, sowohl für die Erntehelfer, als auch für das “ Cüstriner Landgut“.

Noch in der selben Nacht wurden die  Polen in die Grenzschutzstelle Neuhardenberg verbracht.  Diese befand sich in einer früheren NVA-Baracke, im südlichen Bereich der Luftwaffenkaserne Neuhardenberg ( ehemals Marxwalde). Dort erfolgten die weiteren Prüfungshandlungen, wie es immer so schön auf Behördendeutsch heißt.

Jedem der sich nur ein wenig in der wechselvollen deutsch-polnischen Geschichte auskennt, dürfte mühelos die politische Brisanz dieser Polizeiaktion erkennen.

Presse und Politik stürzten sich sofort auf den Vorfall. Plötzlich war Küstrin-Kietz in aller Munde. So schrieb zum Beispiel die “ Berliner Zeitung“ in seiner Ausgabe vom 25. Juli 1992 über die Razzia:

In der Nacht vom 21. Juli 1992 auf den 22. Juli 1992 sollen laut Presseberichten von Beamten des Zolls und des Bundesgrenzschutzes ( BGS) 35 polnische Schüler, zwei Lehrer und vier weitere Personen im Kreis Seelow verhaftet worden sein. Die zum größten Teil minderjährigen Schüler waren als Praktikanten in einem landwirtschaftlichen Betrieb tätig. Die Schüler wurden zum Teil in Handschellen und in Begleitung von Kampfhunden abgeführt und mußten die Nacht in einem vergitterten Raum in der Grenzschutzstelle in Neuhardenberg verbringen. Während der Verhaftung sollen die Jugendlichen von Beamten mit den Worten bedroht worden sein : “ Wenn Sie nicht mitkommen wollen, machen wir das Licht aus und nehmen die Knüppel.“

Am selben Tag textete das “ Neue Deutschland“:

Erst um 14 Uhr wurden sie-u.a. nach Intervention der Berliner Außenstelle der polnischen Botschaft-wieder freigelassen. Der polnische Botschafter in der Außenstelle der polnischen Botschaft in Berlin, Janusz Grzyb, übte massive Kritik am bundesdeutschen Grenzschutz.

Und weiter:

Der Ministerpräsident von Brandenburg, Manfred Stolpe, verurteilte das Einschreiten des BGS gegen die Jugendlichen als “ geradezu feindseligen Akt“, der gegen die Verständigung von Deutschen und Polen gerichtet sei. Der Ministerpräsident verlangte, dass sich die Bundesregierung in aller Form für den erschreckenden Vorfall entschuldigen soll.  ( Berliner Zeitung vom 24. Juli 1992)

Auch für Rupert Schröter vom Brandenburgischen Arbeits und Sozialministerium steht fest : “ Es gab einen Einsatz des Bundesgrenzschutzes. Und der sei eindeutig “ unverhältnismäßig“ gewesen.

Noch heute wirkt die Vorverurteilung der beteiligten Bundesgrenzschutzbeamten erschreckend. Abgesehen davon das selbst dem letzten “ Schreiberling“ klar sein sollte das Kampfhunde nicht zur Ausstattung der deutschen Polizei gehören, wäre hier wohl, wie so oft, weniger mehr gewesen.

Was hatte sich in jener Nacht tatsächlich in der Baracke der Grenzschutzstelle Neuhardenberg abgespielt? Anders als von den Medien dargestellt, durften sich die polnischen Erntehelfer während der Überprüfungshandlungen, an der neben Zoll und BGS auch Mitarbeiter des Arbeitsamtes Seelow beteiligt waren, frei bewegen. Und zwar ohne Handschellen!! Nachdem bekannt wurde das Hilfsaktionen polnischer Erntehelfer bereits seit zwanzig Jahren in Küstrin-Kietz stattfinden, verzichteten die deutschen Behörden nicht nur auf die eigentlich obligatorische Abschiebung.  Es wurde sogar die nachträgliche Legalisierung des Aufenthaltes und die damit verbundene Möglichkeit die Tätigkeit wiederaufzunehmen, eingeleitet. Eine bewunderndswert pragmatische Entscheidung! Schon am 22. Juli 1992 bedankte sich der polnische Konsul telefonisch für die korrekte Behandlung seiner Landsleute. All das war den Postillen offenbar keine Erwähnung wert. Das sie durch die unseriöse Darstellung ihrerseits zu Spannungen zwischen Polen und Deutschen beitrugen, liegt wohl auf der Hand.

Drei Jahre später warb in Slubice ein deutscher Unternehmer aus Frankfurt (Oder) per Anzeige für einen Job als Zeitungsausträger in Deutschland.  Zweihundertfünfzig Frauen und Männer aus dem Nachbarland folgten dem Inserat. Am Treffpunkt, einer Halle in Frankfurt, wartete jedoch nicht der neue Arbeitgeber, sondern Bundesgrenzschützer und Mitarbeiter des Arbeitsamtes auf die ahnungslosen Polen. In wie weit damals tatsächlich “ mit Kanonen auf Spatzen geschossen wurde“, Behördenmiteinander ihre Kompetenzen überschritten, kann ich nicht beurteilen. Fakt ist, dass die Aktion, anders als drei Jahre zuvor in Küstrin-Kietz, tatsächlich zu einer handfesten Verstimmung zwischen Berlin und Warschau führte.

Nur wenige Tage später wollten polnische Zigarettenschmuggler in Küstrin-Kietz aus dieser Verstimmung ihren eigenen Nutzen ziehen:

Alles begann mit einer normalen Routinekontrolle auf dem Bahnhof Küstrin-Kietz. Eine Streife des Zollkommissariates beabsichtigte den von Kostrzyn nach Berlin-Lichtenberg verkehrenden, wie üblich vollbesetzten Zug während eines kurzen Zwischenstopps einer Kontrolle zu unterziehen. Zu mehr als ein paar Stichproben würde die Zeit ohnehin nicht ausreichen. Dennoch hatten die Beamten in der Vergangenheit in den aus Polen kommenden Reisezügen  bereits jede Menge “ Konterbande“, vorwiegend unversteuerte Zigaretten sichergestellt. Das Hauptaugenmerk der Zöllner galt jungen Männern, welche auffällig große Taschen mit sich führten.

Beim Einsteigen bemerkten die Douaniers vier junge Männer in einem der Abteile. Einer von ihnen wollte beim Auftauchen der Douaniers sein Gepäck “ unauffällig“ unter dem Sitz verschwinden lassen.  Grund genug das Abteil und die Insassen zu überprüfen. Ehe sich die Zöllner näherten, schoben die verdächtigen Männer ihre Taschen direkt vor die Tür um diese zu blockieren. Zusätzlich hielten sie den Türgriff lautstark schimpfend, von innen fest.

Eine prekäre Situation für die Zöllner. Der Vorfall war den anderen Reisenden nicht unbemerkt geblieben. Spott und Hohn ob der Blamage der unbeliebten “ Filzläuse“ zeichnete sich auf etlichen Gesichtern ab. Ein paar Typen klatschten unverhohlen Beifall, feierten die Insassen des Abteils wie Helden.

Die Zöllner hätten sich nun zurückziehen, auf die weitere Kontrolle verzichten können. Aber um welchen Preis? Für Zigarettenschmuggler und andere Rechtsbrecher wäre das wohl eindeutig das falsche Signal gewesen. Der Zoll lief Gefahr, “ sein Gesicht zu verlieren.“ Andererseits drohte die Situation jederzeit zu eskalieren. Außerdem musste der Zug in drei Minuten abfahren. Hier war guter Rat teuer!

Jeder Versuch die Personen im Abteil zum Aufgeben zu bewegen, lief ins Leere.“ Der Zug fährt nicht eher ab, bis uns die Tür geöffnet und die Kontrolle ermöglicht wird“, machten die Zöllner dem ratlosen Fahrdienstleiter klar. “ Ihr müsst ja wissen, was ihr tut“, murmelte der Eisenbahner gespielt gleichmütig.

Über Funk forderten die Zöllner nun Verstärkung an. Zwei in Bleyen und Reitwein operierende Zollstreifen eilten mit Sondersignal zum Bahnhof Küstrin-Kietz. Das von der Funkbetriebsstelle des Zolls verständigte Bundesgrenzschutzamt Frankfurt (Oder) beorderte seinerseits alle in der Nähe befindlichen Patrouillen an den Ort des Geschehens. Bald füllte sich der Bahnsteig  mit Uniformierten. “ Lasst uns das Abteil stürmen“, schlug ein junger Polizeimeister vor. “ Nichts da“, beschied ein anderer energisch. “ Ich habe keine Lust morgen in der Presse breitgetreten zu werden.“ “ Aber wir sind doch im Recht“, protestierte der junge Polizist. “ Schon mal was von politischem Fingerspitzengefühl gehört?“, donnerte sein älterer Kollege. “ Darauf warten doch die Burschen bloß, dass wir wie John Wayne und seine Kavallerie in das Abteil einreiten. Der Presse ist es Scheißegal wie viele Schmuggelzigaretten oder Drogen wir im Abteil finden. Denen interessiert lediglich, wie grob und böse wir mal wieder waren. So etwas zieht Kreise, von Berlin bis nach Warschau. Da hilft dir hinter kein Schwein.“  “ Aber was sollen wir denn sonst unternehmen?“ “ Ganz einfach: Abwarten und die Nerven behalten. Wer zu erst durchdreht, hat verloren.“

An jenem Abend lag drückende Hitze über dem Oderland. Bei vielen Reisenden lagen die Nerven blank.  Immer heftigere Schimpfkanonaden prasselten auf Zöllner und Grenzschützer nieder. Während dessen sonnten sich die Urheber des Ganzen in ihrem fragwürdigem Erfolg. Noch immer dachten sie nicht im Traum daran ihren Widerstand aufzugeben, obwohl die Luft buchstäblich immer dünner wurde.

Zur selben Zeit saßen sich im polnischen Rzepin ( Reppen), ca. 60 km von Küstrin-Kietz entfernt, die Zollvorsteher Karl-Heinz Dahms und Jerzy Kowalewski gegenüber. Die beiden hohen Zollbeamten berieten über mögliche Formen der deutsch-polnischen Zusammenarbeit an dieser “ heißen Grenze“.  Zu ihrem Verdruß behinderten bürokratisch anmutende rechtliche Hürden noch  allzu oft die Kooperation zwischen den Zöllnern beider Länder. “ Solche Hürden kennen die Kriminellen leider nicht“, bedauerte Kowalewski. “ Stimmt“, pflichtete ihm Dahms bei. “ Wir haben den selben Feind, aber uns sind noch immer die Hände gebunden. Das muss und wird sich ändern, wenn wir nicht die Oberhand verlieren wollen.“

Dahms berichtete seinem Kollegen gerade von einem Durchbruch am Grenzübergang Frankfurt (Oder) / Swiecko, bei denen ein Schmuggler gezielt auf die Zöllner zugefahren war, als das Telefon auf Kowalewskis Schreibtisch verlangte. Er meldete sich kurz, reichte dann jedoch den Hörer an seinen deutschen Kollegen weiter. “ Für dich“, sagte er auf deutsch.

Am anderen Ende meldete sich der Diensthabende des Zollamtes Küstrin-Kietz. In knappen Worten setzte der Mann seinen Chef über die prekäre Situation am Bahnhof Küstrin-Kietz in Kenntnis.  “ Sagen Sie den Kräften vor Ort, dass sie nichts unüberlegtes unternehmen sollen. Ich werde mich ebenfalls nach Kietz bewegen.“  Dann legte er den Hörer auf um seinerseits seinem polnischen Kollegen die Situation am Bahnhof Küstrin-Kietz zu schildern. “ Ich muss unser Gespräch leider vorfristig beenden“, bedauerte Dahms. “ Aber jetzt ist meine Anwesenheit in Küstrin-Kietz gefragt.“  Jerzy Kowalewski überlegte nur kurz. “ Karl-Heinz, haben wir nicht vorhin über die Notwendigkeit einer deutsch-polnischen Zusammenarbeit an dieser Grenze geredet? Lass uns doch gleich heute damit anfangen. Ich werde dich mit ein paar von meinen Leuten begleiten. Ich bin mir sicher, dass die Anwesenheit polnischer Zöllner die Lage entschärfen kann.“

Erleichtert ging Dahms auf den Vorschlag seines “ Amtsbruders“ ein. So schnell wie möglich fuhren die Zöllner in Richtung Küstrin-Kietz. Wo die Lage endgültig außer Kontrolle zu geraten drohte. “ Faschisten, Faschisten“, riefen einige, sehr wahrscheinlich dem kriminellen Milieu angehörende polnische Reisende den auf dem Bahnsteig versammelten  ratlosen deutschen Beamten zu.  Dann schallte es laut auf Deutsch aus dem besagten Abteil : “ Kommt doch, kommt doch. Wir wollen ein Frankfurt.“ Deutlicher konnten die Schmuggler ihr Vorhaben nicht in Worte fassen. “ Wir wollen ein Frankfurt“, wie ein Lauffeuer setzt sich der Ruf durch den Zug fort.

Dennoch solidarisierte sich längst nicht jeder polnische Reisende mit den Schmugglern. Einige schauten betreten, voller Scham über ihre Landsleute,  auf den Boden. Aus naheliegenden Gründen wagte sich aber auch niemand offen von den Krawallmachern auf Distanz zu gehen.

Nach Frankfurt ( Oder) sollte nun Küstrin-Kietz zu einem neuen Symbol für deutsche Polizeigewalt gegen polnische Bürger werden. Zumindest wenn es nach dem Willen einiger Krimineller gegangen wäre.

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Auf diesem Bahnsteig spielte sich im Sommer 1995 ein deutsch-polnischer Nervenkrieg zwischen Schmugglern und Grenzern ab.

Endlich, nach einer guten Stunde Fahrt, traf das “ deutsch-polnische Zollkommando“ ein. Während sich Dahms einen Überblick verschaffte, versuchte Kowalewski sofort mit den widerborstigen Schmugglern zu verhandeln. Der Anblick uniformierter polnischer Zöllner verblüffte die Ganoven nur kurz. “ Haut ab, ihr Deutschenknechte“, hallte es ihnen entgegen.   Und immer wieder: “ Wir wollen ein Frankfurt!“

“ Vergisst es. Wenn die Deutschen den Zug stürmen, werde ich die Rechtmäßigkeit bestätigen. Ihr allein trägt die Schuld, wenn hier etwas passiert“, konterte Kowalewski ungerührt.

Langsam aber sicher ließ die Widerstandskraft der Schmuggler nach. Hitze und Sauerstoffmangel taten ihr übriges. Inzwischen waren mehrere Stunden eines bemerkenswerten deutsch-polnischen Nervenkriegs vergangen. Dahms wußte, dass er den Zug nicht länger aufhalten konnte. Eine schnelle Entscheidung musste her. Eine gewaltsame Lösung des Konflikts lehnte der besonnene Zöllner noch immer entschieden. Schließlich einigte man sich auf einen Kompromiss. Die vier Haupträdelsführer zeigen sich mit der Kontrolle ihres Abteils und der Sicherstellung etwaigen Schmuggelgutes einverstanden. Im Gegenzug verzichtet der deutsche Zoll auf die Strafverfolgung.

Zur Überraschung aller gingen die Schmuggler darauf ein. Grinsend nahmen Sie die Sicherstellung der  prall mit unversteuerten Zigaretten gefüllten Taschen hin. “ Die gehören uns nicht. Irgend jemand hat sie hier reingestellt“, höhnte, noch immer grinsend, einer der Banditen.

“ Dem wird das Grinsen schon vergehen“, versuchte Kowalewski seinen deutschen Kollegen zu trösten. “ Spätestens, wenn er seinem Auftraggeber den Verlust von tausend Stangen Zigaretten erklären muss.“  Dahms nickte versonnen. “ War das nun ein halber Sieg, oder eine ganze Niederlage?“, frage er den polnischen Zollchef. “ Auf jeden Fall war das heute ein Anfang. Gemeinsam sind wir am Ende stärker als alle Kriminellen. Wir haben den Ganoven die Show gestohlen und damit ein Zeichen für die Zukunft gesetzt. Nur das zählt heute Abend.“

Über zwei Jahrzehnte sind nach dem letzten Vorfall vergangen. Heute ist beinahe jeder dritte Einwohner von Küstrin-Kietz polnischer Herkunft. 1995 noch undenkbar, 2016 völlig normal. Der Begriff polnische Nachbarn hat eine völlig neue Bedeutung bekommen. Und doch ist die Gefahr noch nicht gebannt, dass das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen erneut auf die Probe gestellt werden könnte. Achten wir alle darauf, dass es nicht geschieht!

 

Uwe Bräuning

 

 

 

 

 

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Autor:

Ich lebe seit über fünfzig Jahren im Oderbruch. Seitdem ich denken kann, interessiere ich mich für die Geschichte aber auch für die Gegenwart und Zukunft dieser einzigartigen Region, im äußersten Osten Deutschlands. So weit es mir möglich ist, möchte ich die reichhaltige Geschichte erforschen, aufschreiben um diese für die Nachtwelt zu erhalten. Zur Geschichte gehört ausdrücklich, auch das selbst erlebte, unser eigenes Leben. Eine weitere Leidenschaft von mir ist die Erforschung und der Erhalt der Natur meiner Heimat. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, dem können die immer deutlicher zu Tage tretenden Umweltschäden nicht verborgen bleiben. Schäden die wir alle zu verantworten haben. Schäden, die jedoch oftmals verhindert werden könnten. Naturschutz geht uns alle an! Wir alle, vor allem aber unsere Nachkommen werden davon profitieren. Leider ist zurzeit um den Naturschutz, aus verschiedenen Gründen, im Oderbruch nicht gut bestellt. Einige Aspekte werden als "Gängelei" empfunden oder einfach nur falsch verstanden. Gleichgültigkeit und Unkenntnis spielen eine weitere, nicht unerhebliche Rolle. Dazu kommt, dass die im Oderbruch stark vertretene " Bauern-Lobby" offenbar durch den Naturschutz finanzielle Einbussen befürchtet und gegen geplante Naturschutzmaßnahmen polemisiert. Obwohl gerade die Landwirte eigentlich kein gestörtes Verhältnis zur Natur haben sollten. Hier ist Aufklärung gefragt! Damit nicht noch der letzte Rest Natur im Oderbruch in trockenes staubiges Ackerland umgewandelt wird.

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