Kietz Kreis Seelow-Ein Dorf unter Spionageverdacht

Zu DDR-Zeiten gehörte das damalige Kietz mit immerhin 1300 Einwohnern zu größten Dörfern des Kreises Seelow. Wer von Kietz sprach, dachte zu allererst an den Bahnhof, das Armaturenwerk und natürlich an die “ Russen“. Von denen es bekanntlich gleich zwei Regimenter am Ostrand des Ortes “ ihre Zelte aufgeschlagen hatten“. Kietz wirkte immer schon ein wenig betulich. Ein eher ruhiges Nest, in dem jeder jeden kannte. Und wo eigentlich nicht viel passierte.

Kaum jemand ahnte jedoch, dass sich dieses kleine Dorf, Entschuldigung große Dorf, jahrzehntelang im Fadenkreuz des Ministeriums für Staatssicherheit stand.

Wo hört ein normales, jedem Staat eigenes Sicherheitsgefühl auf. Wo fängt die Paranoia an?

Das BND , CIA, Mi 5 und so weiter für Militärtransporte und Kasernen interessiert hatten, liegt auf der Hand. Diese Zeitepoche wird nicht grundlos “ Kalter Krieg“ genannt. Bis 1955 sollen, laut Unterlagen des MfS, neun “ Stützpunkte westlicher Geheimdienste“ in Kietz enttarnt worden sein. Was sich wahrscheinlich martialischer anhört, als es in Wirklichkeit war.  Dennoch, geschlafen haben die “ Unsichtbaren“ von der anderen Seite des “ Eisernen Vorhangs“ ganz sicher auch nicht.

Aber rechtfertigen solche Aktionen einen Generalverdacht gegen ein ganzes Dorf?

Aus heutiger Sicht erscheinen die „präventiven Abwehrmaßnahmen“ der Staatssicherheit in Kietz, wie aus einem Roman von George Orwell entliehen. Jeder, aber auch jeder Bereich des täglichen Lebens wurde von mit speziellen Aufträgen versehenen “ Inoffiziellen Mitarbeitern“ überwacht.  Als Schwerpunkte galten unter anderem die Gaststätten. Dort wurde auf ortsfremde Personen geachtet, die besonderes Interesse für Militärtransporte zeigten, oder Kontakt zu Angehörigen “ Bewaffneter Organe“ suchten.

Die Hauptabteilung I ( Militärabwehr) zeichnete sich für die Kontrolle aller in der Nähe der Brücken aufhältigen ortsfremden Personen, sowie der Erfassung von PKW-Kennzeichen in diesem Bereich, verantwortlich.

In der Kietzer Post registrierte IM “ Margarete“ sämtliche aus Westberlin oder der Bundesrepublik eingehenden Briefe und Pakete. Kurioserweise sorgte “ Margarete“ ungewollt 1967 für Aufregung im Gemeindeamt. Wunderte sich doch der damalige Bürgermeister Reimann darüber, dass sich sein Vorgesetzter stets bestens über den Inhalt von Telefonaten aus dem Rat der Gemeinde, informiert zeigte. Reimann vermutete bereits damals, ohne freilich an das MfS zu denken, dass ihm jemand abhören würde. Auf den Mann in der Post fiel kein Verdacht. Den Verdacht abgehört worden zu sein, äußerten damals auch andere Personen. Unter anderem der zuständige Abschnittsbevollmächtigte der Volkspolizei.

Die Inoffiziellen Mitarbeiter innerhalb der DAV-Betriebsgruppe sorgten bei Angelwettkämpfen dezent und unauffällig dafür, dass ortsfremde Angler den sowjetischen Kasernen, im Besondern der direkt am Damm in Richtung Reitwein gelegenen, nicht zu Nahe kamen.

Wer Gleise oder vorbeifahrende Züge beobachtete oder gar fotografierte, wurde von den Stellwerken aus beobachtet und gemeldet. Schließlich könnte sich hinter der Maske des harmlosen Eisenbahnfans ein “ gefährlicher Spion“ verbergen.

Was für ein enormer Aufwand! Oder sollte ich besser sinnloser Aufwand schreiben?

Fakt ist, dass die Überwachungsmaßnahmen den Einwohnern nicht völlig verborgen geblieben und ohne Auswirkungen auf das “ Binnenklima“ in Kietz geblieben sind. Mancher mißtraute manchem. Nicht immer zu Unrecht, wie aus den Dokumenten hervorgeht.

Mancher vetraute aber auch dem Falschen. So vertraute ein Volkspolizist einem VP-Helfer an, “ dass er gerne wissen wolle, wer in Kietz für die Staatssicherheit arbeitet.“  Der Volkspolizist hoffte, dass ihm ein bei der Staatssicherheit in Seelow arbeitender Schulfreund “  in dieser Hinsicht ein paar Tipps geben würde.“

Der ein wenig “ blauäugige“  Kietzer Volkspolizist ahnte nicht, dass sein Gesprächspartner auch das MfS “ nebenbei“ unterstützte. Wenig später fand sich der Inhalt des Gespräches, inklusive der Bemerkung “ dass man in Kietz keinem mehr trauen könne“, in den Akten wieder. Ob dieses Gespräch Auswirkungen auf die Karriere des Polizisten hatte, lässt sich momentan nicht belegen.

Kurz und gut: Es ist höchste Zeit die DDR-Zeit in Kietz aufzuarbeiten. Dabei geht es nicht darum, jemanden “ zu enttarnen“. Namen sind Schall und Rauch. Wobei die meisten Beteiligten ohnehin längst verstorben oder im “ biblischen Alter“ sind.Außerdem steht mir, als ehemaligen Volkspolizisten, welcher der DDR selbst  positiv gegenüberstand, so etwas ohnehin nicht zu. Vor dreißig Jahren hätte ich die beschriebenen Maßnahmen selbst noch für absolut legitim gehalten. Ich verstehe mich heute selbst nicht mehr, aber Irrungen gehören offenbar zur menschlichen Entwicklung wie Dotter zum Ei.

Und heute? Heute möchte an das Vergangene erinnern. Damit sich solch ein Quatsch in Deutschland nie mehr wiederholt.

Ganz ehrlich: Wirklich etwas gebracht haben die auf vielen Seiten niedergeschriebenen, sorgfältig durchdachten Maßnahmepläne ohnehin nichts.

 

Uwe Bräuning

 

 

Blatt 1

 

Dieser, von Oberst Neiber, dem späteren General und stellvertretenden Minister für Staatssicherheit bestätigte Maßnahmeplan sorgt über weite Strecken für Gänsehaut. Dem MfS erschien in Kietz tatsächlich jeder verdächtig ein Spion westlicher Geheimdienste zu sein. Es genügte beispielsweis bereits am Rosendamm oder in der Karl-Marx-Straße, von wo man mühelos aus der Wohnung heraus die sowjetischen Militärtransporte beobachten konnte, zu wohnen, um unter besonderer Kontrolle der Staatssicherheit zu stehen. Das selbe traf auf all jene zu, die in der Nähe der Kasernen wohnten. Oder den alten Kietzer Friedhof besuchten. Höchst verdächtig erschienen des Weiteren Angler und Fischer. Und die Eisenbahner sowieso.

Blatt 2

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Autor:

Ich lebe seit über fünfzig Jahren im Oderbruch. Seitdem ich denken kann, interessiere ich mich für die Geschichte aber auch für die Gegenwart und Zukunft dieser einzigartigen Region, im äußersten Osten Deutschlands. So weit es mir möglich ist, möchte ich die reichhaltige Geschichte erforschen, aufschreiben um diese für die Nachtwelt zu erhalten. Zur Geschichte gehört ausdrücklich, auch das selbst erlebte, unser eigenes Leben. Eine weitere Leidenschaft von mir ist die Erforschung und der Erhalt der Natur meiner Heimat. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, dem können die immer deutlicher zu Tage tretenden Umweltschäden nicht verborgen bleiben. Schäden die wir alle zu verantworten haben. Schäden, die jedoch oftmals verhindert werden könnten. Naturschutz geht uns alle an! Wir alle, vor allem aber unsere Nachkommen werden davon profitieren. Leider ist zurzeit um den Naturschutz, aus verschiedenen Gründen, im Oderbruch nicht gut bestellt. Einige Aspekte werden als "Gängelei" empfunden oder einfach nur falsch verstanden. Gleichgültigkeit und Unkenntnis spielen eine weitere, nicht unerhebliche Rolle. Dazu kommt, dass die im Oderbruch stark vertretene " Bauern-Lobby" offenbar durch den Naturschutz finanzielle Einbussen befürchtet und gegen geplante Naturschutzmaßnahmen polemisiert. Obwohl gerade die Landwirte eigentlich kein gestörtes Verhältnis zur Natur haben sollten. Hier ist Aufklärung gefragt! Damit nicht noch der letzte Rest Natur im Oderbruch in trockenes staubiges Ackerland umgewandelt wird.

Ein Kommentar zu „Kietz Kreis Seelow-Ein Dorf unter Spionageverdacht

  1. Hallo, leider darf ich über mein derzeitiges Manuskript nicht schreiben aber dieses handelt auch um diese Zeit der Stasi, der Spionage und wie ich mein Leben nach dem Weggang aus Küstrin-Kietz bis in den privaten Bereich negativ beeinflusst wurde. Irgendwann, ich hoffe bald, kann ich konkreter werden und hoffe ihr werdet dann meinen neuen spannenden Roman lesen. Wolfgang W. Ladewig, 28.07. 2016

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