Wieviel Küstrin steckt eigentlich noch in Kietz?

Am 03. Oktober 2016 jährt sich die Rückenennung von Kietz in Küstrin-Kietz zum nun mehr fünfundzwanzigsten Mal. Höchste Zeit, diesem Ereignis einen Beitrag zu widmen. Ich gehörte an diesem Tag zu den mit der Absicherung der Veranstaltung beauftragten Polizisten der damaligen Polizeiwache Seelow.  Nie zuvor und auch später nicht, habe ich so viele Menschen in diesem Ort gesehen. Aus ganz Deutschland strömten die Besucher herbei. Viele von ihnen stammten aus Küstrin oder der näheren Umgebung. Nicht zu erwähnen brauche ich wohl an dieser Stelle, dass natürlich auch die jetzigen Einwohner von (Küstrin)-Kietz auf den Beinen waren.

Damals herrschte eine ungeheure, heute nur noch schwer vorstellbare Euphorie unter den Leuten. Niemand, mich eingeschlossen, zweifelte daran das unsere Heimatregion vor einem bislang ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung stand. Suggerierten doch die unmittelbare Nähe zu Polen und zur nun wieder von der Oder bis nach Aachen reichenden Bundesstraße 1, einen enormen Standortvorteil. Goldgräberstimmung im Oderbruch?!

 

Der Änderung des Ortsnamens war eine  demokratisch legitimierte Einwohnerbefragung  vorangegangen. Zur Auswahl standen Kietz, Küstrin-Kietz und Küstrin. Das sich letztendlich nur eine knappe Mehrheit für den Ortsnamen Küstrin-Kietz entschied, Küstrin dagegen kaum Anklang fand, dürfte die Initiatoren der Umbenennung kaum begeistert haben.  Verbanden sie doch damit die unglaublich naive Vorstellung, dass der Name Küstrin allein gewissermaßen ein Garant für eine Rückkehr in die “ gute alte Vorkriegszeit“ sei.

1991 erlebte unser Ort übrigens die vierte Umbenennung innerhalb von nur sechs Jahrzehnten. 1930 wurde aus der “ Langen Vorstadt“ und dem bis dahin selbstständigen Dorf Kietz der Küstriner Vorort Küstrin-Kietz. 1954 fanden gleich zwei Umbennungen statt: einmal von Küstrin-Kietz in Friedensfelde und dann „endgültig“ in Kietz.  Dieser von ideologischem Eifer getragene Vorgang verdient einen eigenen Beitrag, darum möchte ich an dieser Stelle nicht näher darauf  eingehen, statt dessen lieber auf die Eingangsfrage zurückkommen. Wie viel Küstrin steckt denn nun in Kietz?

Ja, hmmm….. da wäre auf jeden Fall das Ortswappen. Das heutige Küstrin-Kietz trägt das selbe Wappen wie das untergegangene Küstrin. Und, was absolut nicht unwichtig ist, die heutige, auf den Trümmern jener untergegangenen deutschen Stadt erichtete Stadt Kostrzyn.

Gibt es also eine Analogie zwischen Vergangenheit und Gegenwart? Rein “ wappentechnisch“ schon. Gibt es noch andere Gemeinsamkeiten zwischen dem einst und jetzt?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns gedanklich zunächst in die schwere Nachkriegszeit zurück begeben. Das prächtige alte Küstrin, in dem bis 1945 gut zwanzigtausend Einwohner gelebt haben sollen, war beinahe vollständig in Trümmern gefallen. Ein Schicksal das es mit unzähligen Orten in Europa teilte. Während sich die meisten dieser Orte im Laufe der Jahrzehnte quasi wie Phönix aus der Asche erhoben, erlitt Küstrin die nachhaltigste Zäsur der gesamten Stadtgeschichte. Der größte Teil des Stadtgebietes gehörten fortan zu Polen. Küstrin-Kietz, einst ein urbaner Vorort, mit Restaurants, Kaufhäusern, Villen und Straßenbahnverkehr, in dem einige tausend Menschen lebten, wurde damit gewissermaßen von der “ City“ abgetrennt. Der Ort verlor nicht nur seinen Charakter als Stadtteil, damit erlosch auch das Stadtrecht. Aus dem Stadtteil von Küstrin war eine eigene Gemeinde  an einer neuen Staatsgrenze geworden.

Diese neue Staatsgrenze trennte fortan die früheren Stadtteile. Für einen Teil der Bevölkerung, den “ Ureinwohnern“, ergaben sich daraus immense Konflikte. Konflikte die zumeist im verborgenen, im Schutz der eigenen vier Wände ausgetragen wurde. Offen darüber zu reden wagte in jenen Zeiten kaum jemand. Viele kehrten der alten Heimat ganz den Rücken. Andere flüchteten sich in Erinnerungen, oder versuchten sich anderweitig mit den Zuständen abzufinden.

Da gab es aber noch die anderen, die den Status Quo von vor 1945 überhaupt nicht kannten. Menschen, welche der Arbeit wegen hierher kamen. Überwiegend Grenzer, Zöllner und Eisenbahner. Allein oder gemeinsam mit ihren Familien. Während gleichzeitig viele der Alteingessenen ihr Glück lieber im Westen Deutschlands suchten. Auf diese Weise vollzog sich ein längst nicht vollständiger, jedoch nicht unbedeutender Bevölkerungsaustausch.

Im Laufe der Jahre verblasste die Erinnerung an Küstrin, dass in der offiziellen DDR-Lesart ohnehin als ein Pseudonym für “ Militarismus“ galt. Mehr und mehr nahm dieses Kietz eine eigene, im Vergleich zur Vorkriegszeit völlig andere Entwicklung ein.  Der Grenzbahnhof, das Armaturenwerk und die beiden sowjetischen Garnisionen prägten unter anderem, das Bild des zu den größten Dörfern des damaligen Kreises Seelow zählenden Kietz. Ein Bild, dass mit dem alten Küstrin überhaupt nichts mehr zu tun hatte.

Daran konnte auch die Um beziehungsweise Rückbenennung vor fünfundzwanzig Jahren, in Küstrin-Kietz, nichts ändern. Noch immer fühlen sich die allermeisten als „Kietzer“, nicht aber als Küstriner. Heute wäre die Ablehnung des Namens Küstrin für unseren Ort, wohl noch deutlicher zu Tage getreten. Innerlich gebunden fühlen sich an Küstrin wohl nur noch sehr wenige, hochbetagte Einwohner. Wer fühlt sich auch schon einer Stadt verbunden, die er nicht kennt? Einer Stadt, die es darüber längst nicht mehr gibt. Ideologische “ Bedenken“ dürften jedoch keine Rolle mehr spielen.

Dazu kommt noch, dass sich die Bevölkerungsstruktur in Küstrin-Kietz seit einiger Zeit erneut verändert. Neben einem allgemeinem Rückgang der Bevölkerungszahl und einem Abwandern überwiegend junger Menschen, kann ein verstärkter Zuzug von polnischen Familien nach Küstrin-Kietz beobachtet werden.

Das heutige Küstrin-Kietz hat nicht nur nichts mehr  mit dem alten Küstrin zu tun. Sondern auch nichts mit der Gemeinde Kietz, Kreis Seelow.

Spuren des untergegangenen Küstrin findet man absurderweise nur noch im Nachbarland Polen. Dort werden sie, unter anderem, in einem liebevoll und kompetent geführten Museum für die Nachwelt in Form von Originalgegenständen, Fotos und Filmen, der Nachwelt bewahrt.

Aber eigentlich ist es doch völlig egal, ob sich ein Einwohner als Küstrin-Kietzer, Kietzer, Küstriner, Küstriner Vorländer oder Bewohner von “ Kostrzyn-West“ fühlt. Wir leben und meinen doch ein und den selben Ort. In dem man sich wohlfühlen kann. Ein Ort der eine Zukunft hat, solange wir es nur wollen!

 

Uwe Bräuning

 

 

 

 

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Autor:

Ich lebe seit über fünfzig Jahren im Oderbruch. Seitdem ich denken kann, interessiere ich mich für die Geschichte aber auch für die Gegenwart und Zukunft dieser einzigartigen Region, im äußersten Osten Deutschlands. So weit es mir möglich ist, möchte ich die reichhaltige Geschichte erforschen, aufschreiben um diese für die Nachtwelt zu erhalten. Zur Geschichte gehört ausdrücklich, auch das selbst erlebte, unser eigenes Leben. Eine weitere Leidenschaft von mir ist die Erforschung und der Erhalt der Natur meiner Heimat. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, dem können die immer deutlicher zu Tage tretenden Umweltschäden nicht verborgen bleiben. Schäden die wir alle zu verantworten haben. Schäden, die jedoch oftmals verhindert werden könnten. Naturschutz geht uns alle an! Wir alle, vor allem aber unsere Nachkommen werden davon profitieren. Leider ist zurzeit um den Naturschutz, aus verschiedenen Gründen, im Oderbruch nicht gut bestellt. Einige Aspekte werden als "Gängelei" empfunden oder einfach nur falsch verstanden. Gleichgültigkeit und Unkenntnis spielen eine weitere, nicht unerhebliche Rolle. Dazu kommt, dass die im Oderbruch stark vertretene " Bauern-Lobby" offenbar durch den Naturschutz finanzielle Einbussen befürchtet und gegen geplante Naturschutzmaßnahmen polemisiert. Obwohl gerade die Landwirte eigentlich kein gestörtes Verhältnis zur Natur haben sollten. Hier ist Aufklärung gefragt! Damit nicht noch der letzte Rest Natur im Oderbruch in trockenes staubiges Ackerland umgewandelt wird.

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