Die Entnazifizierung in Küstrin-Kietz von 1945-1950

Die Entnazifizierung

Die so genannte Entnazifizierung stellt wohl überall in der ehemaligen DDR, ein besonderes, noch immer kaum aufgearbeitetes Kapitel der Geschichtsschreibung dar. Allgemein wird davon ausgegangen, dass es der DDR, im Gegensatz zur Bundesrepublik , gelungen war ehemalige Nazis aus allen wichtigen Funktionen in Staat und Gesellschaft zu entfernen, bzw. herauszuhalten.

War das wirklich so? Verlief dieses umfangreiche, für die Betroffenen konsequenzenreiche Prozedere stets unter voller Einhaltung der Gesetze, ohne persönliche Ungerechtigkeiten, ab? Wurden hier zuweilen “ alte Rechnungen beglichen” oder bei Verwicklungen besonders wichtig erscheinender Personen “ weniger genau hingesehen”?  Frei nach dem Motto “ Wer Nazi ist, bestimmen wir!”

Diese Fragen bedürfen dringend einer Beantwortung.

Kehren wir aber wieder nach Küstrin-Kietz zurück. Wie ging die Entnazifizierung in unserem Dorf über die Bühne?

Eine auf den 22. September 1945 datierte Liste wies in Küstrin-Kietz folgende zur Enteignung anstehende “ Nazi und Kriegsverbrecher” aus:

Schulze, Reinhardt

Künkel, Johannes

Wilke, Günter

Hamann, Bernhard

Beyer, Johann

Kunert, Karl

Engel, Reinhold

Mann, Anna

Busch, Edmund

Folgende Einwohner von Küstrin-Kietz gehören der für die Maßnahmen zuständigen Gemeindekommission an:

Alfred Engel

Reinhold Binder

Karl Schwietzke

Interessant ist, dass der als gesetzliche Grundlage für die Enteignung geltende Befehl Nr. 124 des Obersten Chefs der Sowjetischen Militärverwaltung und Oberbefehlshabers der Gruppe der sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland, erst am 30. Oktober 1945, also  über einen Monat nach Erstellung dieser Liste, in Kraft trat. Zudem sollten die Enteignungen lediglich führende Mitglieder der NSDAP und anderer Organisationen, sowie Personen die konkrete Schuld auf sich geladen hatten, treffen. Von “ Mitläufern”, ohne konkrete persönliche Schuld, war, zumindest formell, nicht die Rede.

Haben wir es bei den oben aufgeführten ehemaligen Einwohnern unseres Ortes tatsächlich mit “ bösen, fiesen Nazis” zu tun?

Auf dem ersten Blick, vielleicht. Beim genaueren Hinsehen stellt sich die Sachlage ein wenig differenzierter dar.

Fest steht, dass es sich bei allen um die Besitzer von Bauernhöfen handelt. Jeder einzelne von ihnen gehörte zwischen 1933 -1945, einige auch davor, einer NS-Organisation an. Das Gros der angeblichen “Kriegsverbrecher”  bildeten jedoch einfache Mitglieder der ehemaligen NSDAP.  Denen keine persönliche Schuld nachgewiesen werden konnte, dennoch jedoch mit dem Verlust ihres Eigentums für Verbrechen büßen mussten, von denen sie zumeist nicht die leiseste Ahnung hatten.

Nicht immer blieb es “nur” beim Verlust des Besitzes. So wurde zum Beispiel der Bauer Karl Kunert, Mitglied einer alten Kietzer Familie, dessen Hof sich in der Friedensstraße 08 befand, am 26.06. 1945 von einem unter dem Kommando eines Kapitän Koslo stehendem Kommando der “ Roten Armee” verhaftet. Das einzige was die

“ Rote Armee” Karl Kunert hätte vorwerfen können, war eine langjährige Mitgliedschaft in der NSDAP.  Ob Karl Kunert die Haft überlebte, schließlich wieder zu seiner Familie zurückkehren durfte, darüber geben die Unterlagen im Landesarchiv Potsdam leider keine Auskunft.

Später wurde die “ Schwarze Liste”  um weitere Namen ergänzt. Zum Beispiel Johann Hamann, NSDAP-Anhänger seit 1933 und “Sonderbeauftragter im  Reichsnährstand und Georg Beyer, ebenfalls NSDAP-Mitglied seit 1933 und “ Leiter für Sonderaufgaben im Reichsnährstand”.

In beiden Fällen agierte ein gewisser Alfred Engel, Mitglied der Gemeindekommission und Bauer in Kietz,  als Belastungszeuge. Seinen Angaben zufolge, sollen Hamann und Beyer “ Ausländer und Kriegsgefangene schlecht behandelt haben.”  Eine mehr als pauschale Aussage, die, bei einem rechtsstaatlichen Verfahren, wertlos gewesen wäre.  Damals gab man sich offenbar damit zufrieden. Johann Hamann und Georg Beyer waren jedoch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr nach Küstrin-Kietz zurückgekehrt. Laut den vorgefundenen Unterlagen hielten sich beide seit 1945 in der “ Britischen Zone” Deutschlands auf. Sie brauchten sich also wegen ihrer Funktionen während der NS-Zeit nicht vor der Gemeindekommission verantworten.

An dieser Stelle sei mir eine kurze Erläuterung zum “ Reichsnährstand” erlaubt: Dieser diente, wie es der Name vermuten lässt, der Bereitstellung von Nahrungsmitteln für die Bevölkerung. Anders als viele andere Organisationen des “vorfristig” untergegangenen “ Tausendjährigen Reiches”, wurde der Reichsnährstand nach 1945 von den Siegern eben nicht als “ Verbrecherische Organisation” eingestuft. Die Organisation durfte ihre Tätigkeit sogar noch einige Zeit nach dem Zusammenbruch fortführen, da die Alliierten die Versorgung der ohnehin notleidenden Bevölkerung nicht anders hätten bewerkstelligen können.

In den Archiven finden sich noch weitere Hinweise, dass es bei der “ Entnazifizierung” in Küstrin-Kietz seinerzeit alles andere als gerecht zugegangen ist.  Was ich an den folgenden, ausgewählten Beispielen verdeutlichen möchte:

  • Bernhard Hamann

Der einer weitverzweigten, seit Jahrhunderten im Raum ansässigen Küstrin  Familie entstammende Bernhard Hamann betrieb bis 1945 einen Bauernhof in der Friedensstraße. Auf dem ersten Blick weist seine Vita tatsächlich einige unverkennbare “ braune Flecken” auf. Bereits vor 1933 gehörte der Kietzer Bauer sowohl der NSDAP als auch der SS an. Dabei nahm er des Öfteren an handfesten Auseinandersetzungen mit Sozialdemokraten und Kommunisten teil.

Von dem Ende 2002 verstorbenen Günther Budack, einem ehemaligen SPD-Mitglied, stammt folgende Erinnerung: “ Wir hatten uns mit den Brauen öfter mal geprügelt. Da ging es hart zur Sache. Einmal stand ich bei einer Schlägerei Bernhard Hamann, den ich bereits aus frühen Jugendtagen kannte, gegenüber. Mir wäre es dabei beinahe an den Kragen gegangen. Als mich Bernhard erkannte, zischte er mir zu : “ Mensch Günther, mach bloß dass du Land gewinnst”. Bernhard sorgte dafür, dass mir an diesem Tag nichts geschah. Obwohl er ein Nazi war.”

Aber war Bernhard Hamann wirklich der überzeugte Nazi, für den ihn seine Umwelt damals hielt?

Noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verliebte er sich in die aus dem fünfundzwanzig Kilometer entfernten Dorf Wilhelmsaue stammende Bauerntochter Gertrud Wallach. Deren Nachname die jüdischen Wurzeln bereits verriet. Laut den kruden Rassegesetzen der Nazis handelte es sich bei der Familie Wallach um so genannte “ Vierteljuden”.  In den Augen der damaligen Machthaber “ Menschen Dritter Klasse”. Für ein NSDAP und SS-Mitglied ein absolutes “ No go”. Eine Ehe zwischen einem SS-Mann und einer “ Vierteljüdin” wäre absolut unvorstellbar gewesen. Normalerweise.

Bernhard Hamann hielt die Verbindung zum Fräulein Wallach aus Wilhelmsaue jedoch, allen gegenteiligen Versuchen der NSDAP-Kreisleitung Königsberg (Neumark) zum Trotz, weiter aufrecht. Auch dann noch, als man ihn vor die Wahl stellte, sich entweder von dem Fräulein Wallach zu trennen, oder aus Partei und SS ausgeschlossen zu werden.

Bernhard Hamann entschied sich für die Liebe und gegen die weitere Mitgliedschaft in den NS-Organisationen. Wenig später heiratete er Fräulein Wallach. Aus der Verbindung gingen mehrere Kinder hervor.  Ein wohl mehr als deutlicher Beweis für die Abkehr Bernhard Hamanns von der Naziideologie! Trotzdem wiesen ihn die Unterlagen 1945 als “ NS und Kriegsverbrecher” aus.

So ungewöhnlich wie eheliche Verbindung selbst, erscheint auch das weitere Schicksal von Bernhard und Gertrud Hamann in den letzten Jahren der NS-Herrschaft. Während andere für ähnliche “ Verfehlungen” längst im KZ gelandet wären, passierte der jungen Familie nichts. Über die Gründe für die ungewöhnliche “Milde” kann man nur spekulieren. Sehr wahrscheinlich erscheint, dass Bernhards Bruder Alfred, ebenfalls ein NSDAP und SS-Mitglied “ der ersten Stunde”, dabei eine nicht unwesentliche Rolle spielte.

Wie dem auch sei-die Entnazifizierungskommission in Küstrin-Kietz sah in dem mutigen, unter anderen Umständen lebensgefährlichen Bekenntnis des Bernhard Hamann zu seiner späterer Ehefrau, keinerlei Entlastungsgründe. Hier interessierte nur dessen frühere Verstrickungen in den NS-Staat. Nicht jedoch die ehrenvolle Abkehr.

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Enteignungsurkunde Bernhard Hamann

Wie in anderen Fällen auch, drängt sich förmlich der Verdacht auf, dass die Entnazifizierungen in einigen Fällen der Gemeinde die Möglichkeit eröffneten, sich den Besitz der Betroffenen “ legal” anzueignen.

Wofür auch dieses Schicksal eines einstmals hoch angesehenen Arztes aus Küstrin-Kietz zeugt:

  1. Dr. Hans Kube

Wie Bernhard Hamann, verfiel auch Dr. Hans Kube frühzeitig den Verlockungen der Nazi-Ideologie und trat bereits vor Hitlers Machtantritt in die NSDAP ein. Die blutigen Ereignisse um den “ Röhm-Putsch” ließen den jungen Arzt jedoch innerlich auf Distanz gehen. Bei einem Prozeß gegen den Küstriner Bürgermeister und NSDAP-Kreisleiter Körner, trat er als Zeuge gegen diesen auf. Worauf sich Kube dessen Feindschaft zuzog.

Dr. Kube blieb zwar Mitglied der NSDAP, verhielt sich jedoch bis zum Ende politisch inaktiv. Seine Tätigkeit als Arzt bot ihm gewissermaßen eine Nische, um sich in unmenschlicher Zeit die Menschlichkeit zu bewahren. Seine Patienten in Küstrin-Kietz lobten die unterschiedslos zuvorkommende Behandlung in höchsten Tönen. Soziale Herkunft oder politische Ansichten der zu Behandelnden interessierten den Arzt nicht. Zwischen 1933 und 1945 nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit, wie sich mit unzähligen Beispielen belegen lässt.

Aber auch im Fall des Dr. Kube zeigte die Entnazifizierungskommission keinerlei Absicht, die Vergangenheit fair, sachlich und gerecht aufzuarbeiten.

Im Gegenteil- Um den Arzt zu diffamieren, wurde im Dorf verbreitet, dass Dr. Hans Kube ein Verwandter des berüchtigten, einstigen NSDAP-Kreisleiters von Königsberg, Wilhelm Kube, sei. Dabei bestanden keinerlei verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen dem aus einer angesehenen Küstriner Familie und dem ehemaligen NS-Funktionär.

Weiterhin lastete man dem Arzt im Widerspruchsverfahren gegen die ausgesprochene Enteignung einen Vorfall aus dem Jahr 1948 an:

Demnach soll Dr. Kube von Umsiedlern welche eine Zeitlang in seiner bei den Kämpfen 1945 relativ unzerstört gebliebenen Villa eine Unterkunft gefunden hatten, die Herausgabe von Möbeln gefordert haben. Diese Möbel hätten die Umsiedler zuvor aus der Villa entnommen und in Ordnung gebracht, wie es in dem vorliegenden Schriftstück heißt.

Not kennt kein Gebot! Kein Mensch bezweifelt, dass die heimatlos gewordenen Umsiedler große Not litten.

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Am Ende nutzen dem beliebten Arzt weder die Fürsprache der Kollegen noch der dankbaren Kietzer Bevölkerung.

Dennoch-hier handelt es sich nun einmal um einen klassischen Diebstahl! Dr. Hans Kube besaß alles Recht der Welt, die Herausgabe seines Eigentums zu fordern. Bezeichnenderweise wertete man das Verhalten Kubes, der nichts weiter tat als seine Grundrechte wahrzunehmen, in dem sich bis Anfang 1950 andauernden Enteignungsverfahren, als weiteres Indiz für dessen noch immer bestehende “ nationalsozialistische Überzeugung”. Einmal Nazi, immer Nazi?

Am Ende nutzen dem Arzt weder sein zahlreich bestätigter guter Leumund, noch ein an die Landesregierung Brandenburg gerichteter Widerspruch: Dr. Kube verlor seine in der Lindenstraße befindliche Villa an die Gemeinde Kietz. Wie um das absurde Theater durch eine weitere Absurdität krönen zu wollen, ließ Karl Schimmeyer, der 1950 als Bürgermeister agierte, das gut erhaltene Haus abreißen! Obwohl noch immer ringsherum ganze Familien in den Kellern der Ruinen hausten.

Blinder Hass kennt nun einmal keine Logik!

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Der patzige Ton spricht Bände-Stellungnahme der Gemeinde Küstrin-Kietz zur Enteignung des Dr. Hans Kube.

Die Entnazifizierung sollte nicht nur “ Kleine” und “ Große” Nazis durch den Verlust ihres Besitzes für tatsächlich oder vermeintlich begangenes Unrecht bestrafen, sondern auch den “ Öffentlichen Dienst säubern”.  Ein ebenso alternativloses, wie schwieriges Unterfangen. Schließlich sollte, konnte und durfte die neue Ordnung nicht mit belasteten Personal aufgebaut werden. Zumal bekanntlich bei nicht wenigen Staatsbediensteten tatsächlich buchstäblich Blut an den Händen klebte. Kaum jemand der etwas zu verbergen hatte, füllte den von den Besatzern ausgegebenen Fragebogen zu seiner Vergangenheit, wahrheitsgemäß aus. Wer belastete sich schon gern selbst?

Für einen früheren Eisenbahnbeamten  aus Küstrin-Kietz endete die Entnazifizierung Ende 1947 zunächst “ nur” mit dem beruflichen Aus wegen einer im Fragebogen angegebenen NSDAP und SS-Mitgliedschaft. Bis dann nach einigen Wochen offenbar neue Hinweise auftauchten:

  1. Karl Rapsch

Am 25. 12. 1947 fällte die Entnazifizierungskommission des Kreises Lebus den Beschluss, den bis dato unter anderem als Hilfsweichensteller auf dem Bahnhof Küstrin-Kietz tätigen, in Küstrin-Kietz, August-Bebel-Straße 15 wohnhaften, am 05. 12. 1905 in Landsberg an der Warthe ( heute Gorzow Wlkp) geborenen Karl Rapsch fristlos zu entlassen. Der Beschluss wurde umgehend seinem Arbeitgeber, zur Kenntnisnahme und Veranlassung, zugestellt. Für den Familienvater Karl Rapsch dürfte die Entscheidung der Kommission nicht ohne schwerwiegende Folgen geblieben sein.

Welche Verfehlungen hatte sich aber dieser Karl Rapsch in der NS-Zeit zu Schulden kommen lassen, dass er nach dem Zweiten Weltkrieg nicht einmal mehr als Hilfsweichensteller tätig sein durfte?

Ein Blick in seine komplett vorliegende Akte gewährt einen Einblick eines typischen “Mitläufers”. Rapsch trat bereits 1932 der NSDAP bei. Ebenso der SS, aus der er jedoch bereits nach zwei Jahren wieder ausschied.  Funktionen bekleidete Karl Rapsch weder in der NSDAP noch in der SS.  1939 trat er dem Reichsbund der Deutschen Beamten bei. Des Weiteren der “ Deutschen Arbeitsfront” und der “ Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt”, einer Art Krankenversicherung. Wie viele Millionen Deutsche damals auch.

Vor der Kommission trat ein gewisser Placzek als Entlastungszeuge auf. Dieser gab an, dass Rapsch lediglich aus “ wirtschaftlicher Not” der NSDAP beigetreten war.

Obwohl die Kommission den Inhalt der Aussage als “ Entlastend” wertete, reichte die bloße Mitgliedschaft in NS-Organisationen bereits aus, um Karl Rapsch aus dem “ Öffentlichen Dienst” zu entfernen.

Handfeste Beweise für eine Beteiligung an Verbrechen habe ich auch in dieser Akte vergeblich gesucht.

Oder vielleicht doch? Immerhin findet sich ein auf den 08.04. 1948 datiertes Schreiben der Entnazifizierungskommission des Kreises Lebus an die Kriminalpolizei Potsdam, Abteilung “ K 5”, wonach bei Karl Rapsch der Verdacht besteht, dass dieser unter die Kontrollratsdirektive des Alliierten Kontrollrates über die „Verhaftung und Bestrafung von Kriegsverbrechern, Nationalsozialisten und Militaristen und Internierung, Kontrolle und Überwachung von möglicherweise gefährlichen Deutschen“ fällt.

War Karl Rapsch am Ende doch ein Kriegsverbrecher? Hatte er wichtige Umstände, möglicherweise um sich vor einer Strafverfolgung zu schützen, verschwiegen?

Hinter dem Kürzel “ K 5” verbarg sich die politische Polizei der damaligen Sowjetunion. Aus dem “ K 5” ging wenige Jahre später das Ministerium für Staatssicherheit hervor. Der Verlust seiner beruflichen Tätigkeit dürfte in jenen das geringste Problem des Karl Rapsch gewesen sein. Leider gibt das aufgefundene Schriftgut keinerlei Auskunft darüber, was dem ehemaligen Eisenbahner aus Küstrin-Kietz von den Behörden zur Last gelegt wurde. Sein weiteres Schicksal ist mir bislang nicht bekannt, bedarf also noch weiterer Aufklärung.

Die in der “ SBZ” / DDR zunächst an den Tag gelegte rigorose Praxis jeden der in irgendeiner Form einer früheren NS-Organisation angehörte aus dem “ Öffentlichen Dienst” zu entfernen, oder derart belasteten Leuten den Zugang zum Staatsdienst zu verwehren, provozierte etwaige “ Schummeleien” beim Ausfüllen der obligatorischen Fragebögen geradezu. Kamen diese Unwahrheiten jedoch ans Tageslicht, dann drohte dem oder derjenigen, neben der sofortigen Entlassung, zumeist noch erhebliche strafrechtliche Konsequenzen.

Hin und wieder nutzte das noch junge Ministerium für Staatssicherheit solche menschlichen Schwächen als Druckmittel, um den ertappten Lügner zur “inoffiziellen Mitarbeit zu überreden.”  Im Erfolgsfall zeigte sich das MfS durchaus großzügig. Etwaige politische Belastungen stellten plötzlich keinen Hinderungsgrund für die Weiterbeschäftigung mehr dar. Manch einer damals vor der schweren Entscheidung, entweder die Konsequenzen zu tragen, oder sich die künftige berufliche Karriere durch eine unfreiwillige Mitarbeit im MfS zu erkaufen:

  1. Karl-Heinz Henschel

Der im Frühjahr 1926 in Küstrin geborene Karl-Heinz Henschel, wuchs als Sohn eines Bahnbeamten in Küstrin-Kietz auf. Die Liebe des jungen Karl-Heinz Henschel galt zunächst der Landwirtschaft. So oft es nur ging, verbrachte er viel Zeit auf dem Hof seines Onkels im “ Kietzer Busch”, östlich der Oder.

Der Zweite Weltkrieg sollte, wie bei vielen anderen seiner Generation, die bisherige Lebensplanung völlig auf den Kopf stellen. Noch als siebzehnjähriger unfertiger junger Mann, in der Endphase des Krieges, musste auch Karl-Heinz Henschel noch in die Uniform eines Soldaten schlüpfen.

Jedoch nicht in die feldgraue der Wehrmacht, sondern in den schwarzen Rock der “ Waffen-SS”.  Gefragt hatte ihn damals niemand. Den Bedarf an neuen Rekruten legte die dafür verantwortlichen Militärbehörden fest. Angesichts des Umstandes dass an den Fronten beinahe täglich tausende deutsche Soldaten sinnlos verreckten, muss der entsprechende Bedarf an neuem Kanonenfutter unendlich gewesen sein.

Selbst ein “ Eliteverband” wie die Waffen-SS konnte längst nicht mehr nur auf echte Freiwillige zurückgreifen. So kam auch der Eisenbahnersohn aus Küstrin-Kietz noch “ kurz vor Toresschluss” zu der mehr als zweifelhaften Ehre, Angehöriger der Waffen-SS zu werden.

Henschel, der unter anderem an der berühmten Schlacht um die Brücke von Arnheim teilnahm, überlebte die schweren Kämpfe. 1945 geriet er in Schleswig-Holstein in englische Gefangenschaft, aus der er nach einem Jahr entlassen wurde. Das Heimweh trieb ihn zurück nach Küstrin-Kietz. Sein Heimatort lag jedoch in der “ Sowjetisch besetzten Zone” ( SBZ). Karl-Heinz Henschel besaß keine Genehmigung, um von der “ Britischen Zone” in die “ SBZ” einreisen zu dürfen.

Er tat es trotzdem! Bei Nacht und Nebel schlich sich Karl-Heinz Henschel über die 1946 noch sporadisch bewachte “ Grüne Grenze”.

Glücklich Zuhause angekommen, beteiligte sich der junge Mann sofort am Wiederaufbau seines schwer zerstörten Heimatortes. Eine erste Anstellung fand Henschel zunächst beim Zoll in Küstrin-Kietz. Bis man ihn Anfang der Fünfzigerjahre die Frage stellte, ob er nicht als Lehrer arbeiten wolle.  Und ob er wollte! Karl-Heinz Henschel schien für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wie geboren.

Spätestens jetzt dürfte sich der Leser wundern , dass ein ehemaliges, wenn auch unfreiwilliges Mitglied der  berüchtigten Waffen-SS, damals Zöllner, ja sogar Lehrer werden durfte.

Selbstverständlich musste Karl-Heinz Henschel vor dem Eintritt in den Staatsdienst den obligatorischen Fragebogen, der Aufschluss über seine Vergangenheit gegen sollte, ausfüllen. Sofern ein Mann von Anfang Zwanzig bereits eine Vergangenheit besitzt!

Von Anfang an war sich Karl-Heinz Henschel bewusst, dass er eigentlich keine reale Chance besaß, in den “ Öffentlichen Dienst” zu gelangen. Der Job beim Zoll, vielmehr noch sein späterer Traumberuf als Lehrer, wären bei einer Wahrheitsgemäßen Beantwortung aller Fragen für ihn von vornherein nicht in Frage gekommen.

Leichtsinnigerweise vertraute er jedoch darauf, dass diese kurze Episode seines Lebens den Behörden nicht bekannt wird. Das verräterische Kainsmal der SS, die unter die Achselhöhle tätowierte jeweilige Blutgruppe,  bekamen die Neuzugänge in Henschels früheren Regiment nicht mehr verpasst. Demnach konnte er die Mitgliedschaft jederzeit abstreiten, meinte Henschel. Bei der Frage wo er den Wehrdienst abgeleistet hatte, nannte Karl-Heinz Henschel ein Panzerregiment. Bei der Beantwortung “ verzichtete” er einfach auf den Zusatz “SS”, so dass der Eindruck entstand, Henschel wäre “ ganz normal” bei der Wehrmacht gewesen.

Anfang 1953 flog der Schwindel auf brutale Art und Weise auf.  Karl-Heinz Henschel, der gerade auf einem Weiterbildungslehrgang in Leipzig weilte, wurde plötzlich unversehens zum Direktor gerufen. Dort erwarteten ihn bereits typische Ledermäntel tragende Männer.  Kurz und knapp eröffneten sie den völlig geschockten Lehrer, dass er unter Spionageverdacht steht und vorläufig festgenommen ist.

Nach einer mehrstündigen Fahrt landete Henschel zunächst in einer Zelle der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Frankfurt (Oder).

Bald darauf fand die erste  Vernehmung statt. Stundenlang auf einem unbequemen Hocker kauernd, vom grellen Licht einer ihm direkt ins Gesicht strahlenden Lampe gepeinigt, sollte er zu seiner angeblichen Spionagetätigkeit Stellung nehmen, Hintermänner und Auftraggeber benennen.

Karl-Heinz Henschel, der sich keiner Schuld bewusst war, wies sämtliche Vorwürfe von sich. Drei Wochen lang, Tag und Nacht, wiederholte sich die anstrengende Prozedur.

Dann aber änderte der Vernehmer plötzlich die eingeschlagene barsche Tonart: “ Herr Henschel, ich freue mich ihnen mitteilen zu können, dass sich der Spionageverdacht nicht bestätigt hat”, teilte der Stasi-Offizier leutselig mit.  Auch der zweite, während der Vernehmungen ständig anwesende MfS-Mitarbeiter begann zu lächeln.

“ Das habe ich ihnen doch gleich gesagt”, erwiderte Karl-Heinz Henschel, dem vor Erleichterung ein Stein von der Seele rollte. “ Dann kann ich also jetzt zurück zu meiner Familie, nach Küstrin-Kietz.”

“ Langsam, langsam” , bremste, noch immer lächelnd, der Vernehmer Henschels aufkommende Freude. Ein Schriftstück aus einer Mappe ziehend, schaute er dem Lehrer fest ins Gesicht. “ Eine Kleinigkeit wäre da schon noch zu klären. Uns liegen Informationen vor, dass Sie im Krieg bei der Waffen-SS waren. Außerdem haben Sie sich nach ihrer Entlassung aus der Gefangenschaft bei den Tommys, illegal zu uns über die damalige Demarkationslinie geschlichen.”

Henschel erbleichte erneut. Mühsam versuchte er das Zittern seiner Hände vor den Stasi-Männern zu verbergen.

Der Vernehmer blätterte in den Schriftstücken. Verdammt, das ist mein Fragebogen, schoss es dem Lehrer durch den Kopf. Unwillkürlich eilten seine Gedanken zurück nach Küstrin-Kietz, wo seine Frau sicher voller Sorge auf ihn wartete.

“ Menschenskind Henschel, das haben Sie aber in ihren Fragebogen gar nicht angegeben. 54. Panzerdivision lese ich hier. Aber waren Sie nicht bei der 54. SS-Panzerdivision?”

Henschel nickte entgeistert.  Gespielt entrüstet schüttelte der Vernehmer den Kopf.

“ Sie haben ja gleich zweimal gelogen. Bei der Einstellung in den Zolldienst. Und als Sie Lehrer werden wollten, ebenfalls. Das nennt man Anstellungsbetrug. Wir haben die verdammte Pflicht ihren Arbeitgeber darüber zu informieren. Was ihnen dann blüht, brauche ich ihnen wohl nicht zu sagen.”

Aufmerksam, jedes Zucken in Henschels Gesicht registrierend, beobachtete der MfS-Vernehmer den völlig konsternierten, kurz vor einem Nervenzusammenbruch stehenden Lehrer.

Jetzt schaltete sich der zweite Stasi-Mann ein: “ Die sowjetischen Genossen dürften sich wohl auch brennend interessieren, dass ein SS-Mann bei Nacht und Nebel von den Engländern zu uns herüber gekommen ist. Sind Sie also doch ein Spion, Henschel? Na ja, die Freunde haben ihre eigenen Methoden zur Wahrheitsfindung. Die sind nicht so human wie wir. Entlassung aus dem Schuldienst, Anklage wegen Anstellungsbetrug, womöglich sogar ein paar Jahre Sibirien, ich möchte nicht in ihrer Haut stecken”, säuselte der Stasi-Mann unter geheuchelten Mitleid.

Zusammengesunken, völlig verzweifelt, voll diffuser Ängste, klammerte sich Karl-Heinz Henschel an die Sitzfläche des harten Stuhls.

Dann ergriff der Vernehmer wieder das Wort. Freundschaftlich legte er dem jungen Mann den Arm auf die Schulter: “ Andererseits wollen wir ihnen natürlich nicht die Zukunft verbauen. Sie sind ein junger fähiger Kader. Wir brauchen solche Leute dringend zum weiteren Aufbau des Sozialismus in unserer Republik. Ich mache ihnen Vorschlag: Wir geben ihnen die Chance, ihre Fehler wieder gutzumachen.”

“ Wie denn?” “ Ganz einfach: in dem Sie uns aktiv beim Kampf gegen die Feinde der Republik unterstützen. Wenn Sie sich bewähren, dann sind die kleinen Sünden der Vergangenheit bald vergessen. Sie können natürlich unser Angebot ablehnen. Sie sollten sich jedoch über die Konsequenzen im Klaren sein. Mensch Henschel, denken Sie doch mal nach- daheim sitzt ihre schwangere Frau allein. Soll ihr Kind ohne Vater aufwachsen?”

Karl-Heinz Henschel unterschrieb die von dem Vernehmer diktierte Verpflichtungserklärung als “ Geheimer Informator” des MfS.

Nach der Vernehmung kehrte er in den Schoß seiner Familie zurück. Er verblieb weiter im Schuldienst, bis zu seiner Berentung Anfang der Neunziger Jahre.

Darüber hinaus wirkte der  beliebte Lehrer aktiv im Gemeinderat von Kietz mit.  Damals ahnte niemand, dass über seinem Kopf jahrzehntelang ein “ Damoklesschwert” schwebte.

Obwohl er sich immer wieder bemühte den gestellten Aufträgen des MfS  nach Möglichkeit zu entziehen, endete seine IM-Tätigkeit erst im Dezember 1989.

Das letzte Beispiel zeigt, dass es auch eine Entlassung nicht unbedingt das Ende bedeuten musste.

Man musste später nur in die “ richtige Partei” eintreten:

  1. Karl Rehfeld

Karl Rehfeld bekleidete bereits früh, Anfang der Fünfziger Jahre, leitende Posten in der Gemeinde. Unter anderem als Bürgermeister und LPG-Vorsitzender. Rehfeld gehörte zu den ersten Mitgliedern der SED in Küstrin-Kietz. Dabei gehörte der aus dem  zehn Kilometer gelegenen Städtchen Göritz ( heute Gorzyca) 1945 als Umsiedler nach Küstrin-Kietz gekommene Rehfeld zu jenen, deren Vergangenheit vor der Entnazifizierungskommission keine Gnade fand. Stand er doch, vor dem Militärdienst, an der Spitze der Göritzer Hitler-Jugend. Der Vorwurf wog er derart schwer, dass Rehfeld seinen Posten als Bote in der Gemeinde Küstrin-Kietz aufgeben musste.

Nach einem Intermezzo bei der Bahn, kehrte der nunmehr zum Kommunisten

“ mutierte”  frühere HJ-Führer bald wieder in den Rat der Gemeinde Küstrin-Kietz zurück. Aber nicht mehr als subalterner Bote, sondern als Bürgermeister.

Anschließend setzte sich der Aufstieg des Karl Rehfeld in der Verwaltungshierarchie weiter fort. Im Anschluss an einem Verwaltungslehrgang stieg er sogar zum Instrukteur der Bezirksleitung Frankfurt (Oder) der SED auf.

Danach kehrte Rehfeld wieder nach Küstrin-Kietz zurück. Seine Vergangenheit während der NS-Zeit spielte, zumindest offiziell, keine Rolle mehr. Einzig sein Hang zum Alkohol, der zu einem einsamen frühen Tod führte, beendete die Karriere des Karl Rehfeld.

( Auszug aus der Dorfchronik von Küstrin-Kietz)

Autor: Uwe Bräuning

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Autor:

Ich lebe seit über fünfzig Jahren im Oderbruch. Seitdem ich denken kann, interessiere ich mich für die Geschichte aber auch für die Gegenwart und Zukunft dieser einzigartigen Region, im äußersten Osten Deutschlands. So weit es mir möglich ist, möchte ich die reichhaltige Geschichte erforschen, aufschreiben um diese für die Nachtwelt zu erhalten. Zur Geschichte gehört ausdrücklich, auch das selbst erlebte, unser eigenes Leben. Eine weitere Leidenschaft von mir ist die Erforschung und der Erhalt der Natur meiner Heimat. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, dem können die immer deutlicher zu Tage tretenden Umweltschäden nicht verborgen bleiben. Schäden die wir alle zu verantworten haben. Schäden, die jedoch oftmals verhindert werden könnten. Naturschutz geht uns alle an! Wir alle, vor allem aber unsere Nachkommen werden davon profitieren. Leider ist zurzeit um den Naturschutz, aus verschiedenen Gründen, im Oderbruch nicht gut bestellt. Einige Aspekte werden als "Gängelei" empfunden oder einfach nur falsch verstanden. Gleichgültigkeit und Unkenntnis spielen eine weitere, nicht unerhebliche Rolle. Dazu kommt, dass die im Oderbruch stark vertretene " Bauern-Lobby" offenbar durch den Naturschutz finanzielle Einbussen befürchtet und gegen geplante Naturschutzmaßnahmen polemisiert. Obwohl gerade die Landwirte eigentlich kein gestörtes Verhältnis zur Natur haben sollten. Hier ist Aufklärung gefragt! Damit nicht noch der letzte Rest Natur im Oderbruch in trockenes staubiges Ackerland umgewandelt wird.

2 Kommentare zu „Die Entnazifizierung in Küstrin-Kietz von 1945-1950

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