DDR-Freilichtmuseum Küstrin-Kietz

Es gibt Orte, die über ein Museum verfügen. Weiterhin gibt es Orte, denen ein Museum gut zu Gesicht stehen würde.  Und es gibt Orte, die quasi ein riesiges Museum sind.

Unser Küstrin-Kietz gehört zu der letzten Kategorie. Nirgends, zumindest nicht im Oderbruch, trifft man auf derart viele, ich nenne sie mal so, Exponate der DDR-Geschichte. Ich denke da nur an den ehemaligen Grenzbahnhof und dessen nähere Umgebung: An das Lehrlingswohnheim, das BASA-Gebäude, die Baracke in der vor vielen Jahren Zöllner und als Grenztruppen getarnte Passkontrolleure Dienst taten und natürlich an das Bahnhofsgebäude selbst.

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ehemalige Zoll und PKE-Baracke am Bahnhof Kietz

Ok, in den Augen manch anderer sind “ meine Exponate“ nichts weiter als Schandflecke oder Ruinen. Die ganz einfach “ platt gemacht“ und vom Erdboden getilgt gehören.

Ich gebe ja zu, dass der momentane Zustand der meisten originalen Ausstellungsstücke alles andere als vorzeigbar ist. Nichts desto Trotz stellen Sie für Küstrin-Kietz einen ungeheuren geschichtlichen und damit nicht zuletzt touristischen Wert dar.

 

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Das seit vielen Jahrzehnten stillgelegte Schrankenposten  an der früheren Strecke Kietz-Frankfurt (Oder). Ein wenig Farbe und eine Hinweistafel würden das nutzlose Bauwerk an der Karl-Marx-Straße  in ein technisches Denkmal verwandeln.
Werner Brunn
Gerhard Brunn -ein ehemaliger Kietzer Eisenbahner

Jahr für Jahr kommen viele Touristen durch Küstrin-Kietz. Die wenigstens legen hier jedoch einen Zwischenstopp ein. Was sollte hier auch einen Touristen zum Anhalten animieren? Oder anders ausgedrückt: Woher sollen sich die Touristen auch für die spannende Geschichte unseres Ortes interessieren, wenn darüber kaum etwas bekannt ist?

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Der ehemalige Grenzbahnhof Kietz-einst Schauplatz unzähliger Aktionen verschiedener östlicher und westlicher Geheimdienste. Noch immer findet sich hier kein einziger Hinweis auf die historische Bedeutung dieses Bahnhofs während der Zeit des “ Kalten Krieges“. Aber auf diesem Bahnhof wurde nicht nur spioniert, sondern auch hart gearbeitet. Gehörte er doch zu den bedeutendsten  seiner Art an der Ostgrenze der DDR. Unzählige Waren und Militärtransporte aus oder in die Sowjetunion und andere Staaten passierten diese Grenzstation. Die Erinnerung daran verblasst jedoch immer mehr. Schämen wir uns unserer Geschichte?

 

Das am westlichen Ortseingang gelegene Armaturenwerk gehörte bis 1989 zu den Vorzeigebetrieben der ehemaligen DDR.  So verging kaum ein Monat, in dem im “ Neuen Tag“, der lokalen Gazette des Bezirkes Frankfurt (Oder), nicht über neue Erfolge und Initiativen des Armaturenwerkes Kietz berichtet wurde.

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Bildquelle: Neuer Tag vom 18. Februar 1984
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Bildquelle: Neuer Tag , Juli 1982

Spätestens Anfang 1990 brachen die Lügengebilde brutal ein. Die Belegschaft des Armaturenwerkes wusste ohnehin längst, dass sie über einen langen Zeitraum für die Erschaffung “ Potemkinscher Dörfer made in GDR“, missbraucht worden ist.

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Heute herrscht Tristesse, wo vor Jahrzehnten viele Einwohner unseres Ortes unter schwierigen Bedingungen, jenseits jeder Propaganda,  fleißige Arbeit leisteten. Bis zum bitteren Ende des Betriebes.  Auch hier kein einziger Hinweis auf die besondere Geschichte des Areals.
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Der “ gute alte Kietzer KONSUM“. Auch er ein Stück originaler DDR-Vergangenheit, dass manche Erinnerung auslöst.
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Die sich in privaten Händen befindliche einstige Kietzer Dorfschule gehört zu den wohltuenden Ausnahmen. Sicher, man sieht dem Gebäude den einstigen Zweck an. Dennoch könnten auch hier Hinweise auf die Geschichte des Hauses nicht schaden. Haben doch hier ganze Generationen das notwendige Rüstzeug für ihr späteres Leben erhalten.
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Eine Kietzer Schulklasse bei einem Ausflug vor einem Landschulheim ( Mitte der Sechziger Jahre)
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Die komplette Geschichte des ehemaligen Kulturhauses der Eisenbahner harrt ebenfalls noch  der Aufarbeitung.  Auch wenn das Gebäude zu den wenigen „Hinguckern“ in Küstrin-Kietz gehört.  Wäre es nach dem Willen der SED-Führung gegangen, dann hätte das Kulturhaus einzig und allein dem Ziel gedient, die Einwohner von (Küstrin)-Kietz zu sozialistischen Mustermenschen zu erziehen. Diese Versuche sind jedoch fehlgeschlagen. Dennoch identifizierten sich die Kietzer im Verlauf der Jahre  mit ihrem Kulturhaus. Auch zu DDR-Zeiten gab es in diesem Haus nicht nur  DDR-typische Pflichtveranstaltungen, , sondern viele bis heute unvergessliche, gemütliche Veranstaltungen und Feiern.

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Längst verwaist jedoch noch gut erhalten, ist auch dieses Gebäude. Zunächst residierte hier eine Kompanie der “ Deutschen Grenzpolizei“, später NVA-Grenze. Nach deren Auflösung diente der Komplex zu dem noch ein weiteres Kasernengebäude gehörte, der NVA als “ Bezirksversorgungslager“, Tarnname “ Festtag“.  Hinweistafel etc.-Fehlanzeige! Die Aufarbeitung der Geschichte der Grenzpolizei-Einheit und deren einstigen Rolle und Bedeutung in unserem Ort, steht noch ganz am Anfang.
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Diese Plattenbauten an der Oldenburger Straße wurden in den Fünfziger Jahren eigens für die auf dem Grenzbahnhof arbeitenden Eisenbahner und deren Familien erbaut. Nach der Wiedervereinigung standen diese Blöcke lange Zeit leer. Dank des Zuzugs polnischer Familien ist hier nun wieder Leben eingekehrt.
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Auf Wohnungen wie diese in der Kietzer Friedensstraße mussten Familien bis 1990 einige Jahre warten. Wer einzog, durfte sich glücklich schätzen. Gehörten doch Wohnungen zum Besten, was die DDR auf dem Lande ihrer Bevölkerung bieten konnten. Kaum jemand wusste oder ahnte, dass das Ministerium für Staatssicherheit die Mieter dieser Häuser argwöhnisch überwachte. Wegen der Nähe zur sowjetischen Kaserne und der damit verbundenen “ Spionagegefahr“.  Das MfS entschied sogar, wer hier einziehen durfte. So gesehen, sind auch diese zumeist leerstehenden Plattenbauten Exponate der DDR-Geschichte.

Das sind nur einige „Exponate“, die ich an dieser Stelle vorstellen wollte. Diese Aufzählung kann noch beliebig ergänzt werden. Küstrin-Kietz ist, ohne zu Übertreiben, ein El Dorado für Historiker. Egal ob Profis oder „Geschichtsfreunde ehrenhalber“. Die Geschichte und Geschichten rund um unseren Ort haben die hier lebenden Menschen geschrieben. Sie sind es wert, dass diese Geschichte und Geschichten der Nachwelt erhalten. Vielleicht kommt ja einmal die Zeit, in der diese Erinnerungen an einem zentralen Ort aufbewahrt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden? Egal ob diese Einrichtung dann Museum oder “ nur“ Heimatstube genannt wird-verdient hätten die Kietzer die Bewahrung ihrer besonderen Geschichte auf jeden Fall!

Uwe Bräuning

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Autor:

Ich lebe seit über fünfzig Jahren im Oderbruch. Seitdem ich denken kann, interessiere ich mich für die Geschichte aber auch für die Gegenwart und Zukunft dieser einzigartigen Region, im äußersten Osten Deutschlands. So weit es mir möglich ist, möchte ich die reichhaltige Geschichte erforschen, aufschreiben um diese für die Nachtwelt zu erhalten. Zur Geschichte gehört ausdrücklich, auch das selbst erlebte, unser eigenes Leben. Eine weitere Leidenschaft von mir ist die Erforschung und der Erhalt der Natur meiner Heimat. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, dem können die immer deutlicher zu Tage tretenden Umweltschäden nicht verborgen bleiben. Schäden die wir alle zu verantworten haben. Schäden, die jedoch oftmals verhindert werden könnten. Naturschutz geht uns alle an! Wir alle, vor allem aber unsere Nachkommen werden davon profitieren. Leider ist zurzeit um den Naturschutz, aus verschiedenen Gründen, im Oderbruch nicht gut bestellt. Einige Aspekte werden als "Gängelei" empfunden oder einfach nur falsch verstanden. Gleichgültigkeit und Unkenntnis spielen eine weitere, nicht unerhebliche Rolle. Dazu kommt, dass die im Oderbruch stark vertretene " Bauern-Lobby" offenbar durch den Naturschutz finanzielle Einbussen befürchtet und gegen geplante Naturschutzmaßnahmen polemisiert. Obwohl gerade die Landwirte eigentlich kein gestörtes Verhältnis zur Natur haben sollten. Hier ist Aufklärung gefragt! Damit nicht noch der letzte Rest Natur im Oderbruch in trockenes staubiges Ackerland umgewandelt wird.

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