Das verhängnisvolle „Küstrin-Bild“ der Nazis und die Umbenennung von Küstrin-Kietz im Jahr 1954 – Der Versuch einer Erklärung.

Zur Verstümmelung des Ortsnamens Küstrin-Kietz in, zunächst Friedensfelde, und später in Kietz, ist bereits einiges geschrieben worden. Auf Grund der spärlichen Quellenlage und dem “ mangelnden Erinnerungsvermögen“ einiger Zeitzeugen, musste bislang vieles im Unklaren bleiben. Einig sind sich die Forscher zu Recht in der Feststellung, dass die damalige Namensänderung jeglichen  demokratischen Spielregeln zuwider lief. Die Umbenennung und die damit verbundene „Tilgung“ des Namens Küstrin basierte auf ideologisch begründeten Vorbehalten.

Umbenennung in Friedensfelde 031954
eines der wenigen erhalten gebliebenen Dokumente zur Umbenennung von Küstrin-Kietz, im März 1954

Alles richtig! Wer aber die Geschichte sachlich und vernünftig, ohne „Schaum vor dem Mund“ aufarbeiten möchte, kommt nicht daran beide Seiten der Medaille zu betrachten. Dazu  gehört jedoch mehr, als ständig Metaphern wie “ kommunistischer Willkür“, “ Hass auf alles preußische“, oder “ Geschichtslose Gesellen“ nachzuplappern. Denn, wie so vieles im Leben, hat auch der für viele Einwohner unseres Ortes so schmerzliche Märztag des Jahres 1954 eine Vorgeschichte. Die, bei oberflächlicher Betrachtung, heute so unverständliche Abneigung gegen den Namen Küstrin kam durchaus nicht von ungefähr.  Vor kurzem fand ich durch Zufall im Internet einen von Hermann Körner verfassten, 1942 im Königsberger Kreiskalender unter dem Titel “ Vergangenheit weist in die Zukunft“  veröffentlichen Aufsatz.

Zum besseren Verständnis- Der aus dem Herzogtum Lauenburg stammende Körner agierte von 1939 bis 1945 als Bürgermeister im Küstriner Rathaus. Darüber hinaus stand Körner auch zeitweise der NSDAP-Kreisleitung des damaligen Kreises Königsberg ( Neumark) vor. Vorhandene Zeitzeugenberichte zeichnen von dem Mann des Bild eines „Nazis reinsten Wassers“. Wobei ihm mit einer anderen politischen Haltung in der NS-Zeit wohl kaum das Amt eines Bürgermeisters zur Verfügung gestanden hätte.

Bekanntlich hatten Typen wie Körner zwischen 1933 und 1945 so manchen haarsträubenden Unsinn von sich gegeben.  Fatal jedoch, dass dieser Unsinn damals von allzu vielen geglaubt und bejubelt wurde. Schauen wir uns doch einmal den seinerzeit von ihm verfassten Aufsatz über „seine“ Stadt Küstrin an. Körner ließ sich darin über die nationalsozialistische Verwaltungsarbeit aus.  Dabei ging er immer wieder auf die Vergangenheit Küstrins ein. Dabei zog er immer wieder Parallelen zur Gegenwart des Jahres 1942.  So als stellte diese gewissermaßen den idealen Abschluss einer über die Jahrhunderte andauernden Entwicklung dar.

Die nachfolgenden Zitate aus dem Aufsatz dürften das Küstrin-Bild nach dem Zweiten Weltkrieg bei einigen durchaus negativ beeinflusst und zu solchen Entscheidungen wie 1954 geschehen, geführt haben:

– Es ist heiliger deutscher Boden, auf dem Küstrin steht. Aber auch Ereignisse späterer Jahrhunderte haben den Namen dieser Stadt für Deutschland einen Begriff werden lassen.  In Küstrin war der Anfang des Weges, der in Potsdam endete. Potsdam war die Vollendung, aber in Küstrin liegt der Ursprung. –    

1954 hatten die Menschen, nicht nur aber besonders in unserer Heimat, noch deutlich vor Augen, wo dieser Weg, der laut Körner seinen Ursprung in Küstrin nahm, tatsächlich endete-in Elend, Tod und Zerstörung.

Hermann Körner lieferte noch weitere, bezeichnende „Stilblüten“:

–  Diesem Geist ist Küstrin immer treu geblieben. Auch aus späteren Generationen sind aus Küstrin große Soldaten hervorgegangen. Die Geburtshäuser des Großadmirals von Tirpitz , des Schöpfers der deutschen Flotte, und des im jetzigen Krieg bekannt gewordenen Generalfeldmarschall von Bock stehen in Küstrin. Der Geist all dieser großen Männer ist hier in Küstrin erhalten geblieben und hat sich verpflichtend den Küstriner Menschen auferlegt.  In dieser Stadt lebt heute noch der Geist der als unzerstörbares Erbe unsere Nation trägt: Der heilige Begriff des Preußentums-

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Küstrin-Altstadt im Sommer 2017-Vom Glanz vergangener Tage sind nur Trümmer geblieben. „Dank des preußischen Geistes“!

–  Küstrin war der Ausgangspunkt der Mark Brandenburg. Der preußische Geist, der in dieser Stadt seinen Ausgang nahm, ließ das Preußen Friedrich des Großen erstehen. Aus Preußen erwuchs der Staat Bismarcks, und heute sind wir dankbar, dass wir, als die Nachkommen des preußischen Volkes eines Friedrich des Großen, unter Führung Adolf Hitlers mithelfen dürfen, das Werk zu vollenden. – 

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Küstrin-Altstadt im Sommer 2017-Bilder wie diese sagen mehr als tausend Worte!

Abgesehen davon, dass sich Friedrich der Große wahrscheinlich bei dem Gedanken an die Art und Weise wie die Nazis ausgerechnet sein Werk vollenden wollten, im Grab umgedreht hätte, werfen die Ergüsse des damaligen Bürgermeisters von Küstrin einen fatalen Eindruck von dem Selbstbildnis der Stadt Küstrin während der NS-Zeit.  Ich befürchte, dass dieses von Körner und anderen überzeugten Nazis entworfene „Küstrin-Bild“  in der Bevölkerung durchaus Anklang fand. Bis zum bitteren Ende. Für die Stadt Küstrin. Nicht jedoch für Hermann Körner. Dieser durfte von 1951 bis 1971 in Reinbek bei Hamburg seine Karriere als Bürgermeister unbeschadet fortsetzen. Ehe er in den „verdienten“ Ruhestand ging.  Mir ist nicht bekannt, dass sich darüber bisher jemand aufgeregt hat.  Aber das nur nebenbei.

In eine ähnlich pathetische Kerbe wie Körner schlug ein gewisser Emil Diehl, seinerzeit Kulturreferent der Stadt Küstrin. Diehl sah in Küstrin einen Vorposten “ zur Sicherung des deutschen Ostens“.  Gegen, O-Ton Diehl , “ destruktive Völker aus dem Osten“.

Auch in anderen Ausgaben der “ Königsberger Kreiskalender“ finden sich vermehrt Hinweise auf die Vereinnahmung  der Geschichte der Stadt Küstrin durch die Nazis. Neben schriftlichen Beiträgen auch jede Menge Fotos von regelrechten Heeren von Hakenkreuzfahnen, begeistert den rechten Arm in die Höhe reckenden Menschen und Paraden. Immer wieder wurden die Verantwortlichen nicht müde, dass “ traditionell gute Verhältnis“ zwischen Bevölkerung und Wehrmacht zu bemühen. Ähnliche Bestrebungen und Fotos dürfte es auch vielen anderen deutschen Städten gegeben haben. Aber kaum eine andere Stadt überhöhte sich derart oft als “ Keimzelle des Preußentums“ und damit der “ Nationalsozialistischen Bewegung“ als Küstrin.

Auch wenn diese Überhöhungen keiner seriösen historischen Betrachtung standhalten, hatten sie letztendlich dazu geführt, dass der Name der Stadt Küstrin in der DDR bis zuletzt kaum genannt werden durfte.  Und das es zu solchen Geschehnissen wie der Umbenennung von Küstrin-Kietz, im März 1954, gekommen ist. Faire Geschichtsbetrachtung und  blinder ideologischer Eifer schließen einander aus. Damals wie heute!

Uwe Bräuning

 

 

 

 

 

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Autor:

Ich lebe seit über fünfzig Jahren im Oderbruch. Seitdem ich denken kann, interessiere ich mich für die Geschichte aber auch für die Gegenwart und Zukunft dieser einzigartigen Region, im äußersten Osten Deutschlands. So weit es mir möglich ist, möchte ich die reichhaltige Geschichte erforschen, aufschreiben um diese für die Nachtwelt zu erhalten. Zur Geschichte gehört ausdrücklich, auch das selbst erlebte, unser eigenes Leben. Eine weitere Leidenschaft von mir ist die Erforschung und der Erhalt der Natur meiner Heimat. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, dem können die immer deutlicher zu Tage tretenden Umweltschäden nicht verborgen bleiben. Schäden die wir alle zu verantworten haben. Schäden, die jedoch oftmals verhindert werden könnten. Naturschutz geht uns alle an! Wir alle, vor allem aber unsere Nachkommen werden davon profitieren. Leider ist zurzeit um den Naturschutz, aus verschiedenen Gründen, im Oderbruch nicht gut bestellt. Einige Aspekte werden als "Gängelei" empfunden oder einfach nur falsch verstanden. Gleichgültigkeit und Unkenntnis spielen eine weitere, nicht unerhebliche Rolle. Dazu kommt, dass die im Oderbruch stark vertretene " Bauern-Lobby" offenbar durch den Naturschutz finanzielle Einbussen befürchtet und gegen geplante Naturschutzmaßnahmen polemisiert. Obwohl gerade die Landwirte eigentlich kein gestörtes Verhältnis zur Natur haben sollten. Hier ist Aufklärung gefragt! Damit nicht noch der letzte Rest Natur im Oderbruch in trockenes staubiges Ackerland umgewandelt wird.

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