Das kurze Intermezzo der “ I. Brandenburgischen VP-Bereitschaft“ in Küstrin-Kietz

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Die frühere Artilleriekaserne diente für fünf Monate der I.VP-Bereitschaft Brandenburg, als Quartier

Die Stadt Küstrin diente nicht nur jahrhundertelang als Garnisonsstadt, sie galt darüber hinaus auch als „ Wiege des brandenburgisch-preußischen Militärs“. Nach 1945, Angesichts der immensen Folgen des Zweiten Weltkriegs, unter anderem auch für Küstrin selbst, sollte nun alles anders werden. Militarismus und Krieg sollten im Bewusstsein der Völker fortan keine Rolle mehr spielen.

Leider hielten die guten Vorsätze nicht lange an. Bald schon standen sich die Sowjetunion und die USA, vor kurzem noch Verbündete und Sieger gegen Hitlerdeutschland, als Feinde gegenüber. Europa, vor allem Deutschland, erlebte die Teilung in verschiedene Machtblöcke. Das kurzzeitig in Misskredit geratene Militär feierte seine Wiederkehr. Wenn auch nicht immer unter den Augen der Öffentlichkeit. Schon gar nicht in der deutschen Ostzone bzw. der späteren DDR. Die bekanntlich für sich den Anspruch erhob ein „ Hort des Friedens“ zu sein.

Wie weit Anspruch und Wirklichkeit auch in dieser Hinsicht auseinander klafften, zeigt das nachfolgend geschilderte Beispiel von Küstrin-Kietz:

Die Geschichte nahm ihren Anfang im September 1949 in dem beschaulichen Städtchen Großenhain. Dem Standort der III. Volkspolizeibereitschaft Sachsen. Einer in erster Linie militärisch ausgerichteten Formation.

Zu den Angehörigen dieser Truppe gehörte auch der damals Neunzehnjährige, aus Leipzig stammende Heini Fritsche. Der junge Mann hatte sich dem Rat seines Onkels, eines altgedienten Polizisten, folgend, freiwillig zur Volkspolizei gemeldet. Vordergründig, um eine Arbeitsverpflichtung bei der Wismut im Erzgebirge zu entgehen. In Wahrheit faszinierte der Polizeiberuf Heini Fritsche schon sehr früh. Weitaus weniger begeisterte ihn dagegen die Politik in der damaligen Ostzone. „ Man kann auch in einer Diktatur ein guter Polizist sein“, zerstreute der Onkel seine Zweifel bezüglich eines Eintritts in die Reihen der Volkspolizei.

Ob der in der NS-Zeit als Polizeibeamter aktive Onkel mit diesem Ratschlag nur sein eigenes Gewissen beruhigen wollte, ist nicht überliefert . Denn ein Polizist hat es gewöhnlich nicht immer in der Hand, zu welchen Zwecken er während seiner Dienstzeit eingesetzt wird.

Für die erste Ernüchterung sorgte der Kasernenalltag in Großenhain. Der so gar nichts mit dem spannenden und abwechslungsreichen Leben eines Polizisten zu tun hatte. Immerhin konnte Fritsche dem stupiden Drill bereits nach einer dreiwöchigen Ausbildung entrinnen. Den Offizieren war seine Fähigkeit sich in Wort und Schrift sehr gut ausdrücken zu können, aufgefallen. Statt im Gelände oder auf dem Kasernenhof, fand sich Fritsche in der Personalstelle, im Stab der Bereitschaft wieder.

Die Idylle sollte jedoch nicht lange anhalten. Gerüchte um eine Verlagerung des Standortes an einen fernen Ort, machten die Runde. Es dauerte nicht lange, bis aus den Gerüchten Gewissheit wurde Abgesandte Vorauseinheiten sollten den neuen Standort erkunden und die Einquartierung vorbereiten helfen. Mit Ausnahme dieser Vorauseinheiten erfuhr noch niemand wohin die Reise gehen sollten. Obwohl zu strengsten Stillschweigen verpflichtet, sorgten Angehörige der Vorauseinheiten bei der Rückkehr von den Einsätzen immer wieder für Unruhe unter den übrigen Volkspolizisten: „ Der neue Standort liegt weit im Nordosten. Direkt an der neuen polnischen Grenze. In einem vom Krieg fast völlig zerstörten Ort. Dort steht kein Stein mehr auf den anderen. Das Wasser in den Brunnen ist ungenießbar, weil dort noch immer die Reste toter Soldaten schwimmen.“

Am 30.09. 1949, wenige Tage vor dem Gründungstag der DDR, erfuhren die Angehörigen der III. Volkspolizeibereitschaft Sachsen, im Rahmen eines feierlichen Appells, offiziell von der unmittelbar bevor stehenden Verlegung der gesamten Einheit an einen anderen, noch immer namentlich nicht genannten Standort. Und der nunmehrigen Unterstellung unter die im Ostteil Berlins angesiedelte „ Hauptverwaltung Ausbildung“. Für die Zukunft der zumeist jungen Volkspolizisten eine wichtige Mitteilung, deren Bedeutung sich die meisten von ihnen in jenem Moment nicht im klaren sein konnten.

Die Geheimniskrämerei um den neuen Standort erscheint aus heutiger Sicht verwunderlich. An Hand freigegebener Akten der CIA lässt sich belegen, dass der amerikanische Geheimdienst von Anfang an über die Verlegung der VP-bereitschaft Bescheid wusste. Anders als das Gros der Polizisten, kannte die CIA auch den Namen des künftigen Standortes: Küstrin-Kietz. Konkret die eigentlich im früheren Stadtteil „Altstadt“ befindliche, ehemalige Artilleriekaserne. Die in Folge der Westverschiebung Polens und des damit verbundenen Verlustes der östlich der Oder gelegenen Stadtteile, nun zu Küstrin-Kietz gehörte. Wie sich später herausstellen sollte, besaßen sowohl die CIA als auch der Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes, der „ Organisation Gehlen“, in Küstrin-Kietz ein beachtliches Netz an Informanten. Das erst Mitte der Fünfziger Jahre von der Staatssicherheit gesprengt werden konnte.

Wirklich geheim konnte die baldige Neubelegung der Artilleriekaserne ohnehin nicht bleiben. Waren doch vor der Ankunft der Truppe umfangreiche Reparatur und Instandsetzungsarbeiten an den im Krieg schwer beschädigten Gebäuden notwendig. Für deren Ausführung zeichnete sich die „Märkische Bauunion“ verantwortlich. Die Bauarbeiten blieben natürlich der Bevölkerung, die zumeist noch in Ställen, Ruinen und selbst in Erdlöchern hauste, nicht verborgen. Bei dem daraus entstehenden Unmut erscheint es kaum verwunderlich, dass es den westlichen Geheimdienste nicht sonderlich schwer fiel unter Bevölkerung Agenten zu rekrutieren.

Am späten Abend des 01. Oktober 1949 setzte sich die aus einem grauen Band von Lastwagen bestehende Fahrzeugkolonne von Großenhain aus in Bewegung. Immer in Richtung Norden. Müllrose ist der erste an der damaligen Fahrstrecke liegende Ort, an den sich Heini Fritsche heute nach so vielen Jahren noch erinnern kann.

Irgendwann, in den frühen Morgenstunden des 02. Oktober 1949, dem 20.Geburtstag von Heini Fritsche, erreichte der Konvoi das Eingangstor der Artilleriekaserne.

Ein übernächtigter Posten in VP-Uniform öffnete das Tor. Nachdem die Kolonne den Kasernenhof erreicht hatte, begann ein wohl jedem ehemaligen Wehrpflichtigen bekannt vorkommendes Prozedere:

Begleitet von lauten Kommandorufen, todmüde und frierend, quälten sich die Männer von den Fahrzeugen. Verhalten sondierten sie ihre alles anderem als einladend wirkende „ neue Heimat. In den kommenden Stunden wurden die Ankömmlinge auf die jeweiligen, überwiegend aus Baracken bestehenden Unterkünfte aufgeteilt.

Zur selben Zeit trafen auch die Arbeiter der „ Märkischen Bauunion“ an ihrer Arbeitsstelle ein. Die Polizisten erlebten hautnah das Wiedererstehen der alten kaiserlichen Kaserne, die bis 1945 den Namen eines Generals von Lotterer trug, mit. Noch glaubte die Mehrheit der Arbeiter, dass sie es mit einer normalen Polizeitruppe zu tun hatten. Deren zahlenmäßig hohe Anzahl mit der Staatsgrenze erklärt wurde. Bald sollte jedoch ein unvorhergesehenes  Ereignis diese Illusion brutal zerstören.

 

Währenddessen versuchten die Neuankömmlinge aus Großenhain sich an ihrem neuen Standort zurecht zu finden. Erst jetzt erfuhren die Männer den Namen des Ortes, der Ihnen für die nächste Zeit die Heimat ersetzen sollte. Trüb und träge floss der Oderstrom unweit der Kaserne vorbei. Am anderen Ufer, wo sich die Wälle der ehemaligen Festung Küstrin wie ein Relikt aus vergangenen Tagen erhoben, patrouillierten polnische Grenzsoldaten. Kontakte zur anderen Seite gab es nicht. Die vielbeschworene Völkerfreundschaft bestand auch hier lediglich auf dem Papier.

Angesicht der beklemmenden Zustände fiel es den Polizisten schwer, sich mit ihrem neuen Standort anzufreunden. Küstrin-Kietz lag bekanntlich noch in Trümmern. Dafür entwickelte sich eine Gaststätte im benachbarten Manschnow zum Hauptziel der Uniformierten. Vor allem Samstags. Wenn im Saal Gaststätte, bei der es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um die an der B 1 gelegenen Gaststätte „ Zur Linde“ handelte, zum Tanz aufgespielt wurde. Einer der Polizisten, der spätere langjährige Bürgermeister von Gorgast ,Hans Babatz, lernte dabei übrigens seine Ehefrau kennen. Ansonsten verhielt sich die einheimische Bevölkerung gegenüber den Fremden in Uniform eher zurückhaltend. Anders als früher, genoß das Militär in Küstrin-Kietz und Umgebung kein hohes Ansehen mehr. Während überall in den Dörfern viele Menschen noch immer in Ruinen oder notdürftig zusammengeflickten Häusern lebten, wurden die vorhandenen Baukapazitäten eigens für die neue Garnison auf der Oderinsel eingesetzt. Kohle und anderes Brennmaterial, anderswo absolute Mangelware, stand den Volkspolizisten in ausreichender Menge zur Verfügung. Diese Ungleichbehandlung schürte zusätzlich den Unmut gegen die Volkspolizei. Deren Angehörige ohnehin als Repräsentanten des ungeliebten Sowjetregimes galten.

Die vormalige III. Sächsische VP-Bereitschaft firmierte nach ihrer Ankunft in Küstrin-Kietz fortan unter der Bezeichnung 1. VP-Bereitschaft Brandenburg, „ Kategorie B“. Hinter den einzelnen Kategorien verbargen sich die jeweiligen Waffengattungen. Der Buchstabe B stand in diesem Fall für Artillerie.

An der Spitze der in Küstrin-Kietz stationierten Einheit standen VP-Oberrat Heinz Steuer, VP-Rat Gomoll, VP-Rat Kung und VP-Oberrat Gewod. Zumindest offiziell. Denn im Hintergrund hielt in der Artilleriekaserne jemand anderes die Fäden in der Hand : der Verbindungsoffizier zum sowjetischen Militärgeheimdienst „GRU“. Ein ungefähr fünfundzwanzigjähriger, 1, 65 m großer, dunkelhaarige Oberleutnant, der sich Michailow nannte. Ob er tatsächlich Michailow hieß, ist nicht überliefert. Möglicherweise handelte es sich dabei lediglich, wie in Geheimdienstkreisen üblich, um einen Decknamen.

Wie dem auch sei- Oberleutnant Michailow avancierte bald schon zum Schrecken der gesamten Kaserne. Zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehörte es, in den Nächten, verborgen hinter Trümmerbergen oder in einem Gebüsch, die Wachposten zu belauern. Immer wieder geschah es, dass Michailow einen vor sich hin dösenden unaufmerksamen Posten hinterrücks überwältigte. Anschließend fand sich der überrumpelte Polizist für einige Tage im Arrest wieder. Gefahr drohte den Wachposten jedoch noch von einer ganz anderen Seite. Mehr als einmal kam es vor, dass die in Odernähe patrouillierenden VP-Angehörigen vom gegenüberliegenden Oderufer aus, von polnischen Grenzsoldaten beschossen wurden. Über die Motive für die Handlungsweise der Polen ist nichts bekannt. Man kann jedoch davon ausgehen, dass auch später noch in der Propaganda oft beschworene Völkerfreundschaft ebenso oft nur auf dem Papier bestand. Allzu frisch waren noch die gerade von Deutschen dem polnischen Volk geschlagenen Wunden. Nach solchen Vorkommnissen eilte Oberleutnant Michailow jedes Mal wutentbrannt über die Oderbrücke zur polnischen Militärkommandantur nach Kostrzyn, um die dortigen Offiziere lautstark an ihre Pflichten zu erinnern. Zähneknirschend gehorchten die Polen dem cholerischen Oberleutnant in der erdbraunen Uniform. Wohl wissend, das auf beiden Seiten der Oder in erster Linie die Sowjets, nicht jedoch Polen oder Deutsche, das Sagen hatten.

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Die Festung Küstrin-Von hier aus nahmen polnische Grenzposten zuweilen die am hiesigen Oderufer patrouillierenden Volkspolizisten unter Beschuss. Ein verschwiegenes Kapitel der Geschichte der “ Oder-Neiße-Friedensgrenze“.

Die Anwesenheit der zukünftigen Artillerieeinheit in Küstrin-Kietz stand von vornherein unter keinem guten Stern. Ende Oktober 1949 sollten aus dem Zentralen Versorgungslager Minenwerfer aus sowjetischer und Feldhaubitzen aus deutscher Produktion in die Kaserne gebracht werden. Um den Transport vor der Bevölkerung und nicht zuletzt den Arbeitern der „ Märkischen Bauunion“ gegenüber geheim zu halten, sollte der Transport in den Nachtstunden erfolgen. Unterwegs erlitt eines der Fahrzeuge eine Panne. Notdürftig repariert, traf der LKW zusammen mit den anderen Fahrzeugen erst am Vormittag in Küstrin-Kietz ein. Der Anblick der Kriegswaffen löste unter den Arbeitern sofort heftige Proteste aus. „ Ihr wollt hier also schon wieder Krieg spielen?“ Diese und andere wütende Fragen schlugen den Polizisten entgegen. Dabei fühlten sich zumindest die Mannschaften selbst betrogen. Auf diese Art und Weise erfuhren sie zum ersten Mal von ihrem künftigen Verwendungszweck als Artilleristen. So unglaublich das auch klingen mag!

Noch am selben Tag setzten unbekannt gebliebene Täter im Keller eines der Kasernengebäude einen dort befindlichen Kohlenstapel in Brand. Zu den mit der Aufklärung des Brandanschlag beauftragten Offizieren gehörte auch der spätere MfS-Generals und Büro-Leiter Erich Mielkes, Hans Carlsson.

Die Ermittler stießen jedoch auf eine Mauer des Schweigens. Nach einigen Wochen mussten sie ihre Untersuchungen ergebnislos einstellen. Eine in jeder Hinsicht herbe Niederlage für die „Hauptverwaltung Ausbildung“. Nicht allein eines nicht aufgeklärten Verbrechens wegen. Viel schlimmer wog der Umstand, dass die Tarnung als „ einfache Polizeitruppe“ gegenüber der Bevölkerung und dem „ Westen“ nun nicht mehr länger aufrecht erhalten werden konnte. Zudem löste der Vorfall tiefes Mißtrauen aus. Theoretisch konnten die Täter sowohl aus den Reihen der Kietzer Bevölkerung, der Arbeiter der „ Märkischen Bauunion“ und den in der Kaserne stationierten Volkspolizisten stammen. Der „ Generalverdacht“ verstärkte das ohnhein vorhandene Mißtrauen der Führung noch zusätzlich.

Auch sonst stand die Anwesenheit der „ Volkspolizei-Artillerie“ in Küstrin-Kietz unter keinem guten Stern. Die Einheit verfügte nun zwar über geeignete Bewaffnung. Aber was nutzt die beste Bewaffnung, wenn die dazu vorgesehenen Bedienungen damit nicht trainieren dürfen? Beinahe täglich ereigneten sich in und um Küstrin-Kietz schwere, ja sogar tödliche Unfälle durch im Boden verborgene Fundmunition. Selbst das südlich der Kaserne gelegene, bereits von den Truppen Kaiser Wilhelms genutzte Übungsareal, erwies sich in jeder Hinsicht buchstäblich als „ vermintes Gelände“. Kurz um-die Kanonen blieben in den Garagen!

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ehemalige Fahrzeughallen auf dem Gelände der Artilleriekaserne

Ausbildung fand zunächst lediglich auf dem Kasernenhof statt. Wie nun mittlerweile seit fast einem halben Jahrhundert, hallte das Getrappel unzähliger Stiefel von den Gebäuden der Artilleriekaserne wieder. Marschgesänge wurden immer und immer wieder geprobt. Statt vom schönen Westerwald und dem Mädchen Lore, sangen die Rekruten nun Lieder der kommunistischen „ Agit-Prop-Bewegung“. Angestimmt von zumeist aus der Wehrmacht übernommenen Ausbildern. Ein als „ Spieß“ eingesetzer VP-Meister hatte die selbe Funktion bis 1945 hier in der Artilleriekaserne ausgeübt. Ja, auch die DDR konnte und wollte beim Aufbau ihrer Streitkräfte nicht völlig auf die Erfahrungen früherer Wehrmachtskader verzichten!

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Der ehemalige Kasernenhof. Hier fand die provisorische Ausbildung der Volkspolizisten statt.

Ungeachtet der ungünstigen Bedingungen erfolgte noch 1949 eine Aufstockung des Personals von zunächst 250 Mann auf eine Ist-stärkt von 781. Laut Heini Fritsche stammte ein Großteil der neuen Mannschaften aus den nun zu Polen gehörenden früheren Deutschen Ostgebieten. Viele von ihnen wiesen erschreckende intellektuelle Defizite auf.

Folgenlos blieben diese Defizite jedoch nicht. In Küstrin-Kietz musste zwar notgedrungen auf die praktische, nicht jedoch auf die theoretische Artillerieausbildung verzichtet werden. Diese betrug 16 Stunden, in denen Menschen mit wenigen Jahren Volksschulbildung, unter anderem durch „ qualifiziertes Rechnen“, zu Richtkanonieren ausgebildet werden sollten.

Als Folge der ständigen Überforderung traten gehäuft regelrechte Nervenzusammenbrüche unter den Polizisten auf. Andere suchten ihr Heil in der Flucht. Statt die Ausbildung dem individuellen Können der Mannschaften anzupassen, oder Defizite durch geeignete Maßnahmen abzustellen, reagierte die militärische Führung mit unangemessener Härte und politischen Worthülsen.

Die politische Indoktrination spielte in jenen Tagen in der Artilleriekaserne von Küstrin-Kietz auch sonst eine große Rolle. So erschien eines Tages ein Abgesandter der Hauptverwaltung Ausbildung“, aus Berlin um vor den angetretenen Volkspolizisten eine in jeder Hinsicht „ merkwürdige“ Rede zu halten.

Dem Offizier ging es darum die Anwesenden in „ flammenden Worten“ auf vermeintlich bevorstehende künftige bewaffnete Auseinandersetzungen vorzubereiten. Seine Stimme überschlug sich beinahe, als er von der Bedrohung durch das „ Adenauerregime“ sprach. Die Tiraden gipfelten in der Ankündigung, „dass die Zuhörer in wenigen Monaten in Köln, Stuttgart oder Hamburg stehen würden, um die dortigen Arbeiterklasse zu befreien.“

Stand den Deutschen 1949 /50 ein Bruderkrieg bevor? Einige gingen offenbar fest davon aus. Bemerkenswert, dass ausgerechnet die DDR entgegen späteren Behauptungen, intern eine durchaus aggressive Rhetorik pflegte.

Eine Rhetorik, die durchaus nicht bei jedem die gewünschte Wirkung erzielte. Heini Fritsche ging mehr und mehr auf Distanz zum herrschenden Regime. Um nicht selbst tatenlos in einen deutsch -deutschen Bruderkrieg hineingezogen zu werden, fasste er den Entschluss, bei der nächsten Fahrt in den Heimaturlaub, in Berlin einen Zwischenstopp einzulegen. Dort wollten er dann den im Westteil der Stadt gelegenen Sender „ RIAS“ aufsuchen und über die bedenkliche Entwicklung in der DDR berichten. Dabei verdrängten sie das buchstäblich tödliche Risiko, dass dieser mehr als gewagten Aktion anhing. Auf den Verrat militärischer Geheimnisse standen viele Jahre Zuchthaus.

Fritsche ging Wagnis dennoch ein. Zielstrebig begab sich der junge Mann zum Sendehaus des RIAS. Um nicht als Volkspolizist erkennbar zu sein, trug er einen Kradmeldermantel aus den Beständen der Wehrmacht. Damals ein durchaus modernes Bekleidungsstück. Die Rangabzeichen hatte er zuvor entfernt und die Mütze in der Tasche versteckt.

Hans-Peter Herz empfing den Besucher aus der „Zone“ gemeinsam mit seinem ebenfalls als Moderator tätigen Vater. Fritsche machte aus seinem Herzen keine Mördergrube. Haarklein berichtete er den Radiomännern von den Zuständen in Küstrin-Kietz, dem Propagandarummel und der getarnten Aufrüstung. Jeder einzelne Satz erfüllte den Tatbestand des „ Militärischen Geheimnisverrates“. Fritsche betonte jedoch gegenüber den Moderatoren, dass er für diese Informantionen keinerlei Belohnungen verlangt. Er wolle auch nicht mit einem westlichen Geheimdienst in Kontakt treten. Ihm ginge es einzig und allein darum, dass diese Umstände den verantwortlichen Stellen in Westberlin und der Bundesrepublik, ohne Quellenangabe, zur Einleitung entsprechender Maßnahmen bekannt werden.

Herz vereinbarte zum Abschied mit den Polizisten weitere Treffen. Er entließ sie nicht ohne an ihre Vorsicht zu appellieren. Die Männer hatten ihm wervolle, zum Teil brisante Informationen geliefert. Dessen war sich der Radio-Moderator sehr wohl bewusst. Er wollte die beiden noch blutjungen Männer auch keinen unnötigen Gefahren aussetzen. Schließlich war das von ihnen eingegange Risiko bereits hoch genug.

Nach dem zweiten Besuch beim RIAS bestellte Oberleutnant Michailow Heini Fritsche zu sich. Mit vor Schreck weichen Knien begab sich der junge Polizist in das normalerweise von allen gemiedene Dienstzimmer des sowjetischen Offiziers. Waren er und sein Freund Pohl aufgeflogen?

Michailow erwartete ihn mit lächelndem Gesicht. Die zur Schau getragene Freundlichkeit trog jedoch. Als gelernter Geheimdienstler konnte der selbst noch junge Oberleutnant seine wahren Gefühle für andere unsichtbar, verbergen.

Danke, dass du so schnell gekommen bist. Setzt dich doch, Genosse Fritsche“, empfing er den Volkspolizisten. Zu seinem Erstaunen hörte dieser aus dem Mund des Oberleutnants, regelrechte Lobeshymnen auf seine Person. Fritsche, der über während der Schulzeit erworbene Russischkenntnisse verfügte, hatte den Offizier nach entsprechender Anforderung in der Vergangenenheit einige Male bei Schreibarbeiten gute Dienste geleistet. Wollte ihm Michailow lediglich seinen Dank aussprechen?

Nein. Ehe er „ die Katze aus dem Sack ließ“, kam der Offizier auf die „ politische Weltlage“ zu sprechen. Die er in den „ schwärzesten Farben malte“. Die „ notwendigen Abwehrmaßnahmen des Sozialismus“ ansprechend, näherte sich Michailow endgültig dem eigentlichen Ziel. „ Genosse Fritsche, dir wird sicher nicht entgangen sein, dass es um die Stimmung in der Truppe nicht zum besten bestellt ist. Unter den Mannschaften gibt es einige Unruhestifter und Hetzer. Wir müssen sie im Auge behalten. Und du wirst mir dabei helfen, in dem du regelmäßig detaillierte Stimmungsberichte verfasst.“

Mit diesem „ unmoralischen Angebot“ hatte Fritsche nicht gerechnet. Standhaft weigerte er sich dem Ansinnen Folge zu leisten. „ Der größte Lump im ganzen Land, dass ist der Denunziant“, erwiderte er mit zitternder Stimme.

Michailows aufgesetzte Freundlichkeit verschwand auf einen Schlag: „ Das ist eine bourgeoise Haltung“, brüllte er den Wachtmeister, hochrot vor Zorn an. „ Du wirst diesen Auftrag ausführen. Keine Widerrede! Ich werde dir jetzt eine Verpflichtungserklärung diktieren. Diesen Auftrag kannst du nicht ablehnen. Dazu weißt du bereits zu viel! Im Fall einer Weigerung wird das nicht ohne Konsequenzen bleiben. Weder für dich, noch für deine Familie daheim in Leipzig. Dir sind mindestens zehn Jahre Zuchthaus sicher. Für deine Familie werden wir dann auch entsprechende Maßnahmen ergreifen.“

Die wütenden Drohungen verfehlten ihre Wirkung nicht. Eingeschüchtert unterzeichnete Fritsche die geforderte Verpflichtungserklärung. „ Du kannst jetzt gehen“, sagte Oberleutnant Michailow, nun wieder um einiges freundlicher. „ In Kürze erwarte ich einen allgemeinen Bericht über die Stimmung in der Kaserne, auf meinem Schreibtisch.“

Vor Wut und Verzweiflung heulend, schloss sich Fritsche in seinem Dienstraum ein. Langsam kehrte die Fassung zurück. Nach einer Lösung aus dem Dilemma suchend, lief er im Zimmer auf und ab. Den Gedanken zu desertieren, verwarf er sofort wieder. Den Auftrag wie von Michailow gefordert auszuführen, widerstrebte ihm noch mehr.

Fritsch fand in Franz Pohl erneut einen guten Kameraden und Zuhörer. Dieser riet ihm, einen tatsächlich völlig allgemein gehaltenen Bericht zu verfassen. Als Ursache der vorherrschenden Mißstimmungen sollte die schlechte Unterbringung, Probleme bei der Ausbildung und die Unzufriedenheit über die zum Teil aus der faschistischen Wehrmacht stammenden Offiziere herhalten. Was ja genaugenommen auch der Wahrheit entsprach. Allerdings sollte in dem Bericht kein einziger Name auftauchen. Michailow durfte keine Handhabe bekommen, gegen irgend jemanden vorzugehen.

Ein gut gemeinter, letztendlich jedoch sehr naiver Ratschlag. Zunächst wartete Fritsche Michailows weiteres Verhalten ab. Aber schon nach wenigen Tagen mahnte der Oberleutnant in unmißverständlichem Tonfall den Erhalt des Berichtes an.

Zunächst folgte Fritsche beim Verfassen der Niederschrift dem Rat seines Kameraden. Dann fasste er einen sehr mutigen Entschluss: der Volkspolizist wollte sich selbst „ dekonspirieren“. Den gefertigten Bericht unterzeichnete er nicht wie in solchen Fällen üblich, mit einem Decknamen. Fritsche setzte zum Abschluss unter die Zeilen, für jedermann lesbar, seinen kompletten Klarnamen. Statt das Papier bei Michailow abzugeben, lies er es, wie zufällig, im Gedränge des Speiseraums, wie zufällig, auf den Boden fallen. Wer das Blatt fand, aufhob und las, der wusste sofort das Heini Fritsche als Informant für Michailow arbeitete. Da ein enttarnter Informant keinen Nutzen mehr darstellt, würde ihn Michailow künftig in Ruhe lassen.

Heini Fritsches Plan glich einer Rechnung mit vielen Unbekannten. Wer weiß, ob den zusammengeknüllten Zettel überhaupt jemand las. Zudem musste er damit rechnen, als „Spitzel“ und „ Kameradenschwein“, womöglich Schikanen anderer Mannschaftsdienstgrade ausgesetzt zu sein. All das erschien ihm jedoch weit weniger schlimm, als der Auftrag die eigenen „Genossen“ auszukundschaften.

Zu seiner Überraschung ging der Plan auf: Zunächst landete der Bericht eine Stunde später auf dem Schreibtisch des Leiters der Bereitschaft, VP-Rat Kunz. Der „Autor“ konnte mühelos festgestellt werden. „ Schickt mir sofort den Genossen Fritsche zu mir“, brüllte der Offizier über den Flur. Kurz darauf stand der Wachtmeister mit zerknirschter Mine vor seinem Kommandeur. „ Was hat dieser Wisch zu bedeuten? Sind Sie von allen guten Geistern verlassen?“ „ Nein“, antwortete Fritsche. „ Ich habe lediglich einen Auftrag von Oberleutnant Michailow ausgeführt. Daraufhin warf ihm der VP-Rat einen starren Blick zu. „ Der Bericht ist für den Genossen Michailow bestimmt?“ „ Jawohl, Genosse VP-Rat.“ „ Ist gut. Hauen Sie ab, Genosse.“

Das Dienstzimmer des Kommandeurs befand sich in einem Barackenbau. Durch die dünnen Wände war das Gebrüll des VP-Rates bis in die anderen Dienstzimmer gedrungen. VP-Oberrat Steuer, der Politoffizier der Bereitschaft, steckte neugierig seinen Kopf aus der Tür. „ Was war denn los?“, erkundigte er sich bei Fritsche, als dieser aus dem Dienstzimmer des Leiters trat. „ Kann ich bitte mit ihnen reden, Genosse Steuer?“ „ Natürlich. Kaum rein Junge.“

Fritsche, instinktiv eine große Chance witternd, vertraute sich dem Politoffizier an. Unmissverständlich schilderte er die „Anwerbung“ als Informant in Michailows Diensten. VP-Oberrat Steuer hörte aufmerksam zu. Dann sagte er laut: „ Sind wir schon wieder soweit, dass sie so etwas mit unserer Jugend machen?“ Heinz Steuer, ein früherer Gewerkschafter und bis 1945 Mitglied der SPD, zeigte sich fassungslos. „ Du kannst jetzt gehen. Mach dir keine Sorgen mehr. Für dich ist diese Angelegenheit erledigt.“ Dann griff er zum Telefonhörer um Michailow seinen Unmut zu verkünden. Wenige Tage später erhielt Fritsche einen Anruf. „ Was hast du getan? Wir dürfen uns nun nicht mehr treffen“, klagte Michailow am anderen Ende der Leitung. Damit endete tatsächlich Heini Fritsches kurze „Informantenkarriere“. Die zuvor angedrohten Folgen blieben aus.

 

Im Winter 1949 / 50 erkrankte ein großer Teil der Offiziere, Unterführer und Mannschaften an verschiedenen Infektionskrankheiten. Zeitweilig befanden sich bis zu 65 % des Ist-Bestandes zur Behandlung im Lazarett. Das raue Oderbruchklima erwies sich neben den sonstigen ungünstigen Gegebenheiten vor Ort, als weiterer Negativfaktor.

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ehemaliges Stabsgebäude

Anfang Februar 1950 traf VP-Chefinspekteur Heinrich Heitsch, der während des Krieges als Oberstleutnant an der Spitze der 170. Infanteriedivision der Wehrmacht stand, zur Inspektion in Küstrin-Kietz ein. Heintsch befand die Zustände in der Artilleriekaserne als menschenunwürdig. Vor seiner Abreise versprach er den Männern „ baldige Abhilfe“. Wie diese konkret aussehen sollte, ließ er offen.

Zunächst nahm der Trott seinen gewohnten Verlauf. Für ein wenig Abwechslung sorgte lediglich der Besuch einer Operettengruppe aus Frankfurt (Oder). Die Aufführung, in Mitten von Trümmern, auf dem abgeschotteten Kasernengelände, weckte bei den älteren Angehörigen der VP-Bereitschaft sofort Erinnerungen an die so genannten „ Fronttheater“ während des Weltkrieges.

Anfang März machte das Gerücht die Runde, dass die Einheit demnächst ihren Standort in Küstrin-Kietz aufgeben würde. Bald schon erfolgte die offizielle Bestätigung seitens der Führung. Am 15. März zog die 1. Brandenburgische VP-Bereitschaft wieder aus dem Tor der Artilleriekaserne hinaus. Ganze fünf Monate hatte ihr „ Gastspiel“ auf der Oderinsel gedauert. Tags darauf bezogen die Männer ihr neues Quartier in der früheren Kaserne der Leibgardehusaren in Potsdam. Heini Fritsche blieb weiter im Dienst, leistete dem SED-Regime jedoch weiter Widerstand. Von einem Kameraden denunziert, wurde er schließlich mit anderen verhaftet, vor Gericht gestellt und zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt. Nach seiner Freilassung ging er in die Bundesrepublik. Dort konnte er sich endlich seinen Traum erfüllen und als richtiger Polizist tätig sein. Zuletzt arbeitete er bis zu seiner Pensionierung bei der Kriminalpolizei in Bonn.

Die Artilleriekaserne in Küstrin-Kietz blieb nicht lange leer. Wenige Monate nach dem Abzug der VP-Bereitschaft, zogen sowjetische Soldaten in die Gebäude ein. Seit dem Mai 1991 steht die Kaserne jedoch endgültig leer. Trotz ihrer geschichtlichen Bedeutung ist sie dem allmählichen Verfall preisgegeben. Es ist eine Schande, wie hier mit einem „steinernen Zeugen der Vergangenenheit“ umgegangen wird.

Uwe Bräuning

Küstrin-Kietz

Weitere Auskünfte zu diesem oder anderen Themen bezüglich der Nachkriegsgeschichte von Küstrin-Kietz, erteilt der Geschichts und-Kulturverein “ Kietz-Bahnhof / Doworzec Chyca“.  E-Mail: Verein-Kietz-Bahnhof@gmx.de , per Telefon oder Whatsapp : 0172 5133721, Website: http://www.verein-kietz-bahnhof.de

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Autor:

Ich lebe seit über fünfzig Jahren im Oderbruch. Seitdem ich denken kann, interessiere ich mich für die Geschichte aber auch für die Gegenwart und Zukunft dieser einzigartigen Region, im äußersten Osten Deutschlands. So weit es mir möglich ist, möchte ich die reichhaltige Geschichte erforschen, aufschreiben um diese für die Nachtwelt zu erhalten. Zur Geschichte gehört ausdrücklich, auch das selbst erlebte, unser eigenes Leben. Eine weitere Leidenschaft von mir ist die Erforschung und der Erhalt der Natur meiner Heimat. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, dem können die immer deutlicher zu Tage tretenden Umweltschäden nicht verborgen bleiben. Schäden die wir alle zu verantworten haben. Schäden, die jedoch oftmals verhindert werden könnten. Naturschutz geht uns alle an! Wir alle, vor allem aber unsere Nachkommen werden davon profitieren. Leider ist zurzeit um den Naturschutz, aus verschiedenen Gründen, im Oderbruch nicht gut bestellt. Einige Aspekte werden als "Gängelei" empfunden oder einfach nur falsch verstanden. Gleichgültigkeit und Unkenntnis spielen eine weitere, nicht unerhebliche Rolle. Dazu kommt, dass die im Oderbruch stark vertretene " Bauern-Lobby" offenbar durch den Naturschutz finanzielle Einbussen befürchtet und gegen geplante Naturschutzmaßnahmen polemisiert. Obwohl gerade die Landwirte eigentlich kein gestörtes Verhältnis zur Natur haben sollten. Hier ist Aufklärung gefragt! Damit nicht noch der letzte Rest Natur im Oderbruch in trockenes staubiges Ackerland umgewandelt wird.

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