Am Anfang stand eine Idee-Dem Kietzer Vogelpark zum 45. Geburtstag

Gransee / DDR-Bezirk Potsdam, im Sommer 1971

Herbert Hartmann, ein seit vielen Jahren auf dem Grenzbahnhof Kietz tätiger Eisenbahner, verbrachte seinen diesjährigen Urlaub in der beschaulichen, von einer noch immer intakten Mauer umgebenen märkischen Städtchen Gransee.  In der feinfühlige Mitmenschen noch immer den morbiden Charme längst vergangener Tage zu spüren glaubten.  Vielleicht lag es ja daran, dass man einst in der Nacht vom 25. zum 26. Juli 1810 die im Volk beliebte, kurz zuvor verstorbene Gattin des damaligen preußischen Herrschers Friedrich Wilhelm III., auf dem Marktplatz aufgebahrt hatte.  Eigens für ihre zahlreichen Fans. Louise hieß die später zu einer regelrechten Ikone verklärte Angetraute des Königs. Deren Geist anscheinend sämtliche politischen Wendungen überstanden hatte.

Eisenbahner Hartmann interessierte sich nicht so sehr für längst verblichene Monarchinnen. Auch die imposante St. Marien-Kirche begeisterte ihn jetzt nicht unbedingt. Herberts Hauptinteresse galt einer gepflegten, mit zahlreichen Volieren und Springbrunnen versehenen Parkanlage.  Das fröhliche Gezwitscher der gefiederten Bewohner der Volieren begrüßte die Besucher bereits von weitem. Versonnen lauschten, auf den Bänken sitzend, die Gäste dem Gesang der bunten Vögel.

“ So etwas müssten wir bei uns in Kietz auch haben“, rief Herbert Hartmann begeistert aus. “ Du spinnst doch“, erwiderte seine bessere Hälfte. “ Bei uns ist doch gar kein Platz für solch eine Anlage. Außerdem- wer sollte das denn in Ordnung halten?“

Aber Herbert Hartmann war nicht der Mann, der einen einmal gefassten Gedanken so einfach wieder “ zu den Akten legte“. Wieder Zuhause im heimischen Kietz angekommen, berichtete er in einer Versammlung der Kleintierzüchtersparte “ D 404″, die der Eisenbahner seit längerem angehörte, von seinen Urlaubseindrücken.  Noch immer voller Begeisterung, kam er dabei auch auf die Parkanlage zu sprechen. Sein Vorschlag eine ähnliche Anlage in Kietz zu errichten, stieß jedoch auf Skepsis.

Völlig unbegründet erschienen die Zweifel wahrlich nicht. Ein ehrgeiziges Vorhaben dieser Dimension benötigte neben der nötigen  “ Man Power“, an der es 1971 in Kietz wohl am wenigstens gemangelt haben dürfte, vor allem zwei entscheidende Dinge- Geld und Baumaterial.

Einmal in Fahrt gekommen, ließ sich Herbert Hartmann fortan nicht mehr von seinem Vorhaben abbringen. Unterstützung fand er in seinem Eisenbahnerkollegen Gerhard Brunn, in dem Elektriker Richard Rösler und dem Imker Erwin Kruse. Der „nebenbei“ auch die “ Arbeitsgemeinschaft Junge Imker“ im Ort leitete. Bald gesellten sich andere Helfer dazu. Das ehemalige, zum damaligen Zeitpunkt verwilderte Gelände der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Autowerkstatt “ Richard Pflaum“ bot sich als geeignetes Terrain geradezu an.

Voller Elan und Tatendrang, unterstützt von vielen fleißigen Händen, ging Herbert Hartmann daran seinen Traum zu verwirklichen.  Zunächst musste das Areal von Sträuchern und Büschen beräumt werden. Anschließend wurde die noch heute genutzte Voliere errichtet. Dann entstand der Springbrunnen. Bänke, die zum Verweilen einluden, kamen hinzu.

Als der damalige Kietzer Bürgermeister , Siegmar Bartel, den Park offiziell eröffnete, in dem er den Helfern in seiner Ansprache Dank zollte, durften  die Mitwirkenden zu Recht stolz auf die vollbrachten Leistungen sein.

Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich das Gelände zu einem beliebten Treffpunkt der Kietzer. Manche wollten nur dem Gesumme der Bienen und dem Gezwitscher der Vögel in der Voliere, in der auch Fasanen lebten,  lauschen. Um sich dabei vom Alltag zu erholen. Andere trafen sich hier auf ein Rendezvous. Der “ Kleintierpark“, wie der heutige Vogelpark zunächst genannt wurde, bot viele Möglichkeiten. Selbst bei den in gewissen Abständen im Beisein eines Vertreters des “ Rates des Kreises Seelow“ durchgeführten “ Dorf-Visiten“ durfte ein Abstecher in den Park nicht fehlen.

Es summt und zwitschert im Kietzer Parkgelände
Dieser Artikel über den Kietzer Kleintierpark und seine Betreuer erschien im Sommer 1980 im “ Neuen Tag“. Verfasst wurde der Artikel, wie so oft von Jens Krautz. Der ebenfalls in Kietz wohnhaft war. 

Bildquelle: Kreisarchiv Märkisch-Oderland

Werner Brunn
Neben Herbert Hartmann und Erwin Kruse, gehörte auch Gerhard Brunn zu den Vätern des heutigen Vogelparks. 

Bildquelle: Werner Brunn

Da schlummern noch Kräfte.jpg
Ende 1983 führte eine dieser Visiten auch in den Kleintierpark Kietz.

Bildquelle:  Kreisarchiv Märkisch-Oderland

Leider gab und gibt es, damals wie heute, immer wieder Dummköpfe denen es Vergnügen bereitet die Arbeit anderer zu zerstören.  Am liebsten tobten sich die Vandalen an den Bänken und am Brunnen aus. Aber auch die Voliere blieb im Laufe der Jahre nicht völlig verschont. Einmal wurde der Draht aufgeschnitten, so dass sämtliche Vögel “ in die Freiheit entkamen“.  Oder besser gesagt: in den sicheren Tod! Besonders groß war der Schreck, als eines Abends Jugendliche, “ zum Spaß“, die Abgase ihrer Mopeds in die Voliere leiteten.  Ein „Spaß“ den die meisten der gefiederten Bewohner nicht überlebten!

Ungeachtet aller Rückschläge ging es in der kleinen Parkanlage immer weiter. Nach dem Tod von Herbert Hartmann, im Jahr 1998, übernahmen andere die Pflege. Zum Beispiel der langjährige Gemeindearbeiter Dieter Kutz. Seit 2015 lenkt Marion Pranzner in fleißiger ehrenamtlicher Tätigkeit die Geschicke des Vogelparks. Rückschläge musste auch sie bereits hinnehmen. Diese reichten von Sachbeschädigungen bis hin zu einer Rattenplage, der kurz vor Weihnachten 2017 ausgerechnet die munteren lustigen Ziegensittiche zum Opfer fielen.  Ein großer Verlust. Nicht nur in finanzieller Hinsicht. Denn die “ chronisch klamme“ Gemeinde konnte keinen Ersatz beschaffen. Die Wiederbeschaffung erfolgte aus privater Kasse. Genau wie Bereitstellung von Sand im vergangenen Jahr.

Vogelpark 6
Im Frühjahr 2015 erhielt der Vogelpark eine neue Bank

Foto: Uwe Bräuning

 

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Blick in die Voliere

Foto : Uwe Bräuning

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Der ehemalige Springbrunnen 

Foto : Uwe Bräuning

Eines haben jedoch alle bisherigen Betreiber der Anlage gemeinsam : den festen Willen niemals aufzugeben. Seit 2016 ist unser Ort um eine Attraktion reicher: dem Ostereiersuchen im Vogelpark. Jeweils am Vormittag des Ostersonntags.

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Foto: Uwe Bräuning

Die Zukunft der Anlage ist heute ungewisser denn je. Es zweifelhaft, ob der Park noch einmal 45 Jahre bestehen wird. Was wird sein, wenn Marion die Anlage nicht mehr pflegen kann?

Abhängig ist die Zukunft der Anlage jedoch nicht allein vom Einsatz der ehrenamtlichen Helfer. Sondern auch von der Bereitschaft der Spender. Ohne deren freiwilligen Geldzuwendungen bereits jetzt vieles nicht mehr möglich wäre. Stellvertretend für alle, möchte ich an dieser Stelle die Lebenspartnerschaft Hans-Jürgen Behrend und Elke Hoffmann aus Küstrin-Kietz nennen.

Bedanken möchten wir uns weiterhin bei unserem immer treuen Helfer Helmut Scharnow,  der seine handwerklichen Fähigkeiten stets  voller Elan zur Verfügung stellte.

Ihnen allen-angefangen von Herbert Hartmann, Richard Rösler, Erwin Kruse und Gerhard Brunn, über Dieter Kutz bis Marion Pranzner sowie vielen ungenannten Helfern, sei an dieser Stelle Danke gesagt. Danke für den Aufbau und den Erhalt eines einzigartigen Kleinods mitten in Küstrin-Kietz.

 

Uwe Bräuning

 

 

 

 

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Autor:

Ich lebe seit über fünfzig Jahren im Oderbruch. Seitdem ich denken kann, interessiere ich mich für die Geschichte aber auch für die Gegenwart und Zukunft dieser einzigartigen Region, im äußersten Osten Deutschlands. So weit es mir möglich ist, möchte ich die reichhaltige Geschichte erforschen, aufschreiben um diese für die Nachtwelt zu erhalten. Zur Geschichte gehört ausdrücklich, auch das selbst erlebte, unser eigenes Leben. Eine weitere Leidenschaft von mir ist die Erforschung und der Erhalt der Natur meiner Heimat. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, dem können die immer deutlicher zu Tage tretenden Umweltschäden nicht verborgen bleiben. Schäden die wir alle zu verantworten haben. Schäden, die jedoch oftmals verhindert werden könnten. Naturschutz geht uns alle an! Wir alle, vor allem aber unsere Nachkommen werden davon profitieren. Leider ist zurzeit um den Naturschutz, aus verschiedenen Gründen, im Oderbruch nicht gut bestellt. Einige Aspekte werden als "Gängelei" empfunden oder einfach nur falsch verstanden. Gleichgültigkeit und Unkenntnis spielen eine weitere, nicht unerhebliche Rolle. Dazu kommt, dass die im Oderbruch stark vertretene " Bauern-Lobby" offenbar durch den Naturschutz finanzielle Einbussen befürchtet und gegen geplante Naturschutzmaßnahmen polemisiert. Obwohl gerade die Landwirte eigentlich kein gestörtes Verhältnis zur Natur haben sollten. Hier ist Aufklärung gefragt! Damit nicht noch der letzte Rest Natur im Oderbruch in trockenes staubiges Ackerland umgewandelt wird.

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